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„Die Straße ist mein Atelier“

Neubrandenburg „Die Straße ist mein Atelier“

Neubrandenburg zeigt die Ausstellung „Grenzen der Existenz“ – ein Gespräch mit Alexander Dettmar

Neubrandenburg. Neubrandenburg „Grenzen der Existenz“ heißt die Ausstellung, die ab 7. August in der St. Johanniskirche Neubrandenburg zu sehen sein wird. In der Schau begegnen sich der Expressionist Ernst Barlach (1870-1938) und der zeitgenössische Künstler Alexander Dettmar (63), der aus Freiburg im Breisgau stammt und nun in Osterholz-Scharmbeck in Niedersachsen lebt.

OZ-Bild

Neubrandenburg zeigt die Ausstellung „Grenzen der Existenz“ – ein Gespräch mit Alexander Dettmar

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Begegnung zweier Generationen im Gotteshaus

Ernst Barlach (1870-1938) war berühmter Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner. Seit 1920 lebte er in Güstrow.

Alexander Dettmar (geb. 1953) lebt in Osterholz-

Scharmbeck. Er malte Gotteshäuser in ganz Deutschland.

Die Johanniskirche Neubrandenburg zeigt „Grenzen der Existenz“. Also Bilder von Ihnen und Plastiken von Ernst Barlach.

Alexander Dettmar: Ganz richtig. Ich gehe mal davon aus, dass wir 30 Plastiken von Barlach und 40 Arbeiten von mir haben.

Seit wann beschäftigen Sie sich künstlerisch mit Barlach?

Dettmar: Diese Arbeiten gehen bis auf das Jahr 2003 zurück.

Die Ausstellung basiert auf Ihrem Buch „Zwiesprache“ von 2011.

Dettmar: Ja, die Ausstellung gibt das Buch ganz gut wieder. Auch mit neuen Bilder, die in Neubrandenburg entstanden sind. Ein Schwerpunkt wird Sakrales sein. Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch darüber hinaus – ich habe ja überall Kirchenarbeiten gemacht. Wer nur die nördlichen Kirchenarbeiten kennt, kann hier die südlichen erfahren und umgekehrt. Die Kirchenarbeiten gehen immer eine ganz erstaunliche Verbindung mit Barlach ein. Eine Verbindung, die beim Arbeiten nicht geplant ist, die aber immer ganz opulent wird. Dies ist die erste Begegnung im sakralen Raum. Wir fühlen uns beide, Barlach und ich, zu den Gebäuden des Mittelalters hingezogen. Da gibt es immer Verbindungen, die überraschend sind.

Wie sind die Reaktionen?

Dettmar: In Ratzeburg im Ernst-Barlach-Museum gab es eine lustige Begegnung. Da kam eine Besucherin heraus und sagte: „Ich habe gar nicht gewusst, dass der Barlach so schöne Bilder gemalt hat.“ Wo immer die Ausstellung gezeigt wurde, war die Reaktion positiv.

Was ist zur Eröffnung geplant?

Dettmar: Ich habe mich auch mit der nicht mehr existenten Synagoge in Neubrandenburg beschäftigt. Zur Eröffnung kommt auch der Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, William Wolff. Die Schirmherrschaft haben von evangelischer Seite Friedrich Schorlemmer und von katholischer Seite der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Professor Thomas Sternberg, übernommen. Barlach ist im Norden ja eher als protestantischer Künstler wahrgenommen worden. Deshalb ist es sehr schön, dass beide dabei sind.

Wie oft wurde die Ausstellung bereits gezeigt?

Dettmar: Sie wird jetzt das zehnte Mal gezeigt. Jetzt zum ersten Mal in einem kirchlichen Raum.

Wie lange arbeiten Sie am Aufbau?

Dettmar: Sagen wir mal: ’ne Woche. Davon muss man ausgehen. Das macht viel Spaß, diese Ausstellung aufzubauen, ist aber auch nicht ganz einfach. Es ist sensibel, dass nicht einer im Vordergrund steht, sondern sich beide treffen.

Woher stammen die Plastiken?

