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00:14 05.05.2018
Grabungen bei Schaprode: Hier wurde der Silberschatz aus der Zeit des Dänenkönigs Harald Blauzahns entdeckt. Quelle: Foto: Stefan Sauer/dpa

Geben ist seliger denn nehmen. Träfe das Bibelzitat auch auf archäologische Funde zu – Rügen wäre eine Insel der Seligen. Nirgendwo in der Bundesrepublik gibt es so viele Bodendenkmale, wurden so viele historische Schätze gefunden wie hier. „Aber kaum jemand weiß etwas davon“, klagt Ingrid Schmidt. Nicht allein, weil diese Funde unter der Erde liegen:

Funde sollten auf Rügen zu sehen sein.Norbert Thomas, Stadtpräsident Sassnitz

„Alles, was entdeckt und geborgen wird, verlässt die Insel.“ Wenn sich auf Rügen nicht bald eine breite Öffentlichkeit gegen diese jahrelange „Schatzräuber-Praxis“ stemme, werde auch der jüngste Silberfund von Schaprode für immer für die Insel verloren sein.

Seit die Entdeckung des Schatzes von Schaprode bekannt wurde, wird auf dem Festland eifrig spekuliert, wo der vermutlich rund 1000 Jahre alte Schmuck und die Münzen gezeigt werden sollen. Der Stralsunder Oberbürgermeister Alexander Badrow hatte das Museum der Hansestadt sofort ins Spiel gebracht und argumentiert, dass dort bereits der Hiddenseer Goldschmuck präsentiert werde. Auch das Pommersche Landesmuseum in Greifswald hat sein Interesse bekundet und auch das geplante Archäologische Landesmuseum in Rostock wurde als mögliches neues „Zuhause“ des Silberschatzes ins Spiel gebracht. Dass der nach Rügen gehöre, komme offenbar niemandem in den Sinn.

Damit droht dem neuen Fund das gleiche Schicksal wie vielen anderen kulturellen Boden-Schätzen, die auf Rügen geborgen wurden. Steinzeitliche Werkzeuge wurden hier in der Vergangenheit zu tausenden entdeckt, bronzezeitliche Arbeitsgeräte, Schmuck und Kultgegenstände. Bei den archäologischen Grabungen bei Ralswiek kamen 2000 arabische Silbermünzen zum Vorschein, Fachleute machten historisch interessante und wertvolle Funde am Kap Arkona, Unterwasserarchäologen entdeckten Schätze in den zahlreichen Wracks vor Rügens Küste. Doch von diesen Funden ist auf Rügen nichts zu sehen, ärgert sich Ingrid Schmidt. „Sie verstauben in irgendwelchen Sammlungen in Kartons und man kann von Glück reden, wenn die Kartons nicht verrottet sind. Dann kann der Inhalt nicht einmal mehr den Fundorten zugeordnet werden.“

Rügens Schätze sind im ganzen Land verteilt. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg lagern steinzeitliche Artefakte von der Insel, das Stralsund Museum verwahre einen großen Anteil der Funde von Rügen und Hiddensee, zeige aber bis auf den Goldschmuck nichts davon. Im Ur- und Frühgeschichtsmuseum in Berlin-Charlottenburg, an der Universität in Greifswald, der ehemaligen Akademie der Wissenschaften in Berlin, beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin – überall befinden sich historische Schätze aus der Geschichte Rügens und Hiddensees. Die meisten seien noch nie öffentlich gezeigt oder wissenschaftlich bearbeitet worden, sagt die Museologin. Mit ein paar Veröffentlichungen in Fachpublikationen erreiche man die Bewohner und Gäste der Insel nicht.

1,5 Millionen Touristen besuchen jährlich die beiden Inseln. Viele würden gern mehr über das Leben der Menschen früherer Epochen in der heutigen Urlaubsregion erfahren. Doch sämtliche Bodenfunde in Mecklenburg-Vorpommern, die früher laut Gesetz in der Fundregion verbleiben mussten, werden mittlerweile in ein zentrales Depot in Schwerin gebracht. „Aber was im Karton im Regal in irgendwelchen Depots steht, ist praktisch nicht vorhanden.“

Im Kultusministerium verweist man auf das in Rostock geplante Archäologische Landesmuseum, wo künftig ein Teil der Depotschätze präsentiert werden soll. Ingrid Schmidt, die frühere Leiterin des Bergener Stadtmuseums, sieht hingegen den Landkreis in der Pflicht: „Es ist allerhöchste Zeit, dass die Insel Rügen ein eigenes Museum erhält, in dem die außerordentlich interessante und einmalige Geschichte der Insel präsentiert wird.“ Ein möglicher Standort hätte das ehemalige Landratsamt an der Bergener Billrothstraße sein können, aber vielleicht auch das Gerichtsgebäude. Auch Sassnitz käme aufgrund der touristischen Bedeutung aus ihrer Sicht infrage. „Dazu ist es aber wichtig, dass die Rüganer in diesem Kreis eine Stimme haben, eine Lobby, die sich für die Insel stark macht und auch einmal Anspruch auf die Fundstücke aus der eigenen Geschichte erhebt!“

