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Die Frau, die Mauern des Schweigens zu Fall bringt

Frankfurt/Main Die Frau, die Mauern des Schweigens zu Fall bringt

Friedenspreisträgerin Carolin Emcke fordert Widerstand gegen Fanatismus und Hass

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Applaus in der Frankfurter Paulskirche für Carolin Emcke (Bildmitte), die die wichtigste deutsche Kulturauszeichnung erhielt. Zu den Gratulanten gehörte Bundespräsident Joachim Gauck (links hinter ihr).

Quelle: Daniel Roland/afp

Frankfurt/Main. Ganz glauben mag es Carolin Emcke immer noch nicht, als sie am Sonntag auf dem Podium der Frankfurter Paulskirche steht. An der Stelle, wo neben Martin Buber oder Nelly Sachs die für Emckes Leben noch wichtigere US-Intellektuelle Susan Sontag oder der Philosoph Jürgen Habermas den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels schon entgegengenommen haben. „Wow, so sieht es also aus dieser Perspektive aus“, sind ihre ersten Worte.

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln.“Preisträgerin

Carolin Emcke

Der salopp-ironische Einstieg der ganz in Schwarz gekleideten 49-Jährigen ist programmatisch für die gesamte Dankesrede der Publizistin und Philosophin, die einst bei Habermas in Frankfurt studiert hat. Die heute in Berlin lebende Emcke verwebt Persönliches, wie ihre eigene Homosexualität, mit dem großen Ganzen. Dem immer stärker werdenden Hass in der Gesellschaft und der Ausgrenzung von Minderheiten setzt sie Aufklärung und Humanismus entgegen – und eben einen Wechsel der Perspektive. Deshalb wirbt sie um „die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern“. Denn es geht ihr um die Vielfalt der Lebensentwürfe in der globalen Welt: in der Sexualität, in der Religion und bei der Herkunft der Menschen. „Wir werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten (werden) verschlichtet und verdumpft“, wirft sie den Populisten und Fanatikern vor, die vom „homogenen“ Volk oder der „wahren“Religion sprechen. „Sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst – sie lassen hassen.“

Emckes Rede ist dagegen ein Plädoyer für eine liberale, offene und säkulare Gesellschaft – eine Gesellschaft, die bunt ist und nicht ausgrenzt. Als Kriegsreporterin hat Emcke auf ihren Reisen erfahren, was Flucht und individuelles Leid bedeuten. Zugleich versucht sie, Handlungsanleitungen zu geben, wie jeder mit Zivilcourage gegen Hass und Verachtung vorgehen kann.

Versierte Journalistin, die sie ist, findet sie dafür auch griffige Sätze: „Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.“

Doch was kann der Einzelne jenseits solcher Formeln denn wirklich tun? Emcke räumt in ihrer Rede ein, dass die ganze Zivilgesellschaft gefordert ist. „Wir brauchen Bilder und Vorbilder auf den Ämtern und Behörden.“

Auf der Frankfurter Buchmesse am Freitag war die Publizistin konkreter gewesen und hatte auch von der eigenen Angst gesprochen. Obwohl selbst Fußballfan und Anhängerin von Borussia Dortmund, würde sie sich nicht unter Hooligans mischen, sagte sie. Bei Hassreden und Gewalttaten gegen Minderheiten empfiehlt sie, die Polizei zu rufen oder wegzugehen. Auf keinen Fall dürfe man in solchen Fällen „Publikum sein“.

Das Publikum in der Paulskirche feiert Emckes philosophisch angelegte Rede am Ende mit viel Applaus. Unter den 1000 Gästen ist ein sichtlich beeindruckter Bundespräsident Joachim Gauck. Auch Emckes früherer Mentor, der in Starnberg lebende Habermas, ist zur Verleihung des renommierten Preises an seine einstige Schülerin gekommen. In ihrer Laudatio auf die Preisträgerin hob die Philosophin Seyla Benhabib Emckes Erzählkunst in den Mittelpunkt. In einer einmaligen Mischung aus Reportage, philosophischer Reflexion und literarischer Komposition bringe sie die Mauern des Schweigens und Leids zu Fall.

Chronistin in Krisenregionen

Carolin Emcke wurde am 18. August 1967 in Mülheim/Ruhr geboren. Sie studierte Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt und Harvard (USA). Heute lebt Emcke als freie Publizistin in Berlin. Sie arbeitet unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“. Von 1998 bis 2006 war sie Redakteurin beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Emcke bereiste zahlreiche Krisenregionen und berichtete unter anderem aus dem Kosovo, Afghanistan, Pakistan, Irak und dem Gaza-Streifen. Aus den Briefen, die sie zwischen 1999 und 2003 an ihre Freunde schrieb, entstand 2004 ihr erstes Buch „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“. Zwei Jahre lang unterrichtete Emcke als Gastdozentin für Politische Theorie an der Universität Yale in den USA.

Thomas Maier

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