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Der alte Mann und seine Insel

Kloster/Hiddensee Der alte Mann und seine Insel

Seit über 60 Jahren lebt der Maler Willi Berger auf Hiddensee. Er wirkte hier als Ornithologe und als Künstler. Noch heute trifft man den 93-Jährigen im Freien beim Malen an.

Kloster/Hiddensee. Die Begrüßung ist herzlich. Klar können wir über alles reden, sagt der 93-Jährige. „Aber“, warnt er lachend, „die Amerikaner klammern wir lieber aus!“

Deren Politik sei ihm zu egoistisch und gefährlich. Sogar dem Präsidenten Obama hat er deshalb schon mal einen Brief geschrieben – aber keine Antwort erhalten.

Er selbst sei Sozialist, betont er und hebt den Zeigefinger: „Sozialist, nicht Kommunist: Das ist etwas ganz anderes!“ Ein weitherziger Sozialist jedenfalls, an seiner Ateliertür lässt er eine Spruchpostkarte in großen Lettern fröhlich verkünden: „Gott grüßt die Kunst!“

Der alte Mann und seine Insel. Der älteste Einwohner auf Hiddensee – Willi Berger, der Inselmaler. Gemalt und gezeichnet hat er seit seiner Kindheit, als er mit Eltern und zwei Brüdern aus dem Geburtsort Bärwalde (heute Mieszkowice in Polen) nach Berlin zog, wo er aufwuchs und zur Schule ging – etwas Berliner Sound klingt noch in seiner Rede.

Die Insel Hiddensee malt Berger, seit er im September 1955 mit seiner Frau Ruth dorthin gezogen ist. Genau genommen fing es noch früher an: Ende 1944, in den Wirren der letzten Kriegswochen, wurde er als frisch ausgebildeter Flugzeugführer zur Luftkriegsschule Dranske auf Rügen versetzt. In der Freizeit zeichnete er – wie zu allen Zeiten seiner dreieinhalbjährigen Armeezeit. „Der Ausblick nach Hiddensee vom Bug aus war so beeindruckend, dass ich ihn einfangen musste“, erinnert er sich. Eine Buntstiftzeichnung: Bild des Friedens mitten im Krieg.

Jetzt also über 60 Jahre Leben auf Hiddensee. Noch immer macht sich Willi Berger vormittags mit dem Elektrodreirad auf den Weg über die Insel, Malsachen im großen Korb hinterm Sitz. „Wenn ich über die Insel gehe, finde ich immer etwas, das ich noch nicht gemalt habe“, sagt er. Das wird wohl so bleiben, ist dennoch erstaunlich. Denn Bergers Werkverzeichnis, das er auf den Bildrückseiten fortlaufend notiert, ist auf mittlerweile 4200 Bilder angewachsen. Die meisten sind verkauft – in Deutschland, dreizehn europäischen Ländern, Japan, Kanada. „Es gab auch schon Fälschungen“, erzählt der Maler. „In Dresden waren mal Bilder von Willi Berger ausgestellt, die waren nicht von mir.“

Um die tausend Arbeiten lagert er in seinem Atelier „Schwalbennest“ und weiteren Bilderkammern seines Anwesens in Kloster auf Hiddensee: Neben eigenen Gemälden – Porträts, Landschaften, Stillleben, Akten – finden sich da einige von ihm restaurierte Bilder der Hiddensee-Malerin Elisabeth Büchsel (1867-1957). Oder von Hans Meissel (1888-1969), seinem Lehrer und Freund.

Einen solchen Mentor wie Meissel, bei dem er die Liebe zur Natur und auch die zur Kunst lernte, habe er nie wieder gefunden, sagt Willi Berger. Er hat ihm später ein Denkmal gesetzt: Nach dem Mauerfall ging Berger 1990 nach Berlin, um an der fast anderthalb Kilometer Mauerkunst präsentierenden Freilichtausstellung „East Side Gallery“ mitzuarbeiten. Aber er malte dort nichts Eigenes, sondern brachte ein Bild Meissels auf drei Mauersegmente: Dessen „Soli Deo Gloria“ (Allein Gott zur Ehre), eine Widmung, die Bach und andere Komponisten häufig unter ihre Werke schrieben. Meissel hatte mit dem Bild, aus dessen abstrakten Farb- und Formspielen ein Kreuz, aber auch ein Mensch hervorscheinen, Bachs „Die Kunst der Fuge“ würdigen wollen.

Wenn Willi Berger aus seinem Leben erzählt, ruhig, lakonisch, aber auch stolz, hört man Jahrhundertgeschichte. Eine Lebensgeschichte von Widersprüchen, auch von viel Glück: Wie einer als Pazifist den Krieg übersteht und kurzzeitig gar eine Kompanie führt. Wie er von einem amerikanischen GI zum Marxismus bekehrt wird. Wie er als Sozialist mit den absurden Verhältnissen in der DDR hadert, gar mit seiner Frau Ruth politisch verdächtigt, verhaftet wird, aber trotzdem seinen Platz findet – als Förster, dann auf Hiddensee als Ornithologe und Konservator der Vogelwarte, als Künstler. Wie er sein Haus selbst aufbaut. Wie er mit Anstand die Nazi-Barbarei und die DDR-Plumpheit übersteht.

Sein Hiddenseer Grundstücksnachbar Walter Felsenstein, der berühmte Opernregisseur, habe ihm mal geraten, sich auf Hiddensee einzusetzen für Menschlichkeit und Humanität, gegenseitige Hilfe und Gemeinwohl, erzählt er. Die Beschlüsse der Partei könne er ja doch nicht beeinflussen.

Viele dieser Geschichten gehen ihm durch den Kopf, wenn Willi Berger heute auf seiner Insel malt. Manchmal bleiben Leute stehen, sehen dem rüstigen alten Mann beim Malen zu. Meist hat er gleich noch ein fertiges Bild im handlichen Format 40 mal 50 zur Ansicht dabei, manchmal verabredet man sich dann zum Atelierbesuch. Oder zu einer Porträtsitzung, aus der gern auch eine Aktsitzung werden darf, wie er sagt. Vieles ist möglich auf dieser Insel, die einen wie Berger festhält – wegen der Natur. Und wegen der Erinnerungen.

Dietrich Pätzold

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