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Kultur Der eigentümliche Zauber des Verfalls
Nachrichten Kultur Der eigentümliche Zauber des Verfalls
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00:01 04.06.2016

/Schwerin. Wer als Tourist nach Mecklenburg-Vorpommern kommt, begibt sich für gewöhnlich an den Ostseestrand oder blickt auf die Schokoladenseiten des Landes. Kurz gesagt: Meistens geht’s ihm um die schönen Seiten.

Es geht aber auch anders. Denn eine ebenso große Faszination können verlassene Orte auslösen, auch sie stehen für die Geschichte unseres Landes. Martin Kaule und Arno Specht haben sich auf Spurensuche begeben und solche Orte aufgesucht. Der Band heißt „Geisterstätten“, eine Reise an eher unbekannte Plätze des Landes. Und schön sind die ganz gewiss nicht. Total kaputt – aber immer auch ein bisschen geheimnisvoll.

Der bekannteste Ort dürfte in dieser Reihe das nie fertiggestellte „KdF“-Bad von Prora sein. Von der Grundsteinlegung 1936 bis zum Kriegsbeginn 1939 wurde der Rohbau errichtet, die militärische Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 und der zeitweilige Leerstand machten die Anlage nicht gerade schöner. Die Fotos dokumentieren hier meist die Prora-Kellerarchitektur, die eher gruseligen Ecken der 4,5 Kilometer langen Anlage. Eine ähnliche Geschichte hat die Flakartillerieschule in Rerik zu bieten. Ab 1933 entstand auf der Halbinsel Wustrow die damals größte Flakartillerieschule Nazideutschlands. Nach 1945 zog die Sowjetarmee ein – bis zum Abzug 1994 waren dort mehrere zehntausend Soldaten stationiert. Der heutige Blick in die Anlage zeigt nicht nur spärliche Hinterlassenschaften der letzten Bewohner, auch einen Zustand der Verwahrlosung.

Etwas bessere Zeiten hat eine Anlage in Zinnowitz gesehen, die von 1958 bis 1989 das Kindersanatorium „Erich Steinfurth“ war. In der DDR ein Erholungsheim für Kinder, die unter Atemwegserkrankungen litten, davor allerdings war die Anlage ein Hotel: Die ersten Bauten wurden 1875 errichtet und trugen den Namen „Belvedere“. Zunächst also großbürgerliches Ambiente – mit Theatersaal, eleganten Treppenhäusern, Salons und Wandelgängen. Ein Ort für betuchte Usedom-Urlauber also. Doch die weiteren Stationen nach 1907: Waisenhaus, Seuchenkrankenhaus, Pionierlager und schließlich Kinderkurheim.

Im Lauf dieser Zeit verschwand der Glanz von Neobarock und Neoklassizismus. Nach 1991 bröckelte auch der Rest, denn weitere Nutzungen haben sich seitdem für die Anlage nicht ergeben.

Noch jünger ist die Geschichte des Faserplattenwerks in Ribnitz-Damgarten. Es wurde 1953 auf dem Gelände errichtet, auf dem zuvor die Walther-Bachmann-Flugzeugwerke gestanden hatten, wo Bomber vom Typ Heinkel He 111 repariert wurden. Nach der Werksdemontage 1945 wurde die Fläche frei. Das neue Werk, in dem unter anderem die „mitteldichte Faserplatte“ hergestellt wurde, fand seinen Niedergang mit der Wende 1989 und den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen. Zunächst gab’s noch etwas Hoffnung: Aus dem VEB Faserplattenwerk wurde die Bestwood GmbH, nach 1996 war auch dieses Kapitel zu Ende. Seitdem stehen die Hallen leer, das Bild wird bestimmt von geborstenem Beton, verrosteten Rohren und viel Schutt. Die Natur holt sich langsam das Gelände zurück.

So sieht’s an den menschenleeren Orten aus, die in diesem „Geisterstätten“-Panorama abgebildet sind. Die aufgegebene und teilweise abgerissene Eisenbahnbrücke von Dömitz macht noch einen halbwegs malerischen Eindruck, ansonsten sind diese zerfallenen Gebäude stumme Zeugen unserer Landesgeschichte. Dieses Buch ist wie ein alternativer Reiseführer, der Neugierige an 14 verlassene Orte führt, an die sich normalerweise kein Tourist verirrt.

Thorsten Czarkowski

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