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00:03 04.05.2018
Auf dem französischen Soldatenfriedhof bei Villers-Carbonnel liegen 2285 Gefallene, viele starben bereits im August 1914. FOTOS (4): BERNHARD SCHMIDTBAUER
Amiens

Keine Wolke am Himmel. Weithin sind gepflügte Äcker zu sehen. Bewaldete Hügel durchbrechen die nordfranzösische Ebene. Dörfer wie Sauvillers, Le Plessier, Bouchoir, Villers-Bretonneux oder Caix zeigen ihre Kirchtürme. Tiefster Friede an der Somme.

Die Frühlings-Idylle interessiert mich (57) und meinen Sohn Moritz (31) jedoch nicht. Wir suchen nach Spuren des grausamen Schlachtens, das sich hier vor genau 100 Jahren Millionen Soldaten lieferten. Deutsche, darunter mein Großonkel Bernhard Apelt, kämpften gegen Franzosen, Briten, Kanadier, Australier, Neuseeländer, Südafrikaner und US-Amerikaner.

Hunderttausende dieser jungen Männer blieben bis heute in der Region. Tot, von Granaten zerfetzt, an Giftgas erstickt, von Maschinengewehren niedergemäht. Verheizt in sinnlosen Gefechten – nicht nur aufseiten der deutschen Angreifer, sondern auch in den alliierten Armeen. Sie starben in einem Krieg um die Neuaufteilung Europas und der Welt. Ebenso die 40000 französischen Kinder, Frauen und Männer, die unvergessen bleiben.

Die gefallenen Soldaten liegen auf den zahlreichen Kriegsfriedhöfen, entlang der Straßen bis hin zur belgischen Grenze. In Morisel, nahe Amiens, haben 2642 deutsche Soldaten unter großen Bäumen ihre letzte Ruhe gefunden. Der Friedhof mit einem stählernen Großkreuz in der Mitte ist schlicht gehalten. Unter fast allen der Steinkreuze aus belgischem Granit liegen jeweils vier Männer. Viele von ihnen fielen zwischen März und September 1918 in den Schlachten bei Amiens, etwa 150 Kilometer nördlich von Paris. Auf den Gräbern der Soldaten jüdischen Glaubens stehen Steine mit einem Davidstern.

„1921 oder 1922 wurden einige tote deutsche Soldaten aus ihren Gräbern in der Umgebung nach Morisel umgebettet“, berichtet Philipp Bonuard (62), der neben dem Friedhof wohnt. Seine Worte betreffen meine Familie. Einer der umgebetteten Männer war mein Großonkel Bernhard Apelt. Als Lehrling meldete er sich Anfang August 1914 freiwillig in den Krieg. Im Februar 1915 zog er freudig als Artillerist von Güstrow an die Front. Am 5. April 1918 – am letzten Tag der „Operation Michael“, die Teil der missglückten deutschen Frühjahrsoffensive war – verletzte ihn ein Granatsplitter tödlich. Bernhard Apelt wurde nur 22 Jahre alt. Über sein kurzes Leben habe ich ein Buch geschrieben. Als Geschenk kommt es auf unserer Reise zu den Soldatenfriedhöfen gut an.

Auch bei Jaqueline (72) und Daniel Varin (74). Sie legen Blumen am Grab meines Großonkels nieder. „Sie haben doch nichts dagegen?“, fragt sie. Ihr Mann leitet die Regionalgruppe der Organisation „Le Souvenir français“, die das Gedenken der Soldaten, die im Kampf für Frankreich gefallen sind, in Ehren hält. „Wir ehren neben Franzosen und Briten aber auch Deutsche, die hier gekämpft haben“, erklärt er. Früher seien oft Jugendliche aus Deutschland gekommen, um die Gräber zu pflegen.

Auf dem Friedhof von Morisel liegen etliche Soldaten aus Mecklenburg. Einer von ihnen ist der Musketier Heinrich Johann Groth aus Pampow bei Schwerin. Der 19-Jährige starb am 5. April 1918, kurz vor seinem 20. Geburtstag, durch einen Kopfschuss nahe dem Dorf Braches. Die Kugel aus einem Maschinengewehr traf ihn während eines Sturmangriffs seiner Einheit. Nicht weit von ihm wurde der Gefreite Friedrich Feldten aus Mustin bei Sternberg bestattet. Der 34-Jährige fiel am 15. April 1918 bei Morisel. Angaben zu Gefallenen hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammengetragen.

