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Kultur Die Apokalypse von damals Geschichte einer Heimkehr: Franz Radziwill wird wieder in der Kunsthalle Bremen gezeigt. Dort hat vor fast hundert Jahren seine Künstlerkarriere begonnen.
Nachrichten Kultur Die Apokalypse von damals Geschichte einer Heimkehr: Franz Radziwill wird wieder in der Kunsthalle Bremen gezeigt. Dort hat vor fast hundert Jahren seine Künstlerkarriere begonnen.
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00:00 27.03.2017
Bremen

Menschenleere herrscht auf Erden, ein Sarg steht auf leerer Straße zwischen ebenso leeren Fensterhöhlen – doch umso mehr ist im Himmel darüber los: Da saust ein Flugzeug unter rotschwarzer Feuersbrunst, da legt sich ein Strahlenkranz um einen Mond, der blutig (vielleicht auch orthodox-)rot die Sonne zu verdunkeln scheint. „Der Streik“ heißt das Ölgemälde von 1931, und einen Streik so zu bebildern – dazu muss man nicht nur überschießende Fantasie und utopischen Sinn aufbieten, sondern auch große handwerkliche Präzision.

Drei Merkmale, die wie nur wenige Künstler Franz Radziwill (1895-1983) in sich vereinigt. Er wurde nach expressionistischen Anfängen als Maler des magischen Realismus bekannt. Und er ist wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft – trotz baldiger Nazidiskriminierung als „entarteter Künstler“ – erst spät mit neuem Blick wahrgenommen worden. Vollends wiederentdeckt wird er vielleicht erst durch eine Ausstellung, die jetzt in der Kunsthalle Bremen startet – und auch eine Art Heimkehr ist: Immerhin hat Radziwill in Bremen prägende Jugendjahre verbracht, und er hatte in der Kunsthalle seine ersten Begegnungen mit moderner Kunst. Bereits 1919 ist er dort selbst erstmals ausgestellt worden, seine letzte Kunsthallenausstellung war im Jahr 1970.

In jüngerer Zeit stößt sein Werk nicht nur jenseits der regelmäßigen Präsentationen in seinem Künstlerhaus in Dangast am Jadebusen, sondern auch international, in Europa und in den USA, auf Interesse. Und nun zeigt die Kunsthalle Bremen in vier großen Sälen eine Retrospektive mit rund 50 Ölgemälden, Aquarellen und Zeichnungen - und einem regionalen Akzent: „Franz Radziwill und Bremen“

heißt die Ausstellung, die unter anderem etliche Bremer Stadtansichten des Malers zeigt. „Das ist eine neue, bislang noch nicht beleuchtete Dimension im Werke Radziwills“, sagt Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg zu diesem besonderen Blickwinkel.

Doch was heißt schon Stadtansichten? Große Bildfantasie war schon den ersten Werken Franz Radziwills anzumerken. Und es ist das Verdienst dieser von Tessa Alex und Birgit Denizel kuratierten Schau, dies auch jenseits des Bremer Fokus vor Augen zu führen. Enthusiastisch hat sich Radziwill rückblickend über Vincent van Goghs von der Kunsthalle angekauftes Bild „Mohnfeld“ (1889) geäußert – und ein Saal der Ausstellung bietet unter anderem eine Zusammenschau von Radziwills Versuchen, mit ähnlicher Strich- und Farbgebung wie van Gogh verwandte Motive auf die Leinwand zu bannen. Gezeigt wird in Gegenüberstellungen aber auch der Einfluss, den die später von Radziwill geschätzten Alten Meister auf die Pinselführung des jungen Künstlers hatten. Sei es im Motiv einer Maus, das sich ganz ähnlich von Jacques de Gheyn im Bestand der Kunsthalle befindet oder auch in einer Pflanzenzeichnung nach Albrecht Dürer, die Radziwill gleichfalls in der Kunsthalle gesehen haben könnte.

In seinen Stadtansichten Bremens mischt Radziwill neusachliche mit teils surreal, teils geradezu psychedelisch anmutenden Visionen und montiert dabei seine Welten durchaus neu. Sei es, dass er, für „Dorfbassin“ (1932), Speicherbauten versetzt. Dass er auf „Die Mole“ (1930) ein riesiges Lindenblatt über dem Himmel des Bremer Hafens wehen lässt. Oder dem „Bunten Gasometer“ (1960) außer einem aus den Wolken kugelnden Planeten am Himmel auch noch die schemenhaften Umrisse eines Wolkenkratzers beigesellt.

„Bremen war für ihn die große Welt“, sagt bei der Ausstellungspräsentation seine Tochter Konstanze Radziwill. „Wir sind hier oft von Dangast aus zu Besuch gewesen – und dann auch immer in der Kunsthalle." Vor allem die Welt der Hafen- und Industriestadt hat bei dem Künstler anfänglich eine Technikfaszination ausgelöst, die sich in seinen Werken in zahlreichen Schiffs-, Hafen- und Flugzeugmotiven niederschlägt. Das Erlebnis von Flugzeugabstürzen und die Kriegserfahrung lassen indes seine Technikskepsis wachsen und machen ihn schließlich zum Pazifisten.

Das schlägt sich in seinen späteren Werken immer deutlicher nieder, in der Kunsthalle am sichtbarsten in „Die Klage Bremens“ (1946) das grellen Himmel mit abstürzenden Flugzeugen und fallendem Engel über der Ruinenlandschaft der Hansestadt zeigt. „Die Kombination von Präzision des Handwerks und Fantastik des Entwurfs“, sagt Grunenberg, „das zeichnet Radziwill aus.“

Die apokalyptische Stadtansicht bildet den spektakulären Schlusspunkt der neuen Radziwill-Schau. Gleich daneben führt ein anderes Werk die Weltsicht des Künstlers vielleicht noch greifbarer vor Augen: „Die mechanische Zeit ist nicht die Zeit des Schöpfers“ (1947) lautet der proklamatorische Titel, und zu sehen ist darauf ein Kriegsschiff im Hafen vor einem Himmelsgrau wie aus Spannbeton, der am Rand schon Risse zeigt und bröckelt. Hinter dem Betongrau ist zu ahnen, was Radziwill einmal den „göttlichen Urgrund“ genannt hat – und was nicht schlecht zu diesem Apokalyptiker des Nordens passt. Denn sichtlich endlos ist dieser Urgrund bei ihm. Aber auch ziemlich schwarz.

Daniel Alexander Schacht

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