Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Der letzte Dandy der Literatur
Nachrichten Kultur Der letzte Dandy der Literatur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:03 17.05.2018
New York

Ganz in Weiß, mit Maßanzug und Hut, so spazierte Tom Wolfe bis zuletzt noch hin und wieder durch sein New York, durch seine Upper East Side. Langsam, aber stolz und aufrecht. Spätestens seit seinem Weltbestseller „Fegefeuer der Eitelkeiten“ galt Wolfe als fester Teil des Literatur-Olymps. Am Montag starb der US-Schriftsteller in einem Krankenhaus in Manhattan mit 88 Jahren.

Der Autor Tom Wolfe – hier auf dem Weg zur Premiere der Dokumentation „Rolling Stone: Stories From The Edge“. Quelle: Foto: Evan Agostini/dpa
Schriftsteller Tom Wolfe in den frühen 70er Jahren Quelle: Foto: Action Press

Wolfe umgab immer etwas Mystisches, auch aus seinem Alter hatte er immer gern ein Geheimnis gemacht. Während sein deutscher Verlag 1931 als Geburtsjahr angab, sprachen andere Quellen von 1930, wie beispielsweise die New Yorker Stadtbibliothek, die 2015 für mehr als zwei Millionen Dollar das aus 190 Kisten bestehende Archiv des Schriftstellers kaufte.

Wolfe hatte sich in den vergangenen Jahren zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zwischendurch hatte er sich immer mal wieder zurückgemeldet, streitlustig wie eh und je. 2016 griff er in „Das Königreich der Sprache“ beispielsweise Charles Darwins Evolutionstheorie und den Literaturwissenschaftler Noam Chomsky an. 2012 legte er sich in „Back to Blood“ mit den Eliten der Sonnen-Metropole Miami an.

Wolfe hat schon immer polarisiert. Millionenfach verkaufte und erfolgreich verfilmte Bücher sowie treue Fans auf der einen Seite, scharfe Kritik des literarischen Establishments auf der anderen.

„Massenunterhaltung“ sahen Größen der amerikanischen Literatur wie Norman Mailer und John Updike in seinen Werken, John Irving lästerte über die „Geschwätzigkeit“ seines Kollegen und erklärte sich unfähig, Wolfes ersten Roman zu Ende zu lesen.

Literaturkritiker zeigten sich gespalten. An seinem Status als „erster Pop-Journalist“ („Guardian“) und Miterfinder des New Journalism, der Literarisches und Nichtfiktionales mischt, wurde nicht gerüttelt. Wolfe galt als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde lieferte.

Der letzte Dandy des Literaturbetriebs galt aber auch als eitler Selbstdarsteller, als „Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber“ („Guardian“), der genüsslich die Schwächen anderer Menschen beschrieb.

Der Autor leugnete das nie. „Wenn die meisten Schriftsteller ehrlich mit sich selbst wären, würden sie zugeben, dass sie nur das erreichen wollen: Vorher nahm sie niemand wahr, jetzt schon.“

Geboren wurde Wolfe in Richmond in eine reiche Professoren- und Plantagenbesitzer-Familie. Seine Mutter führte ihn in die Künste ein, ließ den kleinen Tom in Ballett- und Stepptanz ausbilden, zeichnete und las viel mit ihm. Kaum neun, soll der Junge versucht haben, eine Biografie über Napoleon sowie einen illustrierten Band über Mozarts Leben zu schreiben. Er studierte an der Elite-Universität Yale und bewarb sich dann als Journalist. „Ich habe mehr als hundert Bewerbungen an Zeitungen geschrieben“, erzählte er einst der „Paris Review“. „Drei Antworten habe ich bekommen.

Zwei Absagen.“ Die „Springfield Union“ in Massachusetts stellte ihn an.

Über einige andere Zeitungsjobs landete Wolfe schließlich in New York und bei der Belletristik. „Acht Monate lang saß ich jeden Tag an meiner Schreibmaschine und wollte das „Fegefeuer der Eitelkeiten“ anfangen und nichts passierte. Mir wurde klar, dass ich es nur schaffen kann, wenn ich mir eine Abgabefrist setze.“ Das Werk über die Geldgier von Wall-Street-Bankern und Kredithaien erschien Mitte der 80er Jahre zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Rolling Stone“ und wurde dann als Roman ein Welterfolg und mit Tom Hanks, Melanie Griffith und Bruce Willis verfilmt.

Später folgten Erfolge wie „Ein ganzer Kerl“ und „Ich bin Charlotte Simmons“ sowie zahlreiche Reportagen und Essays.

Die Selbstzweifel seien geblieben, sagte der zweifache Vater, der mit seiner Frau im 14. Stock eines Appartementhauses am Central Park wohnte. „Man geht jeden Abend ins Bett und denkt, dass man die brillantesten Seiten aller Zeiten geschrieben hat, und am nächsten Tag merkst du, dass es nur Gefasel ist. Manchmal auch erst sechs Monate später. Das ist eine konstante Gefahr.“ Trotzdem sei ihm die Lust am Job nie vergangen, sagte er mal. „Der größte Spaß am Schreiben ist das Entdecken.“

Tom Wolfe

Der Journalist und Schriftsteller Tom Wolfe, vermutlich geboren am 2. März 1931, begann seine Karriere nach dem Studium in Yale bei der „Springfield Union“ in Massachusetts, arbeitete für die New York Herald Tribune und die Washington Post. Seine Reportagensammlung „Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby“ 1965 gilt als Beginn des New Journalism. Berühmt wurde Wolfe 1987 mit seinem Debütroman „Fegefeuer der Eitelkeiten“, der 1990 von Brian de Palma mit Tom Hanks, Melanie Griffith und Bruce Willis verfilmt wurde. 1998 erschien „Ein ganzer Kerl“ und 2004 „Ich bin Charlotte Simmons“. Ab 2005 veröffentlichte Wolfe in deutschen Zeitungen Rezensionen, wie „Der Griff in den Schlüpfer“ oder „Ein Engel kommt nach Babylon“.

Christina Horsten

Mehr zum Thema

Der parteilose Verwaltungsfachmann Andreas Suttor aus Eggesin tritt am 27. Mai zur Landratswahl an

12.05.2018

Der parteilose Verwaltungsfachmann Andreas Suttor aus Eggesin tritt am 27. Mai zur Landratswahl an

12.05.2018

Der parteilose Kai Uwe Ottenbreit aus Wolgast hat visionäre Ziele für den Landkreis Vorpommern-Greifswald. Er ist einer von sieben Kandidaten, die am 27. Mai zur Wahl antreten.

17.05.2018

Marienkantor Martin Rost musiziert in Havanna und bringt seine Erfahrungen in Restaurierung ein

17.05.2018

Silvia Bovenschens letzter Roman „Lug und Trug und Rat und Streben“ ist eine Herausforderung

17.05.2018

Mehr als vier Monate nach einem Bandscheibenvorfall kann der Stargeiger David Garrett (Foto) auch in den kommenden Wochen noch keine Konzerte geben.

17.05.2018