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Die Musik der Automaten

Lübeck Die Musik der Automaten

Karl Bartos ist klassischer Musiker und hat 16 Jahre bei Kraftwerk gespielt. Dann stieg er aus. Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben.

Lübeck. Haben Sie schon Reaktionen der alten Kraftwerk-Kollegen auf Ihr Buch?

 

OZ-Bild

Hat mit Kraftwerk die Popmusik weit nach vorne gebracht: Karl Bartos.

Quelle: Foto: Promo/katja Ruge

Karl Bartos: Nein, wir sind ganz überrascht. Es ist alles still.

Bei der Autobiografie von Wolfgang Flür, mit dem Sie bei Kraftwerk gespielt haben, gab es dagegen einige Komplikationen.

Das betraf inhaltliche Dinge, aber vor allem auch Bilder. Ich hatte ein juristisches Lektorat, und da haben wir großen Wert darauf gelegt, dass wir keine Privataufnahmen verwendeten. Ich denke, ich habe niemanden verletzt mit meinem Buch.

Florian Schneider haben Sie nach ihrem plötzlichen Ausstieg 1990 noch mal zufällig getroffen in Düsseldorf. Gab es auch Kontakt zu Ralf Hütter?

Einmal, das ist vielleicht drei Jahre her. Da hatte Wolfgang hier am Landgericht Hamburg gerichtlich mit ihm zu tun. Da bin ich hingegangen, wir haben uns kurz gesehen, auch die Hand geschüttelt, aber mehr als ein „Guten Tag“ ist nicht dabei herausgekommen. Ralf Hütter ist halt nicht besonders kommunikativ, das muss man respektieren.

Und jetzt spielt er als letzter Verbliebener mit drei neuen Musikern im New Yorker MoMA und anderen Museen dieser Welt. Ist Kraftwerk dort richtig aufgehoben?

Ich weiß es auch nicht. Ich hatte schon früher nichts gegen Opern- und Schauspielhäuser, gegen institutionalisierte Kultur. Kraftwerk war da eigentlich ein kompletter Gegenentwurf, Ralf Hütter hat sich immer dagegen gesperrt. Er wollte Opernhäuser abreißen, wie der Futuristenchef Marinetti. Und heute tritt Kraftwerk in Museen auf. Aber jeder hat natürlich das Recht, seine Meinung zu ändern.

Wäre die Entwicklung der Popmusik ohne Kraftwerk anders verlaufen?

Gute Frage. Wäre die Entwicklung der Popmusik ohne Pierre Schaeffer und Karlheinz Stockhausen anders verlaufen? Ich weiß es nicht. Ich glaube, das Geheimnis von Kraftwerk damals in der zweiten Hälfte der 70er Jahre war, dass wir ein paar Dinge miteinander verbunden haben, die dafür nicht gedacht waren. Die Tonbandexperimente Schaeffers und Stockhausens mit Popmusik zu verbinden, das haben die Beatles schon gemacht. Oder Pink Floyd. Wir hatten dann keine Ressentiments, was die Automatenmusik anging. Aber die Automaten gibt es ja auch seit ewigen Zeiten, die ersten schon um 1700. Dieses Prinzip ist dann mit der Elektronik und der minimalistischen Musik fortgeführt worden. Wir haben bei Kraftwerk diese Dinge miteinander verknüpft. Und wir sind initialisiert worden mit der unglaublichen Lawine, die die Popmusik in den 60er Jahren ausgelöst hat, mit der Botschaft, die diese Musik enthielt.

Sie waren damals in den 60ern auch noch richtiger Fan. Brian Eno hat mal gesagt, es gebe heute viel zu viel Musik. Niemand kenne sich mehr wirklich aus. Geht es Ihnen ähnlich?

Ja, ich habe auch versucht, das in dem Buch herauszuarbeiten. Wir waren im Grunde eine der ersten Bands, die voll von der Digitalisierung erfasst wurden. Und in der Tat hat das unsere Musik verändert und die Art und Weise, wie wir Musik hörten und sie gestalteten. Die Vorstellung, dass wir durch Computer mehr Zeit für Kreativität haben würden, war ein Irrtum. Das Einzige, was die Digitalisierung in der Welt der Musik wirklich hervorgebracht hat, war die industrielle Vermarktung. Alles, was seit Mitte der 80er Jahre erfunden wurde, hat keine neuen musikalischen Inhalte gebracht.

Das heißt, die Popmusik wird auf absehbare Zeit auf der Stelle treten?

Keine Ahnung, aber ich glaube, für die weitere Entwicklung unserer Musikkultur sind Live-Aufführungen von Musik von zentraler Bedeutung. Denn der Augenblick ist ja nicht wiederholbar, auch wenn man ihn aufzeichnet. Das ist übrigens auch bei Sportveranstaltungen der Fall. Deshalb habe ich die Hoffnung, die Jazz-Musik – ich meine damit unabhängig vom Genre den Gedanken der interaktiven Improvisation – rückt wieder mehr in unser Bewusstsein.

