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00:05 03.05.2018
Der kleine Mann mit der großen Gitarre: Country-Sänger John Prine (71) in einem Hotel in Nashville. Quelle: Foto: Promo

Eine Familie hatte er mal, der Held des Songs. Seine Leben sind aber alle längst auf und davon. Jetzt hat er niemanden mehr , könnte aber gut jemanden brauchen.

Klampft auf seiner Gitarre herum, kickt Dosen die Straße lang und ist ein Schatten seiner selbst. Erinnert sich an die alte Veranda zu Hause, an die Gleise, die man immer durch die aufgehängte Wäsche summen hörte. Er träumt von einem eigenen Segelboot und schaut am Ende noch mal bei der Liebsten vorbei. „Knockin’ on Your Screen Door“ ist so ein Song voller Sonnenlicht und Sommertraurigkeiten. Die Jahre sind gezählt, die Stimme ist mit jenem Staub belegt, wie er an sonnigen Morgen im Licht leerer Kneipen tanzt, ein Timbre voller Herbst. Und trotzdem ist da immer noch Humor übrig. Der Sound:

Country, altmodisch, cool, so wie man ihn früher machte.

John Prine (71), Songwriter aus Illinois, hat 13 Jahre nach dem Grammy für „Fair and Square“ wieder ein Album aufgenommen. Es geht um späte Dinge, um Vergebung, um den „Tree of Forgiveness“, eine Art trautes Gegenstück zum bedrohlichen Baum der Erkenntnis. Geschrieben hat er die launigen, witzigen, melancholischen Preziosen im Omni Hotel in Nashville, wo ihn seine dritte Ehefrau und Managerin, die Irin Fiona Prine, eingemietet hatte. Heimlich zog er dort mit vier Gitarren ein, denn „wenn irgendwer mich gesehen hätte, wäre die Schlussfolgerung gewesen, dass es mit mir und Fiona aus ist.“

Aber ein Aufnehmen zu Hause kam für Prine nicht infrage, denn das Heimelige behindert die Kreativität. „Ich funktioniere besser in einem Hotel.“ Kein Druck, Room Service, Quiz-Shows im Fernsehen, Steaks im Steakhouse und Schreiben, wann immer die Musen auf den Schreibtisch flattern. Sie flatterten, und schon war man in Nashvilles Studio A am Aufnehmen.

John Prine gehört nicht zu den berühmtesten Countrystars. Bis 1971 war er Postbote, dann erschien das selbstbetitelte Debüt. Kris Kristofferson und Paul Anka verschafften ihm einen Vertrag bei Atlantic Records. Die ersten Platten waren Regalblei, das indes bei Fachleuten gut ankam. Prine war ein Echter, hatte authentische Lebensbeobachtungen. Das fanden auch Leute wie Johnny Cash, der sein „Sam Stone“ vom ersten Album aufnahm, den harten Song über einen Vietnamheimkehrer, der auf Droge ist und seine Familie in den Abgrund treibt: „Da ist ein Loch in Daddys Arm, wo all das Geld hinein verschwindet / Jesus ist für gar nichts gestorben, glaube ich“ Die Perspektive eines hoffnungslosen Kindes.

Die Perspektive konnte auch die einer alten Frau sein, wie in seinem wohl berühmtesten Lied, „Angel of Montgomery“. Er habe immer eine Affinität zu alten Leuten gehabt, gestand er dem „Rolling Stone“. 22 Jahre alt war er damals, aber die Zeilen klangen authentisch. Er hatte als Briefträger die theatralischen Bewohner eines Altenheims erlebt. Wie sie dem Leben letzte Bedeutung abtrotzten. Mit Würde und erhobenem Haupt an der unverkennbaren Endstation. Jetzt ist Prine selbst ein alter Mann, und seine Stimme hat die Patina der späten Stunde, klingt, als rauchte er Kette, was er nach einem Krebsbefund von 1996 nicht mehr macht, was er aber bis heute schmerzhaft vermisst. Diese Stimme singt zärtliche Liebeslieder, wie „I have Left my Love Today“, rumpelt Humoresken wie „Crazy Bone“. Oder seufzt wehmütige Folkballaden, wie „Summer’s End“ mit tastendem Bass und dem Mellotron, das nach besonders traurigen Streichern klingt. Es sind bodenständige Geschichten, Schicksale, denen man andächtig lauscht. Keine metaphernreiche, rätselhafte Poesie. So hat Prine immer erzählt.

Auch „Losesome Friends of Science“ wird kein Hit werden, aber vielleicht ein Klassiker. Gleiches gilt für „Boundless Love“, ein zartes Liebeslied, an dem Black-Keys-Mann Dan Auerbach mitschrieb. Das Album schließt mit „When I Get To Heaven“, und es gibt kein Weh und Ach über den letzten Vorhang. Sondern eine burlesk vertonte Liste fürs Jenseits: Rock’-n’,Roll-Band gründen, Cocktails trinken, Mädel küssen und die Armbanduhr abstreifen, denn Zeit ist dann ja im Überfluss. Und natürlich – eine Zigarette rauchen. Eine, die neun Meilen lang ist.

John Prine: „The Tree of Forgiveness“ (Thirty Tigers)

Matthias Halbig

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