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Kultur „Die Stradivari ist wieder weg“
Nachrichten Kultur „Die Stradivari ist wieder weg“
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00:00 15.02.2017

Einst galt Baiba Skride als Rostocker Geigenprinzessin: nachdem sie als knapp 20-jährige Studentin der Hochschule für Musik und Theater Rostock 2001 den renommierten Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Belgien gewonnen hatte. Heute spielt die Geigerin selbst in der Königsklasse der Musikwelt. Diesen Monat in Hannover, Brüssel, Boston und New York.

Frau Skride, vor 17 Jahren haben viele Zuhörer Sie beim Internationalen Violinwettbewerb in Hannover für die Beste gehalten. Am Ende sind Sie aber nur Sechste geworden. Haben Sie noch ein Hannover- Trauma?

Baiba Skride: Überhaupt nicht. Die Stadt ist mir wahnsinnig nett in Erinnerung geblieben. Ich habe auch seither meine Agentur dort. Es hat sich durch den Wettbewerb für mich viel entwickelt – unabhängig vom Ergebnis. Und im Nachhinein war es auch gut, dass ich dort nicht gewonnen habe, denn sonst hätte ich vielleicht nicht mehr am Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel teilgenommen.

Diesen Wettbewerb, der als einer der wichtigsten weltweit gilt, haben Sie ein Jahr später gewonnen.

Genau. Und dadurch haben sich ganz andere Türen geöffnet. Aber ob man gewinnt oder nicht, ist nicht so wichtig. Es gibt so viele Sieger, von denen man überhaupt nichts mehr hört. Und auf der anderen Seite kenne ich genug Kollegen, die nie bei einem Wettbewerb waren und jetzt große Karriere machen.

Gibt es heute bei Geigern überhaupt noch große Karrieren, wie etwa die von Anne-Sophie Mutter?

Nein, das hat sich geändert. Ich glaube, das hat sehr viel mit der Globalisierung zu tun: Sie bringt Künstler aus aller Welt überallhin. Es ist da nicht mehr notwendig, dass ein berühmter Dirigent dich ständig in seinen Konzerten präsentiert. Das Wissen davon, wer wo was macht, ist in Zeiten von Facebook und Youtube größer geworden – damit auch das Angebot an guten Musikern.

Spüren Sie das als Konkurrenzdruck? Sie sind ja inzwischen längst nicht mehr das allseits geförderte Nachwuchstalent, sondern eine etablierte Geigerin. Wird es da schwerer, sich auf dem Markt zu behaupten?

Ich bin eher erleichtert, dass ich über das Newcomerstadium hinweg bin. Ich muss natürlich noch immer sehr viel arbeiten. Sobald man das nicht mehr tut, ist man wahrscheinlich draußen. Aber ich muss mich nicht immer von Neuem behaupten. Es gibt viele Orchester, mit denen ich schon gearbeitet habe und zu denen ich gern zurückkomme. Darum kann ich auch ein anderes Repertoire spielen. Ich bin nicht mehr gezwungen, immer nur Tschaikowsky oder Mendelssohn Bartholdy zu spielen. Man kann freier sein, wenn man ein bisschen arriviert ist. Das ist angenehm.

Nach Hannover, Düsseldorf, Frankfurt/Main und Brüssel kommen Sie jetzt nicht mit Tschaikowsky oder Mendelssohn Bartholdy, aber mit dem kaum weniger populären Violinkonzert von Sibelius. Spielen Sie das noch gern oder ist es ein Zugeständnis an die Veranstalter?

Ich bin froh, dass ich mein Repertoire so gestalten kann, dass ich praktisch jede Woche etwas anderes spielen kann. Dazu gehören so viele ungewohnte Stücke, dass ich sehr gern immer wieder zu so etwas wie Sibelius zurückkomme. Und es gibt ja auch einen Grund, warum diese Stücke so oft gespielt werden: Sie sind wirklich wunderschön. Und man kann auch immer wieder etwas Neues darin entdecken.

Das sagen Künstler ja immer. Aber ist das auch wirklich wahr? Sie haben das Konzert schon so intensiv studiert: Kann Sie da noch etwas überraschen, wenn Sie jetzt in eine neue Probenphase gehen?

Ich habe im Großen und Ganzen natürlich meine Ideen, wie ich das Stück vermitteln möchte. Aber in der Praxis ist das kaum planbar. Es gibt bei Sibelius zum Beispiel jede Menge Solostellen von den Klarinetten, den Oboen oder den Hörnern, mit denen ich im zweiten Satz ganz viel zusammenspiele. Jeder Musiker im Orchester spielt das ein bisschen anders. Daraus kann man etwas schaffen, was man sich vorher gar nicht vorgestellt hat. Und dann kommt noch der Dirigent dazu, der auch eigene Ideen hat. Vielleicht geht es dabei nur um winzige Details – aber aus denen entstehen die Funken, die die Musik neu anfeuern.

Was spielen Sie gerade für eine Geige? Sie hatten sich zuletzt eine Stradivari von Gidon Kremer geliehen.

Die ist auch schon wieder weg. Ich habe sie fünf Jahre lang gespielt, und jetzt wollte Gidon sie wieder zurückhaben. Ich habe aber eine neue Leihgabe bekommen: wieder eine Stradivari.

Ist das nicht wahnsinnig unpraktisch, wenn man sich immer darum kümmern muss, ein vernünftiges Instrument zu haben? Selbst kaufen kann man sich so etwas wohl nicht?

Nicht, wenn man noch irgendwie anders leben möchte. Das ist schon ein unangenehmes Thema für uns. Es ist ein Problem, wenn man zwischen den Wechseln immer wieder ohne Instrument dasteht. Das war bei mir jetzt auch wieder fast der Fall. Auf der anderen Seite ist es gut, wenn man ab und zu ein anderes Instrument nimmt: Jede neue Geige gibt auch neue Impulse. Man muss dann den eigenen Klang infrage stellen – und kann ihn vielleicht dabei verbessern.

Heißt das, Sie haben tatsächlich überhaupt keine eigene Geige?

Nein. Ich suche aber gerade etwas, das ich einmal mein Eigen nennen kann. Das wird aber sicher eine moderne Geige sein: Die kostet keine Millionen.

Interview: Stefan Arndt

OZ

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