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Die Ostsee, ein Echoraum

Die Ostsee, ein Echoraum

Texte von Ernst Moritz Arndt, Hans Christian Andersen, Astrid Lindgren und Alexander Puschkin auf einer Plattform – die Baltic Sea Library sammelt Texte rund um die Ostsee

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Kiel/Klütz/Klaipeda. Drei Sprachfamilien, elf Sprachen und ein Meer, das zehn Länder auf Abstand hält: So könnte man den Ostseeraum von Jütland bis St. Petersburg und vom Klützer Winkel bis Helsinki auf den Punkt bringen. „Dieses wunderbare Labyrinth von Inseln und Wasser“, nennt es Schwedens Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer (1931-2015) und erzählt in dem eben so benannten Langgedicht nicht von ungefähr von „Ostseen“.

„Es gibt viele Ostseen“, sagt auch Klaus-Jürgen Liedtke, „in Estland heißt sie übrigens Westsee. Denn die eine Ostsee-Identität gibt es nicht. Literarisch sind wir alle getrennt. Und die einzige Brücke, die es gibt, ist die Übersetzung.“ Also hat der gebürtige Bielefelder Skandinavist, Schriftsteller und Übersetzer die Baltic Sea Library initiiert. Mit ersten Überlegungen auf einem Autorentreffen in Visby auf Gotland 1992, anknüpfend an Björn Engholms Gedanken einer „Neuen Hanse“ und ganz im Sinne des Ars Baltica-Netzwerks.

Mit je drei Texten legten zehn Redakteure in den Ostsee-Ländern 2010 los, mittlerweile sind auf der Website rund 400 Essays und literarische Texte zugänglich – von den Reisebeschreibungen Johann Gottfried Herders und Adam Olearius’ bis zu Thomas Manns Buddenbrooks, Gedichten von Anna Achmatova oder einer Erzählung des Danziger Gegenwartsautors Pawel Huelle. Manches ist bislang nur in der Originalsprache zugänglich, vieles zumindest ins Englische übersetzt, etliches auch ins Deutsche oder in eine der skandinavischen Sprachen. So hat Jan-Philipp Reemtsma für das Netzportal Tacitus frühe Schilderungen aus dem Lateinischen übertragen, Per Qvale Kurt Tucholskys Schloss Gripsholm ins Norwegische.

„Wir sammeln Texte, die einen Ostsee-Bezug haben“, erklärt Liedtke, „das geht hin und her zwischen Ländern und Zeiten. Aber es passiert ja oft, dass literarische Texte aufeinander Bezug nehmen oder einander antworten. In diesem Sinne ist die Ostsee für mich eine Art Echoraum.“ Die Baltic Sea Library spiegelt die geistigen Verbindungslinien wider. Dazu gehören eben auch zwei isländische Sagas, die in Kurland im Baltikum spielen. Oder der samische Blick auf die Ostsee. Ein Mammutprojekt ist daraus geworden, drei Jahre lang gefördert vom Auswärtigen Amt und dem Nordischen Ministerrat;

derzeit ist man wieder auf der Suche nach Förderern. „Einfach ist das nicht“, sagt der finnlandschwedische Literaturwissenschaftler Clas Zilliacus, „die Kollegen in den einzelnen Ländern sind unterschiedlich aktiv. Und nicht immer finden sich Übersetzer.“

Und trotzdem entfaltet sich im Netz ein stetig wachsendes literarisches Mosaik der Ostseeregion, auf dem sich Leser, Meersüchtige und Wissenschaftler treffen. Rund 30000 Zugriffe verzeichnet die Website jährlich; in den USA gibt es schließlich auch ein Studienfach Baltic Studies: „Anders als hier sieht man die Ostsee von dort eher als Einheit“, sagt Liedtke.

Im kommenden Jahr ist als analoger Ableger der Baltic Sea Library ein Buch geplant: Die Ostsee. Texte aus 2000 Jahren, so der Arbeitstitel für die Anthologie, die Liedtke im Herbst 2017 bei Galiani herausgibt. „Für mich lag die Ostsee sehr lange immer am Rand“, erzählt Verleger Wolfgang Hörner, „und es war eine Entdeckung, dass auch hier eine 1000-jährige Geschichte existiert. In der Baltic Sea Library liegt jetzt ein Kernbestand der Literatur rund um die Ostsee vor. Das hat auch etwas Kanonisches.“

Das spiegelt die Vielfalt wie die Suche nach dem Gemeinsamen. „Es macht keinen Unterschied, ob es die kurische, preußische, pommersche, dänische, schwedische, norwegische, holländische, englische, französische See ist“, behilft sich Herder und bezieht gleich noch die Nordsee mit ein: „Wenn es an die Navigation geht, ist da nichts als das Meer rundherum.“

Aber womöglich ist es auch einfach so, wie es der finnlandschwedische Historiker Lorenz von Numers (1913-1994) beschreibt: „Die Ostsee. Ist vielleicht mehr eine Stimmung.“

• Internet: www.balticsealibrary.info

Ruth Bender

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