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Deutschland in Venedig: Der Pavillon als Zwinger

Wer hat das Sagen? Deutschland in Venedig: Der Pavillon als Zwinger

Während es auf der Kunst-Biennale in Venedig viel Schönes zu sehen gibt, wartet im deutschen Pavillon harte Kost. Die Künstlerin Anne Imhof setzt dabei auch auf Hunde.

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Besucher im Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig.

Quelle: Gaetan Bally

Venedig. Auf den ersten Blick ist da viel Deutsches: ein monumentales Gebäude, das an das „Dritte Reich“ erinnert, Dobermänner in einem Zwinger vor der Tür und der Titel „Faust“.

Doch die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunst-Biennale in Venedig behandelt Probleme, die weltweit gelten. Wer ist drin? Und wer muss draußen bleiben? Wer ist in die Gesellschaft integriert und wer nicht? Wer hat das Sagen? Und wer hat das Nachsehen?

Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof hat dazu mit einem Team von rund 40 Leuten eine etwa fünf Stunden lange Performance konzipiert. Allein das ist schon eine Ansage gegen die Schnelllebigkeit der Zeit. Und es ist ein Kontrast zu den vielen Arbeiten auf der diesjährigen Biennale, die schön anzusehen sind. Im deutschen Pavillon gibt es dagegen harte Kost.

Dumpfe Sounds dröhnen durch den Saal. Panzerglas ist „wie in den Machtzentren des Geldes“ (Ausstellungstext) durch das Gebäude gezogen. Darunter, darüber und mittendrin stehen Performancekünstler in schwarzen Klamotten und mit grimmigen Gesichtern. Eine Frau hängt an einem Gurt. Eine andere Frau mit nacktem Oberkörper läuft wie ein wildes Tier im Zoo hinter einer Glasscheibe auf und ab. Hinter dem dicken Glas am Eingang drücken sich Besucher die Nase platt. „Es gibt Glas, Zäune, viele Medien, durch die man schauen kann, man aber nicht hereingehen kann. Es zeigt, wo man dabei ist und wo man ausgeschlossen ist. Politisch, ökonomisch, gesellschaftlich“, sagt Kuratorin Susanne Pfeffer vom Fridericianum in Kassel.

Im Pressetext ist von einer „Zombisierung des kapitalistischen Körpers“, dem „Tod der Sexualität“ und der „Masturbation als Regression und Widerstand“ die Rede.

Die in Gießen geborene Künstlerin Imhof steht fast unbemerkt in schwarzer Lederjacke, schwarzer Hose und schwarzem Cape in der Menge. Als „sehr stark und radikal“ beschreibt Elke aus dem Moore, Leiterin der Kunstabteilung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), die 39-Jährige. Auch in Medien hieß es, Imhof könne eine der großen Entdeckungen dieser Biennale werden.

Aber wie kann man solch einen bombastischen Raum, den einst die Nazis umgestalteten, bespielen? Künstler wie der mittlerweile verstorbene Christoph Schlingensief und der chinesische Künstlerstar Ai Weiwei gehören zu Imhofs Vorgängern im deutschen Pavillon. „Von außen hat mich die Architektur total erschlagen“, erzählt Imhof in einem Gespräch mit der Kuratorin Pfeffer. „Ich wollte, dass der Raum transparent bleibt, dass es keine Verkleidung gibt, keine Maskerade, die den Raum und seine Geschichte verhüllt. In der Architektur liegt eine Brutalität, auf die ich antworten kann.“

Wie ihr Zyklus „Angst“, den Imhof unter anderem im Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigt hatte, beklemmt auch „Faust“ den Betrachter. Der Titel sei natürlich auch eine Anspielung auf Goethes „Faust“, sagt Pfeffer. Auch jetzt gehe es ums Zweifeln. Aber das Thema stehe vor allem für die körperliche Faust als „Symbol für politische Bewegungen“ - so wie bei dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik.

Imhof lag daran, den Pavillon nicht nur innen zu nutzen, sondern die Performance auch nach außen zu verlagern. Dort vor den Toren stehen zwei Dobermänner hinter einem Zaun. „Hunde sind auch Schmuckstück, Statussymbol und Eigentum“, sagt Imhof. Sie interessiere der „Eindruck von etwas Verlassenem, etwas, das schon vorbei ist und trotzdem noch am Laufen gehalten werden muss“.

Um dem Tierschutz zu entsprechen, dürfen die Hunde allerdings ihr Gefängnis auch ab und an verlassen, betonten die Organisatoren. Und auch die Betrachter können die Performance früher verlassen. Niemand werde gezwungen, fünf Stunden zu bleiben.

Die Kunst-Biennale öffnet für das Publikum an diesem Samstag und läuft sechs Monate.

dpa

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