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Kultur Der exakte Blick des Landvermessers
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00:00 25.02.2017
Ahrenshoop

Im Vordergrund ein überschwemmter Weg. Die Spiegelungen auf dem Wasser, die der Betrachter auf den ersten Blick eher übersieht, sind typisch für Carl Malchin (1838-1924). Sie zeigen die Flügel der Windmühle im Hintergrund, dem zentralen Punkt im Bild „Boddenblick mit Mühle“ von 1893. Sie spiegeln die Bäume und die Landschaft dieses Ahrenshoop-Motivs. Die Ansicht wählt einen zentralen Ausschnitt Ahrenshoops nahe am Bodden. Dort, wo die Mühle stand, bewegte sich das Leben im Fischerdorf um 1893. Das Bild „Boddenblick mit Mühle“

Carl Malchin, ein Gründervater der Künstlerkolonie, malte 1893 den Boddenblick

wurde 2015 von der Behrens-Stiftung Hannover für das Kunstmuseum angekauft und hängt als Dauerleihgabe im Museum.

Carl Malchin bildete das dörfliche Mecklenburg ab. Schaut man auf sein Gesamtwerk, das in Ahrenshoop und zu großen Teilen im Staatlichen Museum Schwerin zu sehen ist (rund 90 Gemälde werden seit dem Zweiten Weltkrieg vermisst), eröffnet sich ein wahres Kompendium Mecklenburgischer Landschaft und Dorfidylle. Er bewegte sich gern im bäuerlichen Umfeld, im einfachen Milieu der Fischer, Bauern, Arbeiter. Für Katrin Arrieta ein entscheidender Aspekt in Malchins Œuvre: „Das, was er gemacht hat mit den ärmlichen Dorfszenerien, ist ja alles andere als das, was damals geschätzt wurde.“ Noch im Jahr 1872 hatte der Berliner Maler Max Liebermann (1847-1935) mit seinem Gemälde „Die Gänserupferinnen“ in Hamburg Abscheu erregt, weil er sich mit so einem Sujet deutlich den Konventionen der damaligen Genremalerei widersetzte.

Das zeigt um so mehr, wie fortschrittlich die Maler der Künstlerkolonie gewesen sind. Sie eint ein hohes Maß an Beweglichkeit und Reiselust. Künstler wie Malchin, Karl Lorenz Rettich, Oskar Frenzel, natürlich Paul Müller-Kaempff und Friedrich Wachenhusen trafen sich in München, Wien, Weimar, Berlin, Paris und tauschten sich aus. Malchin, der 1882 das erste Mal in Ahrenshoop war, wovon zwei Skizzen datiert mit „Ahrenshoop d. 9. Septbr. 1882“ zeugen, sei für die Künstlerkolonie nicht nur wegen seiner Landschaftsbilder so enorm wichtig, sagt Arrieta, sondern auch als Multiplikator: „Wir machen uns ja gar nicht bewusst, wie offen die Welt vor dem Ersten Weltkrieg gewesen ist, welchen internationalen Austausch es unter Künstlern gegeben hat. Die Künstler haben von Frankreich profitiert. Sie schauten auf die Maler von Barbizon. Auch Weimar war damals äußerst wichtig. Der fortschrittliche Geist hat sich nicht erst mit Bauhaus ausgebreitet, sondern bereits in den 1870er Jahren über die Weimarer Kunstschule, die damals eine der progressivsten war.“ Und diese Künstlerconnections trafen sich in Ahrenshoop wieder.

Carl Malchin, der in Kröpelin geboren wurde und in München und Wien Geodäsie und Ingenieurwissenschaften studierte, war nach dem Examen als Vermesser am Schweriner „Museums-Buereau“ tätig. Malen in der Landschaft warsein Hobby. 1873 wurde Malchin Konservator der Staatlichen Gemäldegalerie Schwerin und vom Großherzog gefördert. Arrieta sagt: „Das ist bemerkenswert, dass der Großherzog ihn so geschätzt hat. Er war in der Lage, vom Sujet abzusehen und die malerische Qualität zu erkennen.“ Malchin kam als Konservator mit der Landschaftsmalerei der Niederländer aus dem 17. Jahrhundert in Verbindung und er kam über ein Stipendium – der Großherzog hatte großherzig Urlaub spendiert – nach Weimar und lernte Theodor Hagen und Albert Brendel als Dozenten an der Weimarer Kunstschule kennen.

Malchins Bedeutung für die Künstlerkolonie ist unumstritten, obwohl er der einzige Gründervater ist, der nie in Ahrenshoop gelebt hat. Besonders an seinem Werk ist auch der Blick des Ingenieurs und Landschaftsvermessers. Ihm sei es gelungen, die räumlichen Verhältnisse weitaus präziser rüberzubringen als zum Beispiel Müller-Kaempff. Arrieta sagt: „Da ist er einmalig. Ich finde es auch beeindruckend, dass er wenig hinzugefügt hat an fantastischem Zusatz – zum Beispiel was die Farbigkeit der Bilder angeht.“ Malchin war im Farbspiel stets zurückhaltend und habe Stimmungen sehr feinsinnig, auf eine realistische Art wiedergegeben. Arrieta sagt: „Das kann er von allen Malern der Künstlerkolonie am besten. Er ist der nüchternste, die Umsetzung ist wahnsinnig sensibel, differenziert und gekonnt.“

Die Ahrenshooper Mühle stand bis in die 1960er Jahre. 1968 wurde die Ruine aus Sicherheitsgründen von der Freiwilligen Feuerwehr abgerissen, erzählt Ahrenshoops parteiloser Bürgermeister Hans Götze (67). Die neue Mühle ist nicht mal ein Jahr alt. Die Ahrenshooper Familie Köppke ließ sie von 2015 an bauen und betreibt dort ein Schweden-Café mit Bioprodukten und Fair-Trade-Kaffee. Im Mahlwerk befindet sich der Werkstatt-Nachlass des Malers und Grafikers Theodor Schultze-Jasmer, dazu gibt es wechselnde Ausstellungen. Zur Zeit mit Werken der Grafikerin Carola Pieper. Über eine „Himmelsleiter“ gelangt man in eine Ferienwohnung im oberen Stockwerk. Die Ahrenshooper Mühle ist wieder belebt – 123 Jahre, nachdem Carl Malchin sie gemalt hat.

Internet:

www.muehle-ahrenshoop.com

Michael Meyer

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