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Die Nummer zwei nach Ohnsorg: Fritz-Reuter-Bühne wird 90

Schwerin Die Nummer zwei nach Ohnsorg: Fritz-Reuter-Bühne wird 90

Zum Jubiläum wird das Stück „Kein Hüsung“ des Namenspatrons aufgeführt / Premiere ist am 25. November

Schwerin. . „Von Iesgang frie sünd Strom un Bäken. . .“ Rolf Petersen liebt die Poesie der niederdeutschen Sprache, hier in der ersten Zeile von Goethes „Osterpaziergang“ up Platt. In diesem Jahr hat der Direktor der Fritz-Reuter-Bühne am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin besonders häufig Gelegenheit, für sin Spraak eine Lanze zu brechen – das Ensemble begeht sein 90-jähriges Jubiläum.

Bundesweit gibt es zwei plattdeutsche Profi-Schauspieltruppen: das Ohnsorg-Theater Hamburg und die Fritz-Reuter-Bühne Schwerin. Gegründet am 26. November 1926, ist die Reuter-Bühne etwas jünger als ihr „großer Bruder“ an der Elbe, der 1902 als „Dramatische Gesellschaft“ begann. Sie ist auch etwas weniger bekannt, weil die westdeutschen Ohnsorg-TV-Übertragungen, jahrzehntelang für die Reuter-Bühne hinter dem Eisernen Vorhang ausfielen.

Die Annalen berichten durchaus von Bemühungen: So wollte der NDR 1978 eine Aufzeichnung aus Schwerin zeigen. Nach langem Tauziehen konnte der Schwank „Vadder hett ne Fründin“ mit Marga Heiden in einer ihrer Paraderollen vom Fernsehen der DDR übernommen werden. Zwei Inszenierungen sollten folgen. Das war’s.

Marga Heiden (1921-2013) gilt als die Heidi Kabel des Ostens. Die Mutter von Schauspielerin Katrin Sass war Publikumsmagnet an der Reuter-Bühne. Unvergessen ihre Darstellung der „Frollein Soffie“ in der Platt-Version von „Dinner for One“, die 1999 vom NDR aufgezeichnet wurde und an jedem Silvesterabend ausgestrahlt wird.

Vier Produktionen stemmen die fünf fest angestellten Schauspieler um Direktor Petersen jährlich. Bei größeren Inszenierungen kommen Gäste dazu. Wie bei Ohnsorg dominieren auch bei der Reuter-Bühne Unterhaltungsstücke. „Das ist auch gar nicht schlimm“, sagt Petersen, der sich zum leichten Fach bekennt. Zwischendurch wird auch Ernstes und Poetisches gebracht, wie Shakespeare-Sonette up Platt oder jetzt zum Jubiläum „Kein Hüsung“ (Keine Behausung) von Namenspatron Fritz Reuter (1810-1874). Premiere ist am 25. November.

Das Versepos erzählt in dichter Sprache von Willkür, sozialer Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit im rückständigen Mecklenburg des 19. Jahrhunderts. Das Stück sei überraschend aktuell und das werde gezeigt, sagt Petersen. „Kein Hüsung“ ist die Geschichte des Knechtes Johann und seiner schwangeren Freundin Marie. Sie dürfen nicht heiraten, weil Johann keine Wohnung (Hüsung) vom Grundherrn zugewiesen bekommt. Der Konflikt eskaliert, Johann ersticht den Grundherrn und flieht nach Amerika. Die aktuelle Fluchtthematik soll in der Inszenierung aufscheinen.

„Kein Hüsung“ ist Hochliteratur auf Niederdeutsch. Petersen gibt zu, dass selbst er als Kenner dieser Sprache sich konzentrieren muss, um alles zu verstehen. Immer mehr Menschen verstehen nicht einmal mehr Alltagsplatt. Schafft es die Reuter-Bühne noch einmal 90 Jahre? Petersen gibt sich optimistisch. „Wir gehen mit Klassenzimmmer-Stücken in Schulen“, sagt er. „Hannes, der kann es“, ein Mitmach-Stück über einen lustigen Postboten, heißt die nächste Inszenierung für kleine Zuschauer.

Das Spardiktat, unter dem das Staatstheater steht, raubt der Reuter-Bühne vermutlich mehr Zuschauer als das abnehmende Verständnis des Niederdeutschen in der Bevölkerung. In der vergangenen Spielzeit kamen nach Angaben des Theaters 15 000 Zuschauer zu 115 Aufführungen.

Vor zehn Jahren waren es rund 3000 Besucher mehr, „allerdings mit entsprechend mehr Vorstellungen, nämlich 141“, berichtet eine Sprecherin. Gastspiele geben die Schweriner Schauspieler immer noch von Papenburg bis Binz und von Flensburg bis Hannover. Geburtstagsglückwünsche schickt der Intendant des Ohnsorg-Theaters, Christian Seeler, aus Hamburg. „Ich hoffe, dass die Politik in Mecklenburg-Vorpommern die Fritz-Reuter-Bühne auch in den nächsten 90 Jahren kräftig unterstützt“, sagt er. Die niederdeutsche Sprache könne gar nicht hoch genug geschätzt werden. „Sie gehört zu unseren Wurzeln.“ Iris Leithold

OZ

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