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Der falsche Honecker macht richtig Politik

Rostock Der falsche Honecker macht richtig Politik

Im Film „Vorwärts immer!“ mimt Schauspieler Jörg Schüttauf den „besten Honecker“

Rostock. Die „schrägste Honecker-Komödie ... seit Honecker“ soll es sein: Am 12. Oktober kommt „Vorwärts immer!“ bundesweit ins Kino. Am 15. Oktober um 20 Uhr gibt es für Leser der OSTSEE-ZEITUNG im Rostocker Capitol ein „Special Screening“ mit den Schauspielern. Unser OZ-Interview am Jahrestag der DDR.

Ihre Komödie gewann beim Bayerischen Filmpreis einen Regiepreis (Franziska Meletzki), Sie selbst wurden dort bester männlicher Hauptdarsteller. Herzlichen Glückwunsch

Jörg Schüttauf: danke sehr

Aber erklären Sie mal: Was ist denn 28 Jahre nach dem Ende von Honeckers Macht noch witzig an einer Honecker-Parodie? Als gelernter DDR-Bürger haben Sie doch sicher auch schon damals über Honecker und Honecker-Witze gelacht?

Ich war als junger Mensch 29 Jahre lang DDR-Bürger, bis die Mauer fiel. Und ich konnte damals fast gar nicht lachen über den Herrn Honecker. Sondern ich hab mich die ganze Zeit eher gewundert. Und habe mich auch gewundert über den großen Humor, den die Leute empfanden, als Kollegen von mir Honecker mit großem Erfolg nachzumachen begannen. Darüber konnte ich auch lachen, aber ich selbst bin, als gelernter Schauspieler, nie auf die Idee gekommen den nachzumachen. Das kam erst mit dem Film.

Also ein recht spätes Lachen?

Für mich war das Drehbuch eine Perle an Humor. Das hätte auch 50 Jahre später passieren können. Wenn man so ein tolles Buch kriegt mit so guten Gags, mit so einer fantastischen Geschichte, die so oder ähnlich wirklich hätte passieren können in diesen Wende-Wirren 1989. Und es ist auch ein gefundenes Fressen für einen Schauspieler. Also ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei, im Gegenteil: Die Arbeit hat eine solche Freude gemacht, die Idee, mich als Honecker zu besetzen, vor allem als Honecker-Double, das muss man betonen. Denn ich spiele ja vor allem einen, der so tut, als ob er Honecker sei, das alles sehr angstbesetzt, wenn er ins SED-Zentralkomitee geht und die echte Margot trifft, weil er ständig fürchtet, als falscher Honecker aufzufliegen.

Es ist ja sogar eine Dreifach-Rolle: der echte Honecker, dann der Schauspieler Otto Wolf, der gerade in einem systemkritischen Theaterstück den Honecker mimt und Probleme mit seiner Tochter hat, weil die in den Westen will, und dann spielen Sie, wie dieser Schauspieler als falscher Honecker die echte Politik ändert. Es gibt da diesen Satz: „Otto ist der beste Honecker, viel besser als der echte“.

Aber im Film geht’s nicht nur um Honecker.

Genau. Da sind viele kleine Geschichten verwoben, die es so oder ähnlich gegeben hat. Wir hatten oppositionelles Theater in der DDR, im Film ist das eine ziemliche Kaspertruppe von Schauspielern.

Dann haben wir draußen den Wartburg mit den zwei Stasi-Leuten, wir haben wir eine Tochter, die ausreisewillig ist, und den Vater, der sie zurückhalten will ... Das hat es wirklich gegeben. Und auch, dass es kurz vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs stand, weil die Truppen bei Leipzig tatsächlich Gewehr bei Fuß standen. Das kommt ganz gut recherchiert vor ... also ich habe das sehr gerne gemacht.

Die Komödie hat diesen historischen Hintergrund, Leipzig 9. Oktober 1989, als sich die weitere Wende-Geschichte entschied: „chinesischen Lösung“ (Schießbefehl gegen Demonstranten) oder friedlicher Dialog. Wissen Sie noch, wie Sie diesen Tag erlebten?

Den Tag nicht. Aber ich weiß noch, dass ich kurz zuvor in eine Reserveeinheit der Nationalen Volksarmee eingezogen wurde. Für mich völlig unverständlich, denn ich war wahrscheinlich der unbrauchbarste Soldat im Warschauer Vertragsgebiet. Nach 14 Tagen konnten wir wieder nach Hause gehen.

Sie haben früher schon verschiedene Wendegeschichten gespielt: einen Offizier in „Wir sind das Volk“ oder einen DDR-Kriminellen, der zehn Jahre nach der Vereinigung in die Bundesrepublik entlassen wird, der hieß interessanterweise Martin Schulz

ja, richtig. Da können Sie mal sehen, was aus dem geworden ist.

Und jetzt mit Honecker die Königsebene, wenn man da von König sprechen kann. Ist das ein anderes Gefühl im Umgang mit dem historischen Stoff?

Das ist durchaus was anderes. So viele Komödien habe ich noch nicht gemacht. Weil, wenn du einmal einen Polizisten gespielt hast, dann bist du meistens dein Leben lang ein Polizist. Wenn‘s richtig rund läuft, machst du das dein ganzes Leben. Aber nicht, wenn du Schüttauf heißt (lacht). Dann kommen noch Möglichkeiten, einen Psychopathen zu spielen oder einen Schwerverbrecher. Es werden ja Krimis ohne Ende gedreht. Und dann kommt diese Gelegenheit mit Honecker, eine so wunderbar lustvoll ausgedachte Komödie.

Worin liegt denn speziell bei dieser Gestalt der schauspielerische Reiz?

Erstmal ist es ein herrliches historisches Vorbild, er zeichnete sich ja nun durch einige Merkwürdigkeiten aus, der Erich, angefangen bei der Stimme, wie man ihn halt so kannte. Dann kam bei mir aber auch der Ehrgeiz, hinter diese offizielle Fassade zu gucken. Aber ich durfte auch schon millionenschwere Industrielle der Bundesrepublik spielen, mein Beruf ist Schauspieler. Ich hab auch schon das Rumpelstilzchen gegeben, da hat dann keiner besondere Fragen gestellt.

In der Komödie gibt es bewusste Anklänge an Filmgenies wie Ernst Lubitsch, „Sein oder Nichtsein“, und Charlie Chaplin, „Der große Diktator“. Wie fühlt man sich als Schauspieler, wenn man in so große Traditionen gestellt wird, ist das auch ne Last oder befördert es einfach die Spiellust?

Da muss ich gestehen, ich habe diese Filme nicht gesehen. Das mag unglaubwürdig klingen, ist aber so. Vielleicht war es ein großer Vorteil, dass Schüttauf so naiv und unvorbelastet da reingegangen ist. Wenn ich es geahnt hätte, dann hätte ich möglicherweise tatsächlich die ganze Zeit ein bisschen rumgezickt und Angst gehabt, dass ich es eventuell nicht so gut machen könnte wie die Vorbilder.

Das ausführliche Interview

in unserer Online-Ausgabe

unter www.ostsee-zeitung.de

Interview Dietrich Pã¤tzold

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