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Kultur Die Sicherheit des Küchenstuhls
Nachrichten Kultur Die Sicherheit des Küchenstuhls
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00:03 17.05.2018
Berlin

So ungewöhnlich wie der Titel ist ihr Roman. „Ich liebe mein Buch, aber ich kann es nicht empfehlen“, wird Silvia Bovenschen zitiert. Sie traut sich was mit „Lug und Trug und Rat und Streben“. Frühere Bücher hießen „Verschwunden“, „Wo ist Georg Laub?“ oder „Nur Mut“. Das Buch „Älter werden. Notizen“ aus dem Jahr 2006 ist wohl ihr bekanntestes. Im Oktober ist die Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin im Alter von 71 Jahren gestorben. Sie war seit ihrem 20. Lebensjahr an Multipler Sklerose erkrankt. In diesem letzten Buch erzählt Silvia Bovenschen vom Zusammenleben oder Aufeinandertreffen schicksalhaft oder zufällig miteinander verbundener Personen dreier Generationen.

Silvia Bovenschens letzter Roman „Lug und Trug und Rat und Streben“ ist eine Herausforderung

Die Mittvierzigerin Agnes Lupinski wohnt unter ihrer Tante Alma Lupinski in deren nur äußerlich unauffälligem Haus. Im Souterrain haust und schreibt Tante Almas Schwager, der Herr von Bärentrost – Wölfe und Bären tauchen nicht nur in den sprechenden Namen der Figuren auf. Dazu kommt Agnes’ Neffe Max, der die Woche über im Internat lebt und am Wochenende den möblierten Dachboden erforscht.

Hinzu tritt ein Mr. Odino, einst Geliebter der alten Alma und an einem Unterkommen auf dem Dachboden interessiert.

Dieser Mr. Odino scheint als Einziger nicht mit der Gegenwart und dem eigenen Platz darin zu hadern. Agnes wird von all ihren technischen Geräten verlassen. Solche Dinge geben ja oft gleichzeitig den Geist auf – als seien sie vernetzt. Sind sie aber nicht. Agnes, sie war zwölf Jahre Geschäftsführerin einer Buchhandlung, lehnt solche modernen Küchen ab, schon allein wegen der Abhängigkeit des Lebens vom Strom. Agnes möchte jemanden verlassen, ihre Wohnung allerdings nicht. Die Sehnsucht nach der „Sicherheit ihres Küchenstuhls“ hat etwas Grundsätzliches.

Oben hört sie Tante Alma manchmal aufstehen und durchs Zimmer trampeln – das sind die Tage, an denen sie schreibt. Alma übersetzt, obwohl sie glaubt, dass dieser Welt mit Büchern nicht mehr zu helfen ist, ein Buch aus dem Mittelalter in heutige Sprache, eine Geschichte vom Krieg gegen Andersgläubige. „Es gibt kein Menschen-Wir“, sagt sie, „deshalb ist die Menschheit auch nicht lernfähig. Es gibt nur die einzelnen unseligen Exemplare, die sich mal in größeren, mal in kleineren Rotten zusammentun. Das Rotten-Wir jedoch ist heillos.“

Rotten wie jene, die vor dem Haus zu sehen und zu hören sind, wenn „mal die, mal die, mal jene“ für dies oder gegen jenes demonstrieren: „Einmal die Woche wollten sie dringlich etwas, oder sie wollten dringlich etwas nicht“. Aus diesem Ton des Unbeteiligtseins spricht eine innere Beteiligung am Nicht-Dazugehören. All diese Hausbewohner sind weniger aus der Zeit gefallen als aus ihrer Welt.

Zeit ist nicht Geld, belehrt Alma den 13-jährigen Max, „aber sie ist kostbar. Und sie ist alles, was du hast. Und du kannst nicht wissen, wie viel du davon hast. Und wenn du immer mehr beschleunigst, verlierst du sie im Schwindel. Da sind wir in diesen Tagen. Verstehst du?“ Die digitale Gleichzeitigkeit von allem habe die Menschen die Zeit vergessen lassen. Einen aus der Beschleunigung resultierenden Zerfall bemerkt auch Mr. Odino. Er fühlt sich „zu lahm für eine Flucht. Und wohin auch? Er wollte nichts mehr. Darin lag eine Freiheit, und darin lag eine Armut.“

Währenddessen notiert Großschwager von Bärentrost in seinem Kellergeschoss Selbstgespräche im Duktus der Selbstgerechtigkeit. Weil er vom Fenster aus die Welt nur bis zu den Knien sieht, kann er Gemütslagen am Gang erkennen. Einst hat er das Spielen geliebt, von Mau-Mau bis Roulette, „weil es im Unterschied zum Leben immer erneut begonnen werden konnte. Das Spiel mit dem Spielen.“ Um sich herum sieht er „digitalen Fanatismus“, weitaus „schlimmer als der Eifer spätmittelalterlicher Dogmatiker“.

Dies wäre ein Roman voller intellektueller Tischgespräche, würden diese vier sich an einem Tisch zusammenfinden. Sie sind jedoch genauso Einzelgänger wie die argwöhnisch beäugten anderen.

Bewegung kommt ins Haus und in die Geschichte, wenn Max und Mr. Odino in Truhen und Schränken kramen, wenn Agnes und Alma Ausflüge in die Gefühlsräume der Vergangenheit wagen, in das Abenteuer des Erinnerns, das deshalb ein Abenteuer ist, weil niemand weiß, in wessen Gestalt Erinnerung aus dem Dunkel tritt. Perücken und Masken drängen aus den Truhen ans Licht.

Ein Ausflug ins Fhantastische führt nach Mispelheim, in eine Traumwelt, die „Wahn“ und „leerer Dunst“ ist, eine „Parodie unserer Ängste“. Vieles bleibt mystisch. Wie das „Schriftgeisterschiff“, das Alma am Ende im Traum erscheint, taucht dieser Roman kurz auf, zeigt etwas her, nimmt etwas mit. Was bleibt, ist die ewige Frage: Was bleibt?

Janina Fleischer

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