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Nachrichten Kultur Der sächsische Ausländer Heiner Müller in Mecklenburg
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03:50 18.07.2013
Heiner Müller als Volksschüler in Waren an der Müritz Ende März 1939. Er steht in der 1. Reihe als Dritter von links. Quelle: Archiv/Gerhard Haase

„Ich war völlig isoliert, vor allem in der Schule. Ausländer wurden aus Prinzip verprügelt.“ Das schreibt Heiner Müller in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ über seine erste Zeit im mecklenburgischen Waren, wohin er im Alter von neun Jahren 1938 mit seinen Eltern aus Sachsen zieht. Mit seinem sächsischen Dialekt ist er bei seinen Plattdeutsch sprechenden Altersgenossen der Ausländer, der sich durch seine guten Leistungen und sein selbstbewusstes Auftreten unbeliebt macht. Bis 1947 lebte der spätere Dramatiker, Lyriker, Prosa-Autor und Regisseur in Waren, hier bekam er Anregungen für seine ersten Stücke. Davon wusste bis vor kurzem kaum ein Einwohner etwas — das soll nach dem Willen einiger engagierter Bürger jetzt anders werden. Am Freitag wird an dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Müller eine Gedenktafel enthüllt, das erste sichtbare Zeichen für einen der bedeutendsten deutschen Autoren in der Stadt an der Müritz.

„1994 hatte unsere Schule ihre 125-Jahr-Feier, und dabei entdeckten wir erstmals, dass Heiner Müller hier zur Schule ging“, erzählt Regina Kremp, ehemalige Lehrerin für Spanisch und Russisch am Richard-Wossidlo-Gymnasium Waren. Klassenkamerad von Müller war damals ein gewisser Klausjürgen Wussow, der wie Müller die Einladung zur Jubiläumsveranstaltung seiner alten Schule ignorierte. Kremp suchte nach einstigen Mitschülern und interviewte einige von ihnen. Tenor: Müller galt als arrogant, zynisch, wusste in allem besser Bescheid, war ständig in Bücher vertieft und kannte Autoren, von denen die Warener Jugendlichen noch nie etwas gehört hatten. „Ein höchst unsympathischer Literat“, so das Urteil der ehemaligen Mitschülerin Siegrid Dominik.

„Muss man Heiner Müller mögen?“, lautete denn auch der Titel der ersten Lesung mit Werken Müllers, die am Mittwoch in der Buchhandlung müritz.buch in Waren stattfand. Inhaber Stefan Dahlmann weiß um die Vorbehalte in Teilen der Bevölkerung: „Müller hatte nach dem Krieg den Auftrag, die Bücherei von Nazi-Literatur zu säubern, und hat dabei viele Bücher für seine eigene Sammlung mitgehen lassen.

Das wurde ihm lange übel genommen.“ Dahlmann stiftete die Gedenktafel an dem unscheinbaren Wohnhaus in der Nähe des Bahnhofs. Der Kulturausschuss, der im vergangenen Jahr um einen Zuschuss für die Tafel gebeten wurde, hat sich bis heute nach Angaben der Initiatoren nicht zu dem Thema geäußert.

Die Zeit in Waren hat Müller nach seinen eigenen Angaben ein Leben lang geprägt. Im Alter von zwölf Jahren verschlingt er sämtliche Werke von Schiller und Hebbel. „Von da an wollte ich Stücke schreiben.“

Die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen in Waren, wo sich aus Angst vor der Roten Armee 400 Menschen das Leben nehmen, verarbeitet Müller in Stücken wie „Schlacht“ und „Traktor“. Müllers „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ ist bestimmt von seiner Tätigkeit als Mitarbeiter der Behörde für Bodenreform bei der entschädigungslosen Enteignung von Großgrundbesitzern mit mehr als 100 Hektar Land zugunsten von armen Bauern und Umsiedlern aus dem Osten im Herbst 1945. Wegen dieses Theaterstücks, das nach der Uraufführung 1961 sofort abgesetzt wird, fliegt Müller aus dem Schriftstellerverband. Ihm wird vorgeworfen, das dörfliche Leben in der DDR als trostlos und unerträglich zu beschreiben.

Auch Franz Fühmann plädierte für die Absetzung: „Ich glaube, das Leben auf dem Lande ein wenig zu kennen und möchte sagen, dass jede einzelne der Szenen, die Müller schildert, irgendwo in der Wirklichkeit aufzufinden war oder noch aufzufinden ist, dass aber ihre Konzentration ein sehr verzerrtes, nicht unserer Wirklichkeit entsprechendes Bild des Dorflebens gibt.“

Müller wird für Jahre in der DDR kaltgestellt. Viele seiner Werke erleben ihre Uraufführung in Westdeutschland.

Letztlich hat Müller in Waren seine Rolle als Einzelgänger gelernt — als Kind armer Eltern umgeben von Schülern aus der Mittelschicht, als Sohn eines von den Nazis verfolgten Vaters, der das Kriegsende im Gegensatz zur Mehrheit als Befreiung erlebt. Der 1995 Verstorbene hat über seine Zeit in Mecklenburg bereits vor mehr als 20 Jahren in seiner Autobiographie berichtet. Die scheint man erst jetzt in Waren zu entdecken.

Dramatiker, Lyriker und Regisseur
Heiner Müller wurde am 9. Januar 1929 im sächsischen Eppendorf geboren. Er starb am 30. Dezember 1995 in Berlin. Müller gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Bedeutung erlangte er als Lyriker, Prosa-Autor sowie als Intendant und Präsident der Akademie der Künste Berlin (Ost).

1955 heiratete Müller in zweiter Ehe die Schriftstellerin Ingeborg Schwenkner, die 1966 Suizid beging.

Ende der 1980er profilierte er sich als Regisseur. In seine achtstündige Hamlet-Inszenierung am Deutschen Theater 1990 integrierte er die Hamletmaschine (Ulrich Mühe). 1993 inszenierte er in Bayreuth „Tristan und Isolde“.

Die Gedenktafel wird am morgigen Freitag um 13 Uhr in der Weinbergstraße 3a im Beisein von Heiner Müllers Bruder Wolfgang enthüllt.

Joachim Göres

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