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Der Tod als Zaungast: Tankred Dorsts „Blau in der Wand“

Recklinghausen Der Tod als Zaungast: Tankred Dorsts „Blau in der Wand“

„Universaldramatiker“ Tankred Dorst geht bei den Ruhrfestspielen aufs Ganze. Sein neues Stück „Das Blau in der Wand“ zeigt, wie ein Paar gemeinsam alt wird. Ein Abend aus nur einer Szene, mit Schönheit, Haltung und der begründeten Angst vor dem Alleine-Zurückbleiben.

Recklinghausen. Gute Geschichten können ganz einfach sein. „Ein Paar, das sich in einer einzigen langen Szene durch das ganze Leben redet bis in den Tod und darüber hinaus“, lautet der Untertitel von Tankred Dorsts neuem Stück „Das Blau in der Wand“. Am Mittwoch feierte es bei den Ruhrfestspielen seine Uraufführung.

Der inzwischen 90-jährige Dramatiker entwirft darin die Welt eines lebenslang zusammenbleibenden Paars, eines Paars, wie er selbst mit seiner Frau und Gesprächspartnerin Ursula Ehler seit über 40 Jahren eines ist. Wie die Eheleute auf der Bühne streiten, wie sie voreinander alt spielen (und es plötzlich sind), wie es immer nur sie gibt, ist ein schönes, romantisches Bild.

Aber auch ein brüchiges. Denn die zwei sind immer zu dritt: Hinten im Bühnenbild aus Drahtgitterwänden (Heinz Hauser) steht von Anfang an als Zaungast der Tod (Ralf Harster). Er reicht der Frau die Kamera, als sie einen Moment für die Ewigkeit festhalten will. Tanzend sammelt er die Scherben der Tiffany-Lampe auf, als der Mann wütend wird.

„Das ist mir inhaltlich natürlich ganz nah“, sagt Dorst über sein Stück. Er habe daran „unverhältnismäßig lange gearbeitet“, über mehrere Jahre. Wichtig sei ihm die Frage gewesen: „Was ist ein Charakter, auf der Bühne oder auch im Leben?“ Sein neues Stück antwortet darauf wie seine bisherigen, die sich seit 1960 stets für die Echtheit der Figuren interessierten: Charakterliche Konsistenz ist eine Illusion.

So sagt der Mann in jungen Jahren, er hasse Denkmalschutz: „Das Leben will zerstören, nicht erhalten! Und neu beginnen.“ Später lebt er mit seiner Frau selbst in einem Baudenkmal. Eines Tages kommen Beamte, finden ein Fleckchen Blau an einer weißen Wand und ordnen an, es zuzuspachteln. „Damit es gesichert ist, unter Putz“, erklärt die Frau, „nicht verwittern kann und weiter verblassen. Verstehst du?“ Nur sehen kann es dann niemand.

Textlastiges Theater strengt oft an. Hier allerdings nicht. „In Zeiten, in denen die Stücke vielfach aus reinen Textflächen bestehen, sind Dorsts starke, echte Dialoge eine große Bereicherung für die gegenwärtige Theaterlandschaft“, sagt Festspielleiter Frank Hoffmann über seine Programmentscheidung.

Großen Anteil an der glaubwürdigen Durchführung des Abends haben Karin Pfammatter und Heikko Deutschmann als Paar auf der Bühne. Völlig natürlich transportieren sie das Einschleichen des Alters, völlig selbstverständlich das spielerische Verfallen ins distanzierte Siezen des Partners.

Regisseur David Mouchtar-Samorai leistet die abenteuerliche Raffung eines Lebens zu einer Szene so souverän, dass sie fast schwerelos wirkt. Bis zum finalen Schrecken, den der Tod für die alleine zurückgebliebene Frau formuliert: „Dass der Mann wirklich und endgültig tot ist.“

Tankred Dorst prägt das deutsche Theater seit 1960 mit. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte ihn zu seinem 90. Geburtstag im Dezember 2015 anerkennend den „Universaldramatiker“. Er arbeite aktuell an mehreren Stücken, sagt er. Konkret sei allerdings momentan noch nichts.

Ab dem 1. Oktober wird die Ruhrfestspiele-Inszenierung von „Das Blau in der Wand“ am Düsseldorfer Schauspielhaus unter dem neuen Intendanten Wilfried Schulz zu sehen sein.

dpa

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