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11:54 11.05.2018
Harvey Weinstein und seine Frau Georgina Chapman 2016 bei den Filmfestspielen in Cannes. Quelle: Ian Langsdon

Cannes (dpa) – „Abwesend, und doch in allen Köpfen“ lautet der Tenor zahlreicher Medien zur Post-Weinstein-Ära in Cannes. Und das nicht nur wegen der „MeToo“-Debatte, die seit dem Skandal um Harvey Weinstein weltweit immer größere Kreise zieht.

Der Hollywood-Prozent, der der sexuellen Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung bezichtigt wird, gehörte Jahrzehnte in Cannes zu den Stammgästen des Festivals. Hier machte er Geschäfte, feierte Partys und tat sich bei der alljährlichen Spendengala der US-Aids-Hilfe amfAR mit Glamour und Stars aus aller Welt als Sponsor hervor.

Wie in den vorherigen Jahren findet das Event auch diesmal wieder in dem Luxushotel Cap-Eden-Roc in der Nähe von Cannes statt. Wie die Stimmung unter den mehr als 900 VIPs der Filmbranche, Mannequins und Schauspielerinnen am 17. Mai sein wird, bleibt jedoch fraglich. In der Nobelabsteige mit Meerwasserpool hatte Weinstein auch seine Suite, in die er seine Opfer gelockt haben soll, unter ihnen die italienische Schauspielerin Asia Argento, die ihn der Vergewaltigung bezichtigt. 

Weinstein galt als „König der Croisette“ und Cannes während des Festivals als seine Hochburg. Dass der Name des 66-Jährigen, der sich laut Medienberichten in Amerika einer Therapie gegen Sexsucht unterzieht, derzeit präsenter ist denn je, erstaunt deshalb wenig.

Auf dem parallel zum Festival verlaufenden Filmmarkt, wo Händler aus aller Welt ihre Werke anbieten, stellt man sich die Frage, wer nun in seine Fußstapfen treten werde. Weinstein galt als bedeutender Förderer des europäischen Films in den USA. Er kaufte die Werke auf dem „Marché du film“ und verhalf ihnen in den USA zu Aufmerksamkeit wie dem Stummfilm „The Artist“ im Jahr 2011. Der Streifen des französischen Regisseurs Michel Hazanavicius mit Jean Dujardin und Bérénice Bejo gewann gleich fünf Oscars.

Für die französische Zeitung „Le Monde“ hat Cannes Weinstein erst zu einem Magnaten des unabhängigen Kinos gemacht. Unter dem Titel „Und Cannes schuf den allmächtigen Harvey Weinstein“ widmet die Zeitung dem gestürzten Filmmogul und seiner Beziehung zu Cannes ein Dossier. Cannes habe mit dem von ihm produzierten Drama „Pulp Fiction“ entdeckt, dass Weinstein nicht nur im Vertrieb tätig gewesen sei, lautet die Analyse. Der Film von und mit Quentin Tarantino gewann im Jahr 1994 die Goldene Palme.

Das Filmfestival hat die Post-Weinstein-Ära mit der Einrichtung einer Hotline begonnen, bei der sich Zeugen und Opfer sexueller Übergriffe melden können. Debatten über die Stellung der Frau in der Filmbranche stehen auf dem Programm und am Samstag laufen gleich 100 Regisseurinnen und Schauspielerinnen über den roten Teppich.

Ob das Festival mit seinen Partys bis spät in die Nacht damit das Kapitel Weinstein abschließen kann, wird von einigen in Frage gestellt, darunter Kate Muir. Für die Autorin und Ex-Chef-Filmkritikerin der „Times“ ist Cannes eine zweiwöchige Zelebration männlichen Gehirns und weiblicher Schönheit, wie allabendlich auf der Croisette zu sehen sei. 

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