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Die Langen Foundation: Kunst statt Pershings

Neuss Die Langen Foundation: Kunst statt Pershings

Erst kam der Kalte Krieg, dann kam die Kunst. Die ehemalige Raketenstation Hombroich ist ein faszinierendes Experimentierfeld dafür. Spektakulär ist der Bau für die private Langen Foundation - das Ausstellungshaus ist ein Kunstwerk für sich.

Neuss. Wo im Kalten Krieg Cruise Missiles und Pershing-Raketen stationiert waren, befindet sich heute eines der faszinierendsten Kunstzentren des Rheinlands. Die einstige Nato-Raketenstation Hombroich bei Neuss hat als Militärstützpunkt seit über 20 Jahren ausgedient.

Stattdessen landet man nach der Fahrt durch eine Acker- und Auenlandschaft auf einem Experimentierfeld für Kunst und Architektur. Die Nato-Wachtürme sind fast zugewachsen, die früheren Baracken und Wälle blieben erhalten. Auf diesem Gelände, das früher in keiner Landkarte verzeichnet war, wurde 2004 ein spektakulärer Bau für die private Langen Foundation eröffnet.

Der japanische Star-Architekt und Pritzker-Preisträger Tadao Ando baute den von einem Glasmantel umhüllten Betonriegel im Auftrag der Sammlerin Marianne Langen. Das Gebäude „ist das größte Kunstwerk, das ich jemals erworben habe“, sagte Marianne Langen, die noch vor der Eröffnung 2004 starb.

Zwei Pfeiler hat die Sammlung, die das Meerbuscher Unternehmerehepaar Viktor (1910-1990) und Marianne Langen seit den 1950er Jahren zusammentrug: eine in Deutschland einzigartige Japan-Sammlung mit rund 350 Werken vom 12. bis 20. Jahrhundert und eine Kollektion von einst 300 Werken der berühmtesten Maler der Klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts.

Rund 30 000 Besucher kommen jährlich zur Langen Foundation, die gar nicht so einfach zu finden ist. Man steht minutenlang vor geschlossenen Bahnschranken und fährt über schmale Feldwege. Entschleunigung pur. „Wir sind hier draußen auch wetterabhängig“, sagt die künstlerische Leiterin Christiane Maria Schneider. Im Sommer ist mehr los, im Winter ist es ruhiger.

„Meine Mutter wollte vor allem die japanische Sammlung zeigen. Das war ihr wichtig“, sagt die heutige Stiftungsvorsitzende Sabine Langen-Crasemann (73). „Insofern sind wir etwas anders als andere Häuser, weil wir den Asien-Schwerpunkt haben. Das bringt die Leute dazu, sich auch mal wieder etwas anderes anzuschauen.“

Die Sammlung sei „nicht von Kuratoren und Beratern“ gesammelt worden, sondern „von einem Ehepaar, das sich für Kunst interessiert hat“, betont Langen-Crasemann. Ihre Eltern seien viel gereist. „Für sie war Kunst ein Mittel, die Welt zu begreifen.“ Heute aber werde Kunst gekauft, „weil so viel Geld da ist und weil Kunst ein Status-Symbol ist“. Ihre Eltern dagegen hätten „subjektiver und persönlicher“ gesammelt.

Doch die Sammlung blieb von den Erben nicht unangetastet. 2014 ging ein Raunen durch die Kunstszene, als 30 Meisterwerke aus der Kollektion bei Christie's in New York versteigert wurden. Allein zehn Spitzenwerke von Picasso, Kandinsky, Dalí, Braque und Léger brachten 58 Millionen Euro.

„Für mich ein trauriges Thema“, sagt Langen-Crasemann. „Ich hätte am liebsten alles behalten.“ Doch auch ihre beiden Brüder haben über die Kunst mitzubestimmen. „Es gibt auch keine Verpflichtung, dass man die Kunst ewig behält“, sagt Langen-Crasemann. „Es gibt viele Sammler, die verkaufen ständig Kunst und kaufen immerzu etwas Neues.“ Ist es also denkbar, dass weitere Bilder aus der Sammlung verkauft werden? „Ich weiß es nicht“, sagt sie.

Die verbliebenen Werke der Klassischen Moderne aus der Sammlung sind von Museen weiterhin als Leihgaben für Ausstellungen gefragt. Derzeit sei ein Bild von Lászlo Moholy-Nagy ans Guggenheim Museum New York verliehen.

Trotz der empfindlich dezimierten Sammlung geht der Ausstellungsbetrieb auf Hochtouren weiter. „Im Grunde ist das Haus für die Japan-Sammlung konzipiert worden“, sagt Langen-Crasemann. „Japan und zeitgenössische Kunst sollten die Schwerpunkte sein.“ So machte die Langen Foundation mit Ausstellungen zu Otto Piene, Alex Katz, Fernand Léger und Jean Dubuffet von sich reden, aber auch mit einer Schau, die eine Verbindungslinie zwischen historischen japanischen Bildrollen und modernen Manga-Comics zog.

Die Japan-Sammlung habe ein „Alleinstellungsmerkmal in Deutschland“, sagt Langen-Crasemann. Deshalb war sie auch kürzlich bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Denn das neue Kulturgutschutzgesetz, das national wertvolle Kunstwerke vor Abwanderung ins Ausland schützen soll, machte auch der Langen Foundation Sorgen. Grütters habe zugesichert, dass die Japan-Sammlung nicht auf die Liste für national wertvolles Kulturgut komme, womit eine Ausfuhr aus Deutschland verboten wäre. „Das wollten wir bestätigt haben.“

dpa

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