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Kultur Die Erinnerung lauert auf dem Berg
Nachrichten Kultur Die Erinnerung lauert auf dem Berg
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00:00 27.09.2018
München

Hat Juli Zeh jetzt etwa einen Roman über Midlife-Crisis geschrieben? In ihrem letzten Werk „Leere Herzen“, das noch kein Jahr alt ist, rechnete die Autorin mit der AfD ab.

Juli Zeh legt mit „Neujahr“ bereits ihren achten Roman vor. FOTOS (2): KARSTEN RÖSEL/LUCHTERHAND

Buch

Juli Zeh:

„Neujahr“,

Luchterhand;

192 Seiten,

20 Euro

ISBN: 9783630875729

Ihre zynische Dystopie arbeitete sich an zahlreichen aktuellen Politikthemen ab: Terrorangst, Erstarken rechter Kräfte, Syrien-Krieg. Zeh wird oft als Erstes genannt, wenn es um zeitgenössische politische Autorinnen geht. Ihr jüngstes Buch „Neujahr“ – mit 191 Seiten ungewöhnlich kurz – hingegen beginnt mit dem Familienvater Henning, der mit seinem Schicksal hadert. Obwohl es ihm doch eigentlich so gut geht. Doch die Kinder bestimmen sein Leben, gerade auch jetzt während des Urlaubs auf Lanzarote. Gut, sie konnten sich keine der schicken weiß getünchten Villen leisten, sondern nur ein winziges „Scheibenhaus“. Aber dafür ist seine Frau Theresa eine Meisterin im Das-Beste-draus-Machen. Wenn sie bloß nicht beim Neujahrsfest mit diesem Franzosen getanzt hätte. Zeh nimmt das Milieu der Mittelstandseltern aufs Korn – übrigens wie am Rande auch schon in „Leere Herzen“. „Arbeit ist nicht mehr Feind der Freizeit, sondern eine Verteidigungsstrategie gegen den Dauerzugriff der Kinder“, heißt es in Hennings Selbstmitleidsarie, die er bei einer einsamen Radtour am Neujahrsmorgen vorbringt. Die zwanghafte Versicherung des eigenen Glücks geht so weit, dass er sich nicht einmal die Belastungsstörung zugesteht, unter der er offensichtlich leidet und die er „ES“ nennt. Gerade, als man das Lamentieren kaum noch erträgt, passiert etwas Unerwartetes. Denn Zeh wäre nicht Zeh, wenn sich nicht alsbald eine Metaebene in der Geschichte auftun würde. Henning kommt die Umgebung plötzlich bekannt vor. Hoch in den Bergen stößt er auf ein Haus, in dem er als kleiner Junge einst Urlaub gemacht hat, wie ihm erst jetzt bewusst wird. Die zweite Romanhälfte über diese Kindheitserinnerung, in der auch seine kleine Schwester Luna eine große Rolle spielt, ist so spannend wie ein Thriller. Die Autorin verknüpft die Geschichte über eine Ehekrise mit der Erinnerung an eine traumatische Kindheitserinnerung, die wiederum auf der Ehekrise der Eltern beruht. So schließt sich am Ende der Kreis.

Zeh zeigt sich hier einmal wieder als Autorin, die ihre Geschichten eng an den Handlungsort knüpft: Beschrieb sie in „Unterleuten“ (2016) die verschiedenen Gesellschaftsgruppen, die das Leben in der brandenburgischen Provinz prägen, die sie selbst zu ihrer Wahlheimat gemacht hat, so bestimmt diesmal die kanarische Insel Lanzarote mit ihrer sengenden Sonne die Erzählung. Beim Lesen kann man die Schwere des Sommers spüren, die aufgeheizten Stimmungen, auch die Erbarmungslosigkeit der Natur. Nach jedem Vulkanausbruch erscheint die Insel wie eine „Gegend ohne Vergangenheit“ – ein symbolischer Ort also für einen Neuanfang im Sinne des Jahreswechsels. „Erster-Erster, Erster-Erster“, der Rhythmus dieses Datums wird für Henning beim Radfahren zum treibenden Mantra. Man muss es als Leser nur mit ihm hinauf auf den Berg schaffen, um mit einer packenden Geschichte belohnt zu werden.

Nina May

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