Aus Bergen sind solche Signale bereits gekommen. Das dortige Stadtmuseum solle inhaltlich und konzeptionell neu aufgestellt werden, sagt Bürgermeisterin Anja Ratzke. In einem Schreiben an das Kultusministerium hat sie das Interesse der Bergener formuliert, unter anderem den Schaproder Silberschatz beziehungsweise Teile davon künftig in Bergen zu präsentieren. Fachlich würde sie dazu gern auch den Rat der Rügener Ethnographin und Museologin einholen, zu der sie jetzt Kontakt aufnehmen wird. Die Ansichten, die Ingrid Schmidt in einem persönlichen Brief an den zuständigen Staatssekretär im Schweriner Ministerium formuliert hat, teilt Ratzke. Solche Artefakte zu zeigen, habe nichts mit Sensationsdrang zu tun. „Es geht dabei vor allem um die Identität der Menschen, die heute hier auf der Insel leben.“

So ähnlich sieht das auch der Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Kultur und Sport im Kreistag, Norbert Thomas (CDU). Thomas, der zudem in Sassnitz Stadtpräsident ist, könnte sich durchaus vorstellen, nicht nur den Schaproder Silberschatz, sondern auch andere Rügener Funde auf der Insel zu zeigen. Über das „Wo“ könne dann gesprochen werden, wenn man sich im Grundsatz einig sei. Die Christdemokraten haben für die am Montag in Stralsund stattfindende Kreistagssitzung einen Antrag zu dem Thema eingebracht. Demnach wird der Landrat aufgefordert, sich für einen Verbleib des Schaproder Schatzes im Kreis einzusetzen. In der Begründung verweist der Fraktionsvorsitzende Andreas Kuhn auf das Stralsund Museum, weil dort auch schon der Hiddenseer Goldschmuck gezeigt werde. Ob nun auch noch die Rügener Kostbarkeiten dort dauerhaft landen, ist aus Thomas’ Sicht zumindest diskussionswürdig. „Wir werden uns dazu in der Fraktion verständigen“, sagt er und kündigt an, das Thema auch mit den Kollegen der anderen Fraktionen im Bildungs- und Kulturausschuss am 23. Mai besprechen zu wollen.

Mit historischen Funden vom Meeresgrund hat man in Sassnitz in der Vergangenheit Erfahrungen sammeln können. Im denkmalgeschützten Glasbahnhof am alten Fähranleger hat ein Verein zeitweise ein Museum für Unterwasserarchäologie betrieben. Pläne, das Land daran zu beteiligen, scheiterten und damit letztlich auch das Museum. „So etwas kann keine Gemeinde allein stemmen“, sagt der Sassnitzer Bürgermeister Frank Kracht. Er verweist auf die „Klimmzüge“, die die Hafenstadt schon machen müsse, um den Bestand des Fischerei- und Hafenmuseums zu sichern. Das Ansinnen, Rügener Geschichte auch auf der Insel zu zeigen, sei verständlich und zu begrüßen. „Aber ohne das Land wird das nicht gehen“, befürchtet er. Und das habe sich festgelegt, Funde aus allen Regionen Mecklenburgs und Vorpommerns künftig in Rostock zu zeigen.

Ingrid Schmidt macht diese Entwicklung Angst: „Die Geschichte Rügens geht total verloren.“ Wie man die Historie einer Region präsentiere, könnten die Verantwortlichen von den dänischen Kollegen auf der Insel Bornholm lernen. Für den Kreis sei es allerhöchste Zeit zu handeln – im Interesse der Besucher, aber auch der Einwohner Rügens, sagt sie und warnt: „Eine Region ohne Geschichte ist wie ein Baum ohne Wurzeln.“

Putbus schied als Kandidat für Landesmuseum aus

Ingrid Schmidt wurde 1940 in Swinemünde geboren und wuchs in Bergen auf. Hier trieb sie maßgeblich den Aufbau des Stadtmuseums voran, das 1992 eröffnet wurde und welches sie leitete. Zuvor war die diplomierte Ethnographin und Museologin jahrzehntelang im Museumswesen in Einrichtungen in Rostock, Stralsund und Ribnitz-Damgarten tätig. Sie ist Autorin mehrerer Bücher über die Rügener Geschichte und Bräuche der Insel.

Rügen hatte sich mit der Stadt Putbus vor zwei Jahren als möglicher Standort für das geplante Archäologische Museum des Landes ins Gespräch gebracht, war aber im Ergebnis einer Studie als Kandidat ausgeschieden. Dabei spielten die Fundorte von archäologischen Schätzen keine Rolle. Kriterien wie die zentrale Lage und die Infrastruktur waren dem Land MV wichtiger.

Der Silberschatz von Schaprode besteht aus Schmuck und hunderten Münzen und stammt vermutlich aus der Zeit des Dänen-Königs Harald Blauzahn (910 – 987). Er gilt als eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen im Land.

Maik Trettin

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