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Deutsch-Folk, made in DDR

Leipzig Deutsch-Folk, made in DDR

Das Buch „Volkes Lied und Vater Staat“ blickt faktenreich auf eine ganz eigene Musikszene zurück

Leipzig. Alles begann in Leipzig. Im Herbst 1976. Die Wogen um den Rauswurf eines missliebigen Barden schlugen hoch, da musizierten im Studentenkeller der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) zehn Folkbands und einige Folk-Solisten. Eingeladen hatten die Leipziger Folkländer, gegründet von Jürgen Wolff. Ein Vogtländer, Student an der HGB mit Singevergangenheit im Club Malzhaus Plauen.

Jene drei Tage Ende Oktober, in denen es jede Menge Verbeugungen vorm Folk aus Irland gab, war die Geburtsstunde der DDR-Folkbewegung. Die Dubliners und die Sands Family standen Pate bei dieser ersten Folk-Werkstatt, so eine Art gegenseitiger Selbstverständigung. Der Aufbruch auf Burg Waldeck (in einer Edition bei Bear Family Records dokumentiert) jenseits der Elbe war Geschichte, aber Liederjan und Zupfgeigenhansel, auch Hannes Wader mit der „Volkssänger“-LP, hatten etwas entdeckt, was nun in der DDR auch entdeckt wurde: das verschüttete demokratische deutsche Liedgut.

Das klang anders, frischer, rebellischer, herausfordernder als „Hoch auf dem gelben Wagen“ oder „Am Brunnen vor dem Tore“ So begann, mit der Lieder-Sammlung des Volkskundlers Wolfgang Steinitz vor den selbstgebauten Instrumenten, eine Renaissance von politisch aufmüpfigen Soldaten-, Gesellen-, Revolutions- und Auswandererversen. Was in der DDR nicht gutgehen konnte.

Nun blickt Wolfgang Leyn, einst Folkländer-Mitgründer, heute Redakteur bei MDR Kultur, auf jene 14 Jahre zurück, in denen die Folkszene der DDR lebte und sich veränderte. Der Blick ist hochinteressant und faktenreich, wenn auch ohne Illusion: Die Folkbewegung „blieb, allen Wunschträumen zum Trotz, mehr oder weniger eine Musik für Insider, das Publikum vor allem in Studenten- und Jugendklubs.“ Im Rundfunk führte sie ein Nischendasein (240 produzierte Titel), auf Amiga-Platten verkauften die Folkländer mit 47000 Stück noch die meisten Exemplare und die Tanzhausbewegung (mit dem Kernstück „Tanz in der Halle“) kam über ein Leuchtfeuer kaum hinaus.

Aber im TFF Rudolstadt lebt der Folk quicklebendig seit über 20 Jahren weiter. Und nun in „Volkes Lied und Vater Staat“, einem Buch, das mehr ist als nur eine historische Erinnerung an eine Musik in einem untergegangen Land, sondern ein Lexikon des DDR-Folk. In dem spiegeln sich auch Alltag und Ideologie eines Staates wider, dessen führende, misstrauische Partei immer Angst vor allem hatte, was ohne ihre Oberaufsicht wuchs.

So wurde ein basisdemokratisches Folklore-Initiativkomitee im Mai 1977 abgeblockt und durch eine Zentrale Arbeitsgemeinschaft beim Leipziger Zentralhaus für Kulturarbeit ersetzt. So wanderte nach sechs Leipziger Folk-Werkstätten, als die Lieder stetig schärfer, spöttischer, ironischer wurden, der Treff 1985 ins abseits gelegene Ilmenau (Thüringen), mit Schwerpunkt auf Regionalfolklore und Brauchtum.

So wurde 1982 die Folk-Oper „Die Boten des Todes“ in Leipzig kurz vor der Premiere verboten. So griff das SED-Zentralkomitee 1984 ein, als die Folkländer ein Heft mit Texten von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben („Lied der Deutschen“, 1841) veröffentlichen wollten. So wurde der Anarcho-Folkie Jens-Peter Wollenberger von 23 Stasi-IM umschwirrt, bekam Stephan Krawczyk (Liedehrlich) mit einem Andreas-Reimann-Programm 1981 erst den Hauptpreis der Chansontage Frankfurt/Oder, dann 1985 Auftrittsverbot und musste 1988 die DDR verlassen.

Wegen seiner Lieder, die schrieb er da schon selber. Das ersetzten viele der Folkbands durch Umdichten, also durch aktualisierte Texte auf alte Lieder. Als Notentritt und Folkländer mit solchen Stücken gegen das Ende des Plauener Malzhauses protestierten, passierte allerdings nichts. Es lief eben nicht alles nach Schema F in einer DDR, deren gelebter Alltag voller Widersprüche steckte. Die nutzte dann so manche Gruppe, um mit List, Fantasie und unter Ausnutzung bürokratischer Leerstellen drohende Behinderungen zu unterlaufen. Auch davon erzählt Wolfgang Leyn so manche Geschichte.

Er folgt den Veränderungen der Folkszene, berichtet vom Instrumenten-Selbstbau (Brummtopf, Dudelsäcke, Drehleier) und bevorzugten Klangfarben (Konzertina, Bandoneon), von den Werkstätten, den Folkheften (die Folkländer brachten elf ab 1978 heraus), von Zensur und Zäsuren. Was das Buch zu einem unentbehrlichen Nachschlagewerk macht, ist ein ausführliches Band-Lexikon, das nicht nur auf jene Gruppen eingeht, die immer wieder im Text auftauchen (Wacholder, Notentritt, Horch, Liedehrlich, Enniskillen, Spilwut, Folkländer, Piatkowski & Rieck, Brummtopf, Saitensprung, Landluper). Am Ende der DDR gab es etwa 150 Folkbands. Nicht eben viel, wenn Wolfgang Leyn zum Vergleich jene rund 2000 Bands sieht, die zum Tanz aufspielten.

Welche Qualität und welche besonderen Musikfarben die wenigen Folkies in den Soundtrack DDR einbrachten, davon zeugt eine beigelegte CD, die viele der im Buch vorgestellten Gruppen vorstellt – leider nur mit einem Lied. Aufschlussreich auch die Interviews mit einigen der führenden Folkmusiker der DDR.

Das sind keine Auskünfte, die im Blick zurück den Zorn tragen, sondern Reminiszenzen an eine Szene, die nach der FDJ-bestimmten Singebewegung anders musizieren wollte. Die oft vor vollen Sälen spielte, aber nie zur Massenbewegung wurde. Massen waren von Volksmusik-Shows im Fernsehen bewegt. Bittere Folkie-Erkenntnis.

Norbert Wehrstedt

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