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Kultur Die Verdichterin von Cismar
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00:00 19.04.2017

. Der Himmel auf dem Buchcover changiert zwischen hellem und tiefem Blau und ist durchkreuzt von zarten, gezackten schwarzen Linien. Stacheldraht? Auf den zweiten Blick erkennt man, dass es Vogelzüge sind. „Ich hatte auch diese Assoziation, als mir der Verlag das Cover vorgeschlagen hat, und fand es sehr passend“, sagt Doris Runge. Denn auch ihre neuen Verse sind ambivalent, schwingen zwischen Schwere und Leichtigkeit.

Sie liebt die blassblauen Töne: Lyrikerin Doris Junge aus Cismar im Urlaub auf Teneriffa. Quelle: Foto: Reiner B. Binkowski

Poetin mit Wurzeln in Mecklenburg

Die Schriftstellerin Doris Runge (73) wurde in Carlow (Nordwestmecklenburg) geboren. 1953 übersiedelte ihre Familie nach Ostholstein. Die Poetin erhielt mehrere Literaturpreise für ihre Gedichte (u.a. Friedrich-Hölderlin-Preis). Das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb 2011 über Runges Gedichtband „was da auftaucht“, er sei „ein wahrer Hexenkessel“. Sie erhebe „die Zweideutigkeit zum Prinzip“.

In ihrer großen Wohnküche hat Doris Runge den alten Kohleherd angefeuert, durchs Fenster fällt der Blick auf das ehemalige Kloster Cismar (Kreis Ostholstein). Seit vier Jahrzehnten lebt sie hier und produziert Poesie.

„man könnte sich ins blau verlieben“ heißt ihr neuer Gedichtband. Vier Jahre lang hat sie daran gearbeitet, und dass sich die Farbe, die man mit Himmel, Harmonie und Frieden verbindet, wie ein blaues Band durch die Gedichte zieht, sei eher zufällig. „Blau ist nicht ohne“, sagt Doris Runge, zuerst denke man natürlich an die blaue Blume der Romantik. Goethe habe die Farbe im Kalten angesiedelt, er habe gesagt, das Blaue zieht hinaus. „Das finde ich wunderbar.“ Für die Lyrikerin sei Blau aber auch die Farbe der Wasserfrauen, das Symbol für unerfüllte Sehnsucht, „sie erreichen nie, was sie begehren“. Ihr Gedicht „an die zweibeinige“ singt davon ein Lied. Blau sind die Augen der Liebenden, über die sie schreibt, blau ist die Hortensie in einem der Blumengedichte, inspiriert von Emil Noldes Garten. „vielleicht sollte man jeden satz mit blau beginnen“ heißt es in einem Gedicht, das sie in Mecklenburg geschrieben hat. Immer wieder ziehe es sie zurück zu den Wurzeln, denn im mecklenburgischen Carlow wurde Doris Runge 1943 geboren. 1953 übersiedelte die Familie nach Neukirchen in Schleswig-Holstein. Doris Runge studierte Pädagogik in Kiel und veröffentliche 1985 ihren ersten Gedichtband „jagdlied“, für den sie den Friedrich-Hebbel-Preis erhielt. Im mecklenburgischen Ulrichshusen hat sie die aktuellen Gedichte überarbeitet. Wie ein Koch aus etlichen Zutaten eine Essenz reduziert, verdichtet Doris Runge die Sätze auf wesentliche Worte, die Geschichten ohne Punkt und Komma erzählen. Metaphern und Gedanken an Liebe, Ewigkeit und Abschied durchziehen viele Verse, präsent sind auch der Tod und sein Sohn, das Tödlein. Es hockt auf der Gartenbank bei einem alten Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat. Also spricht das Tödlein: „ich habe schon immer gewusst ihr seid euch gut genug mich braucht ihr nicht.“

„Ein bisschen böse, oder?“ Doris Runge lächelt. Sie liebt es, sich auf Alltagsbeobachtungen ihren Reim zu machen, etwa auf die Szene Sonntag morgens „beim bäcker mit alf und peter und co und coffee to go am stehtisch“. „Früher sind die Leute in die Kirche gegangen, heute gehen sie zum Bäcker.“ Oder Impressionen aus dem tschechischen Karlsbad, das Goethe einen letzten Liebesrausch bescherte, heute fest in Russen-Hand ist („unter den kolonnaden tippeln die olgas wie tauben und träumen von gold“).

Auch Frau Stapelfeld, die Lieblingsverkäuferin, hat ihren Auftritt, sie rät zu Schwarz und Rot („oder doch das pinkfarbene flüstert der tod“). Doris Runge bekennt: „ich liebe diese blaßblauen töne sie sind der übergang.“ Um ihre Schultern liegt ein blassblauer Pullover. Der Himmel über Cismar ist hellgrau an diesem Tag, Wildgänse ziehen ihre Formation.

in deinen augen

untergehen ein atemloser süffiger tod war es so so soll es sein aus der blausten aller augenfarben ist sie nicht wegzudenken die liebe

Aus dem Band „man könnte sich ins blau verlieben“ Wallsteinverlag, 88 S., 18 Euro

Petra Haase

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