Dettmar: Das ist eine Zusammenarbeit mit der Ernst-Barlach-Museumsgesellschaft in Ratzeburg und Wedel und den beiden Kirchen. Die Plastiken stammen aus den Museumsbeständen.

Aber es ist eine von Ihnen, vom Künstler kuratierte Ausstellung.

Dettmar: Nein, das kann man so nicht sagen. Das ist schon eine Zusammenarbeit zwischen dem Vorsitzenden der Barlach-Museumsgesellschaft, Dr. Jürgen Doppelstein, mir und den Häusern vor Ort, je nachdem, wie sich die einbringen.

Wieso der Wandel zu dem Titel „Grenzen der Existenz“? Der Titel des Buchs „Zwiesprache“ deutet ja eher auf Ihre Auseinandersetzung mit Ernst Barlach hin.

Dettmar: Wir haben die Ausstellung ja schon mit unterschiedlichen Titeln laufen lassen. In Worpswede hieß sie: „Auf dem Weg“, oft auch: „Eine Begegnung“. Hier ist wichtig, dass wir zum ersten Mal in den Kirchenraum gehen.

Wenn Sie auf die islamistische Terrorbedrohung schauen, die Attentate in Bayern, die barbarische Ermordung eines Priesters in Nordfrankreich: Sie selbst eröffnen nun eine Ausstellung mit einem Rabbiner, einem protestantischen und einem katholischen Kirchenvertreter – macht Ihnen das Sorge?

Dettmar: Ich bin wie jeder, wie auch Sie, erschüttert. Man liest die Zeitungen, ist alleine und erschüttert. Ich bin aber trotzdem mit meiner Mentalität, bei allen Schwierigkeiten, die es gibt, an dem Punkt, dass man immer überlegen muss, wie man Probleme angehen und Brücken bauen kann. Und die Kunst ist wie die Musik eine Form der Verbindung ohne Sprache. Wenn Künstler irgendwann das Gefühl haben, wir wollen nichts mehr, wir sehen nichts mehr, wir können nichts mehr sagen, dann ist die Welt in ihrer Existenz gefährdet. Aber solange Künstler Brücken bauen, müssen wir nach vorne sehen. Ich habe in Hannover mal mit Kindern künstlerisch gearbeitet und die Bilder dann in einer Kirche gezeigt. Zur Eröffnung kamen die Kinder mit ihren Eltern aus 18 Ländern und den verschiedensten Konfessionen und haben sich gefreut. Brücken bauen über die Kunst ist immer möglich, auch wenn das nur ein kleiner Baustein ist.

Es ist also gerade in schwierigen Zeiten wichtig, dass Künstler im öffentlichen Raum ihre Sprache zum Ausdruck bringen.

Dettmar: Richtig! Wie Paul Klee so schön sagt: „Ich will das Herz erreichen.“ Da gibt es die verschiedensten Zitate in der Welt. Von Barlach gibt es den schönen Satz: „Ich hab’ meinen ganzen Krempel von der Straße geholt“. Damit meint er seine Modelle und all seine Begegnungen und Bildideen. Ich habe immer gesagt: „Die Straße ist mein Atelier.“ Alle meine Bildideen sind dort entstanden.

Man lässt sich als Künstler immer auf eine bestimmte Gegend ein. Als ich im mecklenburgischen Güstrow war, habe ich die Region „Das Paradies des Nordens“ genannt. Man taucht ein, und ist nach dem Diktum von Klee auch glücklich, wenn man das Herz erreicht. Und wenn man eine Bandbreite erreicht, dass die Krankenschwester und der Professor, der Pförtner und der Direktor in die Ausstellung gehen können. Und für alle muss es die Möglichkeit geben zu sagen: Das mag ich oder das mag ich nicht. Van Gogh hat das so schön beschrieben, wenn man es auf eine Kunstrichtung bezieht: Man läuft da so im Kreis herum und irgendwann übergibt man den Stab an den Nächsten. Es ist ein nicht unterschriebener Vertrag zwischen den Generationen. Und ein schönes Gefühl zu wissen, dass man in einer langen Kette steht, die mit einem selbst nicht aufhört.

Interview von Michael Meyer

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