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Kultur Die Entdeckung der Sinnlichkeit
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00:00 23.02.2017
Reizvolle Landschaft: „Ruhende Venus“ von Jacopo Palma il Vecchio (um 1520). BILDER: HAMBURGER KUNSTHALLE

Nackte Damen räkeln sich vor italienischen Landschaften, Liebespaare umschlingen sich leidenschaftlich: Die venezianischen Maler des 16. Jahrhunderts brachten die Sinnlichkeit in die eher gesittete Kunst ihrer Epoche. Tizian (1490-1576) als ihr wohl bekanntester Vertreter, aber auch Paris Bordone, Palma il Vecchio oder Lorenzo Lotto bannten greifbare Poesie auf die Leinwand. Die Hamburger Kunsthalle widmet ihnen jetzt eine international mit Spannung erwartete Ausstellung.

Hamburger Kunsthalle zeigt Bilder venezianischer Meister / International beachtete Schau

Die Poesie zeigt sich nicht nur in den freizügigen Motiven der Künstler, betont Kuratorin Sandra Pisot. „Sie offenbaren eine träumerische und sinnliche Auffassung von Malerei.“ Wichtiges Stilmittel sei dabei der großzügige Einsatz von Licht und Farbe. „Die Sinnlichkeit zeigt sich auch in der Kleidung der dargestellten Personen, die aus kostbaren Stoffen und Pelz gemacht ist“, erklärt Pisot.

Wie wichtig Farben waren, zeigt sich laut Pisot daran, dass sich in dieser Zeit in Venedig der Beruf des Farbenhändlers herausbildete. „Tizian hat seinen Händler sogar auf einem Bild verewigt.“

Besonders gefragt waren Rottöne wie Zinnober, Purpur und Karmesin. „Die Orange-Farben wie Auri-Pigment oder Realgar enthielten teilweise hochgiftige Arsenmischungen“, so die Expertin. „Oft wurde den Farben auch gemahlenes Glas zugefügt, um die Brillanz zu erhöhen.“ Nicht umsonst habe Tizian den Beinamen „Meister der Farben“.

Nicht nur die Motive und die Farben, auch die Malweise der Venezianer unterschied sich deutlich von den damals prägenden Malereischulen in Florenz und Rom. „Deren Ansinnen war es, die Malerei aus dem Bereich des traditionellen Handwerks in eine intellektuelle Disziplin zu überführen und gleichzeitig ihr sinnliches Potenzial zu zähmen“, erklärt Christoph Vogtherr, Direktor der Kunsthalle.

Im Gegensatz dazu verzichteten die Venezianer etwa darauf, ihre Bilder auf der Leinwand vorzuzeichnen – sie malten einfach drauflos und ließen ihrer Kreativität freien Lauf. „Man erkennt eine schnelle, fast expressive Malweise“, sagt die Kuratorin. „Die Venezianer waren ein Stück freier.“

Ermöglicht wurde diese Freiheit auch durch die gesellschaftliche Stimmung in der damaligen Welthandelsmetropole: „Trotz Pestepidemien, Stadtbränden und zahlreichen Kriegen herrschte in Venedig eine unglaubliche Kreativität“, sagt Pisot. Der Pest fiel 1576 auch der greise Tizian zum Opfer.

Die Hamburger Ausstellung befasst sich auch mit der Rivalität zwischen Tizian und seinem Schüler Paris Bordone (1500-1571). „Tizian war in Venedig der Platzhirsch und sehr erfolgreich im Buhlen um Auftraggeber“, verrät Pisot. Andere Künstler mussten Venedig sogar zeitweise verlassen, um andernorts Aufträge zu ergattern. Dass sich in der Kunstgeschichte vor allem Tizian unvergesslich gemacht hat, ist für die Kuratorin berechtigt: „Sein Können ist einfach unerreicht.“

Grundlage der Schau sind aber zwei Bilder Bordones, die zum Bestand der Kunsthalle gehören. Die Leihgaben sind spektakulär: Sie kommen unter anderem aus dem Pariser Louvre, den Uffizien in Florenz, der Eremitage in St. Petersburg. Auch für den Ausstellungskatalog konnten internationale Experten gewonnen werden.

Gemalte Poesie

100 Bilder venezianischer Meister, darunter Leihgaben aus den weltweit führenden Museen, zeigt ab morgen die Hamburger Kunsthalle in der Ausstellung „Die Poesie der venezianischen Malerei“. Beleuchtet wird bis zum 21. Mai in der Galerie der Gegenwart unter anderem der Tizian-Schüler und -Rivale Paris Bordone. Laut Kunsthalle werden dabei erstmalig weltweit die Hauptwerke Bordones in einer Schau zusammengeführt.

Parallel werden im Harzen-Kabinett unter dem Titel „Holzschnitte aus der Zeit Tizians“ rund 30 druckgraphische Werke venezianischer Künstler des 16. Jahrhunderts mit Schwerpunkt auf Arbeiten nach Entwürfen Tizians präsentiert.

Geöffnet: dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, Eintritt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro, am Wochenende 14 bzw. 7 Euro

Axel Büssem

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