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00:00 11.08.2018
Göttingen

Es gibt einen Mann, der nie genannt wird, wenn Deutschland die Mutigen ehrt, die sich 1944 Hitler entgegenstellten: Walther von Seydlitz. Für ihn ist kein Platz neben den Namen aus dem Verschwörerkreis um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944). Auch hat es die Bundeswehr nicht geschafft oder nicht gewollt, eine Kaserne oder ein Regiment nach ihm zu benennen, obwohl Ministerin Ursula von der Leyen vorgibt, am Geschichtsbild der Truppe weiterzuarbeiten, die ansonsten bislang wenig Berührungsängste im Umgang mit ehemaligen Hitlergenerälen zeigte.

General Walther von Seydlitz (1888-1976) Quelle: Fotos: Bundesarchiv/archiv Emendörfer/wallstein Verlag
NKFD-Präsident Erich Weinert, General Walther von Seydlitz, der Widerstandskämpfer Max Emendörfer und der Sekretär Hans Zippel (v.l.) im August 1944 bei der Feier zum 56. Geburtstag von Seydlitz’.

An Seydlitz erinnert in der öffentlichen Wahrnehmung nichts mehr. Sein ehemaliges Wohnhaus in Verden bei Bremen, wo er 1976 starb, ist abgerissen und ein in den Fußweg eingelassener Stolperstein nicht mehr vorhanden. Seine 1977 in Oldenburg erschienenen Erinnerungen, „Stalingrad – Konflikt und Konsequenz“, dürften in Vergessenheit geraten sein. Da ist es umso lobenswerter, dass sich der Wallstein Verlag in Göttingen zum 75. Jahrestag der Tragödie von Stalingrad aufraffte und eine gut kommentierte Ausgabe der „Feldpostbriefe und Kriegsgefangenenpost 1939-1955“ des Generals bewerkstelligte. Sach- und fachkundig von den Historikern Torsten Diedrich und Jens Ebert „im Auftrag des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ herausgegeben, wirft das Buch ein Schlaglicht auf von Seydlitz’ Haltung als Militär, Familienvater und Mensch.

Ärgerlich sind Fehler der Herausgeber, wie die Verlegung des Geburtsdatums auf den 22. April 1888 (Seite 324) oder die falsche Datierung der Kesselschließung von Stalingrad auf den 24. November 1941 (Seite 22), die jedoch die Gesamtleistung nicht schmälern.

Vor 130 Jahren, am 22. August 1888, in Hamburg geboren, schlug von Seydlitz die Militärlaufbahn ein und war im Kessel von Stalingrad einer der höchstrangigen Befehlshaber im Umfeld von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus – dem Chef der 6. Armee. Während der zögerte und zauderte und sich sklavisch an die Vorgaben Hitlers hielt, forderte von Seydlitz in den ersten Tagen der Einkesselung Ende 1942 einen Ausbruch. 300000 Soldaten waren von der Roten Armee eingeschlossen worden. Der Ring zog sich immer enger. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man das lebend übersteht, ist für mich sehr gering“, schrieb Seydlitz per Feldpost im November 1942 an seine Frau Ingeborg.

Er konnte sich gegen Paulus nicht durchsetzen und ging mit diesem und 90000 deutschen Soldaten in russische Kriegsgefangenschaft, aus der 6000 zurückkehrten. Er kooperierte mit der Roten Armee, mit deutschen Kommunisten und anderen Hitlergegnern und sprach sich für die Beendigung des Krieges und den Sturz des NS-Regimes aus. Seydlitz, der auf die Erhaltung Deutschlands in den Grenzen von 1937 und auf eine neue demokratische Regierung hoffte, wurde im September 1943 Präsident des Bundes Deutscher Offiziere (BDO) und einer der fünf Vizepräsidenten des im Juli 1943 gegründeten Nationalkomitees „Freies Deutschland“ (NKFD).

Auf Flugblättern, die hinter der Front abgeworfen wurden, rief er Wehrmachtsangehörige dazu auf, sich gegen Hitler zu stellen und so die totale Niederlage zu verhindern. Er beließ es nicht bei Propaganda, sondern forderte in zwei Memoranden die russische Führung auf, ein 30000 Mann starkes Freiwilligenkorps aus deutschen Soldaten aufstellen zu dürfen, das an der Zerschlagung des NS-Regimes mitwirken sollte. Die „Seydlitz-Armee“ wurde von Stalin abgelehnt, die Rote Armee eilte allein von Sieg zu Sieg und brauchte letztlich das NKFD und den BDO nicht mehr. Zumal die Wehrmacht nicht die Waffen streckte und sich auch die Zahl der Überläufer stark in Grenzen hielt.

Seydlitz, der vom Reichsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt und dessen Familie in Sippenhaft genommen wurde, war keine Karriere mehr in der DDR oder in der Bundesrepublik Deutschland vergönnt.

Der General wurde nach dem Krieg nicht freigelassen, sondern noch 1950 in der Sowjetunion wegen „Mordtaten an der Zivilbevölkerung“ angeklagt und verurteilt. Erst im Jahr 1955 durfte er heimkehren und hatte in der alten Bundesrepublik als „Verräter“ einen schweren Stand, während Paulus in Dresden Vorträge an der Hochschule der Kasernierten Volkspolizei hielt, im vornehmen Stadtteil „Weißer Hirsch“ eine Villa bewohnte, einen Opel Kapitän fuhr und eine Handfeuerwaffe besaß.

Die erstmals publizierten Seydlitz-Briefe aus dem Feld und der Gefangenschaft vermitteln interessante Einblicke in das Privatleben mit alltäglichen Gedanken um Gesundheit und Versorgung der Familie sowie in den Kriegsverlauf aus der Perspektive eines Offiziers. Während andere NKFD-Mitglieder längst in Ostberlin gelandet sind, schreibt Seydlitz am 27. Juli 1945 aus der Gefangenschaft an seine Frau: „Seit 2 ½ Jahren erste Postmöglichkeit. Von jetzt ab alle Monat ein Mal. Inhalt naturgemäß sehr beschränkt? . . .“

Dem Mann aus einem alten deutschen Adelsgeschlecht war die Soldatenlaufbahn in die Wiege gelegt. Er hat die in ihn gesetzten Erwartungen nicht enttäuscht, fand aber als General der Artillerie die Kraft, das Verbrecherische an Hitlers Krieg zu erkennen und sich dem entgegenzustemmen. Die Herausgabe seiner Briefe, die einen aufrechten Charakter erkennen lassen, der sich einen eigenständigen Blick auf die militärischen Ereignisse (Stalingrad) und die politischen Entwicklungen (Hitler) bewahrte, ist eine späte Würdigung dieses in Ost und West verkannten Patrioten.

Torsten Diedrich und Jens Bert (Hrsg.): „Nach Stalingrad – Walther von Seydlitz’ Feldpostbriefe und Kriegsgefangenenpost 1939-1955“. Wallstein Verlag

Jan Emendörfer

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