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Deutsch-deutsche Dialoge: Alles in Butter in der vereinten Republik?

Berlin Deutsch-deutsche Dialoge: Alles in Butter in der vereinten Republik?

Am Anfang flossen Tränen im Radio-Eins-Studio in Potsdam-Babelsberg. „Dieses Ost-Thema ist doch langsam mal durch“, hatte Moderatorin Anja Goerz, geboren an der schleswig-holsteinischen Westküste, ...

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Dialogpartner: Anja Goerz und Knut Elstermann

Berlin. Am Anfang flossen Tränen im Radio-Eins-Studio in Potsdam-Babelsberg. „Dieses Ost-Thema ist doch langsam mal durch“, hatte Moderatorin Anja Goerz, geboren an der schleswig-holsteinischen Westküste, unvorsichtigerweise gesagt. „Das entscheidest du überhaupt nicht“, ging ihr Ost-Berliner Kollege Knut Elstermann dazwischen, „über das Ende von Diskriminierung entscheiden immer die Diskriminierten!“. Aus dem höflichen, charmanten Kinokritiker brach an diesem Tag etwas heraus, das nicht ohne Folgen bleiben sollte. Anja Goerz hat die Tränen in ihren Augen weggewischt und sich auf den Weg gemacht, mehr über den Osten zu erfahren. „Der Osten ist ein Gefühl“, heißt Goerz' Sammlung von Interviews, die sie mit DDR-Sozialisierten geführt hat.

Die von Knut Elstermann ist eine von 32 Lebensgeschichten in diesem Buch. Aber mit ihm fing alles an. Goerz und Elstermann sitzen in einem Café in Berlin-Charlottenburg, im Westen also. Sofort geht es wieder ums Eingemachte. Sie kennen das aus ihrer täglichen Arbeit. Elstermann: „Da stirbt ein populärer Ost-Künstler, und die West-Reaktion ist nur: Muss man den kennen?“

Elstermann sagt, es sei naiv gewesen von Willy Brandt, 1989 zu fordern, dass sich beide Seiten ihre Geschichten erzählen. „Da wurde nicht zugehört, sondern evaluiert. Damals hat interessiert, ob du funktionierst, nicht, was du für eine Geschichte hast.“ Was danach bei vielen folgte: Wegducken, Zurückziehen. Schweigen. Heute müsse man sich nicht mehr rechtfertigen, wenn man über seine Ost-Vergangenheit erzählt, sagt Elstermann. „Und wer heute noch die DDR zurückhaben will, dem ist eh nicht mehr zu helfen.“ „Bei vielen setzen sich die Erfahrungen jetzt“, wirft Goerz ein. Die Unsicherheit der frühen Jahre ist verflogen, die Erinnerungen werden freigiebiger geteilt. Andreas Greulich zum Beispiel, „Traumschiff“-Kapitän auf MS „Deutschland“, stammt aus Thüringen. Er durfte schon zu DDR-Zeiten „linksrum“ fahren — ins kapitalistische Ausland. Doch mit der „Deutschland“ in Warnemünde einzulaufen bereitet ihm immer noch Gänsehaut. Greulich lenkt eine Ikone der alten Bundesrepublik — und auch die neue Republik wird von einer Ostdeutschen regiert. Ist also alles in Butter in der vereinigten Republik? Inka Bause hält dagegen. Die in Leipzig geborene Sängerin und Moderatorin regt sich darüber auf, dass immer auf die Ostdeutschen Merkel und Gauck geschaut werde. Doch unterhalb der einsamen Polit-Spitze, sagt sie, „kommen in Politik und Verwaltung keine Ossis zum Zug. Auf den Direktoren- und Chefposten sitzen meistens Wessis“.

Goerz hat inzwischen eingesehen: „Das Thema ist auf keinen Fall durch.“ Nicht im Osten. Und schon gar nicht im Westen.

Anja Goerz: „Der Osten ist ein Gefühl: Über die Mauer im Kopf“, dtv, 200 Seiten, 14,90 Euro

 



Jan Sternberg

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