Dennoch: Was ist für Sie zurzeit am interessantesten in der Popmusik?

Da muss ich passen. Ich habe mir neulich Karten für ein Konzert im Pierre-Boulez-Saal in Berlin gekauft: Daniel Barenboim spielt Debussy. Ich komme einfach gar nicht mehr dazu, die Popmusik-Szene zu verfolgen. Wenn Barenboim die Klavierwerke Debussys mit Leben erfüllt, kommt das der Musik, so wie ich sie verstehe, schon sehr nahe.

Debussy hat Sie Ihr Leben lang nicht losgelassen.

Ja. Es gibt Werke, die sind ganz außergewöhnlich, sie sind zeitlos. Ich zähle Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ auch dazu. Das ist zwar eine Tonbandcollage, eine Aufzeichnung von Musik, aber die ist für das Medium komponiert.

In Ihrem Buch beklagen Sie auch, dass Streaming die Musik zerstört, weil das Gemeinschaftserlebnis auf der Strecke bleibt.

Das ist ein Aspekt. Ein anderer ist, dass Streaming das alte Geschäftsmodell der Musikindustrie ad absurdum führt. Man kann als Musiker keine Musik mehr produzieren, wenn ein Stream 0,006 Euro abwirft. Das ist unmöglich. Da müsste ich quasi im Jahr mehrere Hundert Platten auf Streaming-Portalen veröffentlichen, um über die Runden zu kommen. Außerdem: Das ganze akustische Weltkulturerbe ist ja in den Händen von Lizenznehmern, also von großen Firmen. Aber die haben ihre Verträge abgeschlossen, als das Geschäftsmodell noch ganz anders funktionierte. Ich halte das leider für unumkehrbar.

Sie gehen also demnächst wieder auf Tournee?

Das würde ich am liebsten machen, aber momentan habe ich noch so viel mit dem Buch zu tun. Nächstes Jahr kommt es wahrscheinlich auf Englisch heraus, und das ist doch sehr arbeitsintensiv.

Während einer Kraftwerk-Tournee in den USA haben Sie auch Neil Young besucht. Wusste der mit der Musik etwas anzufangen?

Er hat sich sehr dafür interessiert und in den 80er Jahren ja auch ein Album mit elektronischen Instrumenten aufgenommen („Trans“, 1982). Für ihn war es ein Experiment, er ist natürlich nicht dabei geblieben. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant, daran zu erinnern, dass unsere Musik zum großen Teil handgespielt und auch so komponiert wurde, das vergisst man ja oft in der Rückschau. Aus meiner Sicht sind wir gescheitert, als wir unsere vorhandene Musik in den Computer transferierten und sie umbauten. Das ist komplett schief gegangen. Man muss sich nur mal „Autobahn“

von 1974 und aus dem „Mix“-Album von 1991 anhören.

Haben Sie jemals bereut, nicht Orchestermusiker geworden zu sein?

Nein. Wir hatten damals am Robert-Schumann-Institut in Düsseldorf den ersten Studiengang für Live-Elektronik. Mit meinem heutigen Bewusstsein würde ich da seinerzeit wahrscheinlich mitgemacht haben. Aber ich habe es für mich gar nicht in Betracht gezogen. Als ich die Anfrage bekam, waren wir mit Kraftwerk gerade auf Welttournee, und da habe ich das nicht so gesehen.

Dabei hätten Sie beinahe sogar bei Herbert von Karajan gespielt.

Zumindest in der Karajan-Stiftung.

Aber Sie hatten doch auch ein Vorspiel im Orchester.

Ja, bei den Berliner Philharmonikern. Und später hat man mir angeboten, ich könnte dort ausgebildet werden. Das war ein astronomisches Stipendium und die Eintrittskarte in ein A-Orchester, aber ich habe es ausgeschlagen. Damals war für mich eben der Mittelpunkt von ganz Deutschland Düsseldorf. Da ging die Post ab.

Interview: Peter Intelmann

Pop und Konservatorium

Karl Bartos (65) hat im Düsseldorf der 60er Jahre in die Musikszene gefunden. Er spielte in Popbands und hat am Robert-Schumann-Konservatorium als Schlagzeuger seine künstlerische Reifeprüfung abgelegt. Vor allem aber war er von Mitte der 70er bis 1990 Mitglied von Kraftwerk. Seine Autobiografie „Der Klang der Maschine“ (605 Seiten, 26 Euro) ist beim Eichborn-Verlag erschienen. Karl Bartos lebt in Hamburg.

OZ

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