Nur wenige Kilometer von diesem kleinen Soldatenfriedhof entfernt liegt in Maisseny eine gewaltige Anlage. Auf der zweitgrößten deutschen Kriegsgräberstätte des Ersten Weltkriegs in Frankreich wurden 30478 Tote beigesetzt. Die Soldaten fielen in einem Umkreis von nur 30 Kilometern.

Und auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Vermandovillers liegen 22665 Gefallenen unter Metallkreuzen sowie in Massengräbern. Etliche stammen aus Schwerin, wie der Militär-Arzt Herbert Salewski, Kanonier Wilhelm Harder, Sergeant Hermann Eggers sowie Gefreiter Karl Ebel.

Völlig anders werden die Gefallenen der Alliierten geehrt. Franzosen, Briten samt Commonwealth- Verbündeten und US-Amerikaner würdigen ihre Toten aufwendig. Beispielsweise in Caix: Der britische Friedhof, überragt von einem Denkmal, ist sehr gepflegt. Von englischem Rasen eingefasst stehen mit Wappen verzierte Grabsteine aus weißem Sandstein in dichten Reihen. Vor jedem Einzelgrab blüht eine Blume, an etlichen liegen frische Gestecke. So bei Private W. Dickinson aus Durham in England. Der Soldat der Leichten Infanterie fiel am 16. März 1917.

In Villers-Carbonnel wird das französische Gräberfeld von einem rot blühenden Baum beherrscht. Weiße Steinkreuze sowie Grabsteine für Soldaten muslimischen Glaubens stehen für 2285 Gefallene. Viele der hier bestatteten Männer – so Jules Pelletur, Jean Renon oder Célestin Rousseau – fielen bereits im ersten Kriegsmonat, in einer Schlacht am 28. August 1914.

Für Martine Vasse (69) sind die hohen Verluste an Menschenleben, die der „Große Krieg“ – wie der Erste Weltkrieg in Frankreich genannt wird – in ihrer Heimat gefordert hat, unfassbar. „Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, die Schicksale von Soldaten, die zwischen 1914 und 1918 in der Region Amiens den Tod fanden, zu ergründen“, erklärt die pensionierte Germanistin aus Saulchoy. Ihr sei es gleich, ob es französische oder deutsche Soldaten sind. Über ihre Recherchen berichtet sie in ihrem Internet-Blog „somme18.com“.

Auch auf der alliierten Kriegsgräberstätte Bouchoir wurde sie fündig. Hier ruhen 533 Soldaten, darunter ein Südafrikaner. Victor William Allen fiel am 9. Juni 1918. Der 19-Jährige war Second Lieutenant in der Infanterie. Nicht weit von ihm liegt Gerald Ryan. Auch der australische Infanterist wurde mit 19 Jahren, am 15. April 1918, getötet. Ryan stammte aus Manly im Bundesstaat New South Wales.

Auf würdige Weise ehren die Amerikaner ihre toten GIs. 58000 Quadratmeter umfasst die Gedenkstätte „Somme American Cemetery“ nahe Bony. Hier ruhen 1844 Angehörige der US-Streitkräfte, darunter fünf Krankenschwestern aus dem Lazarett in Dünkirchen. Auf jedem Grab in schnurgerade gezogenen Reihen steht ein Kreuz aus massivem Marmor. Oder ein Davidstern, wie bei Corporal Charles Smith aus New York. Er verlor am 18. Oktober 1918 sein Leben. Viele seiner Kameraden starben sogar erst im Laufe des Jahres 1919. Oft an Verletzungen, die sie bei Giftgasangriffen erlitten.

Der „Große Krieg“ forderte noch neue Opfer, als längst Frieden war.

Über das kurze Leben des Kriegsfreiwilligen Bernhard Apelt: Bernhard Schmidtbauer, „Als ob die Welt an allen Ecken brannte“, Berlin 2014,

ISBN 978-3-355-01819-7

Bernhard Schmidtbauer

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