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Die Tochter des Windes

Hannover/Rostock Die Tochter des Windes

Marica Bodrožic lässt in ihren Romanen ihre alte Heimat Kroatien lebendig werden. Sie wird am 18. April in Hannover mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet.

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Schriftstellerin Marica Bodrožic

Quelle: aa

Hannover. Abendessen unter Feigenbäumen, die Trägheit der Hundstage, das Wogen des Meeres als Sehnsuchts-Sinfonie: Marica Bodrožics Texte durchwebt eine Brise ihrer mediterranen Heimat. Die Autorin trägt ihre von weißen Strähnen durchwobenen blonden Haare zu einem mädchenhaften Zopf gebunden, runde Brillengläser umrahmen ihre dunklen Augen, apricotfarbener Lippenstift vollendet den jugendlichen Touch. Am 18. April erhält die 39-Jährige in Hannover den Preis der LiteraTour Nord, die vorausgehende Lesereise verlief auch durch Lübeck und Rostock.

Friedenspreisträger Claudio Magris bescheinigte ihr eine der frischesten und originellsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.

Bodrožic wächst in den 70ern in einem katholischen Dorf im Hinterland von Dalmatien in der Nähe von Split auf, umgeben von trockenem Karst-Gestein und erfüllt vom Verlangen nach dem Meer, an das nur einmal am Tag ein Bus fährt. Diese katholische Oase mitten im Sozialismus habe sie sehr geprägt, sagt die Autorin. „Die soziale Idee von einer Verantwortung als Gesellschaft und die katholische Vorstellung von Christus als Erlöser sind in meinem Kinder-Ich zusammengewachsen.“ In der Person ihres Großvaters reiben sich die beiden Welten aneinander, er ist zugleich Koch bei den Partisanen und Dorfglöckner. Ihm hat Bodrožic ihr autobiografisches Buch „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ gewidmet. In ihrem jüngsten Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ spart die Autorin auch den Kroatienkrieg nicht aus, die Lücken im Bewusstsein der Protagonistin gleichen dem gebrochenen Heimatbild der Autorin.

Seit 1983 lebt sie in Deutschland, seit zehn Jahren in Berlin. Zuvor studierte sie in Frankfurt Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik.

Bodrožic vermisst die Bora, den starken Wind der Adria, der sie zum Erzählband „Der Windsammler“ inspiriert habe. Darin entwickelt die Autorin die Vorstellung, der Wind trage geheime Botschaften mit sich herum, spreche zu den Menschen.

Bei einem Treffen in Berlin-Schöneberg wirkt sie selbst ein wenig wie eine Tochter des Windes, den sie so liebt. Ihre Zeit ist streng limitiert, der nächste Termin nur wenige Minuten entfernt.

Dennoch bleibt genug Raum für poetische Aussagen wie diese: „Ich habe einen rhythmischen Zugang zur Welt. Wenn der Kopf alles logisch verformt, geht manchmal etwas verloren. Ich glaube, dass im Klang die größere Wahrheit steckt. Eigentlich möchte ich, dass alle meine Werke große Gesänge sind, ob Roman oder Gedicht.“

Geschrieben hat Marica Bodrožic immer auf Deutsch. Dabei sei der dalmatinische Dialekt, der jede andere Sprache wie eine Musik verfärbe, in ihr eingeschrieben. Man kann sich einbilden, diese Melodie herauszuhören, wenn sie eigentlich akzentfrei mit ihrer angenehm heiser angehauchten Stimme spricht. Sehr prononciert artikuliert sie ihre Sätze — jeder Konsonant ein kleiner Pfeiler, der jedem Wind standhielte.

Wenn sie über die Übersetzung der inneren Gefühls- in die äußere Sprachenwelt spricht, wird ihre Gestik energetisch, als hole sie die Worte aus sich heraus: „Beim Schreiben geht es darum, das Leben so tief zu verstehen, dass man es benennen kann. Ich glaube, dass jeder die Sprache der Gefühle in sich trägt, aber nicht jeder kann diesen vitalen Moment empfinden, wenn sich das innere Leben in äußere Sprache kleiden lässt.“

Am Ende des intensiven Gesprächs bleibt man ein wenig überrumpelt von so viel komprimierter Tiefsinnigkeit zurück. Und die Tochter des Windes zieht weiter.

Preis für einen gefühlvollen Roman
Schriftstellerin Marica Bodrožic (39) erhält den Preis der LiteraTour Nord 2013. Der mit 15 000 Euro dotierte Literaturpreis wird seit 1992 von der Stiftung der VGH-Versicherungen an deutsche Autorinnen und Autoren vergeben. Die Jury würdigt Bodrožic mit dieser Auszeichnung für ihr bisheriges Werk, insbesondere für ihren 2012 im Luchterhand Literaturverlag erschienenen Roman „Kirschholz und alte Gefühle“. Der Preis wird zum Abschluss der jährlich stattfindenden Lesereise verliehen, die von öffentlichen Kultureinrichtungen, Buchhandlungen sowie den Universitäten veranstaltet wird, unter anderem in Bremen, Hannover, Lübeck, Rostock und Lüneburg

Nina May

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