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Die Welt des George Grosz

Hamburg Die Welt des George Grosz

Hamburger Ernst Barlach Haus zeigt mit „Der große Zeitvertreib“ Bilder aus der Zeit von 1914 bis 1930 des Berliner Großstadtflaneurs, Caféhausgängers und politischen Aktivisten

Hamburg. Die Bilder sind zum Teil 100 Jahre alt. Und sie sind zum frösteln aktuell. Der böse, kalte, exakte, satirische, analytische Blick von George Grosz (1893-1959).

Sozial- und gesellschaftskritische Bilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Aquarelle, die wie Sittengemälde der 20er Jahre daherkommen. Karsten Müller, Leiter des Ernst Barlach Hauses in Hamburg, das die Ausstellung „Der große Zeitvertreib“ zeigt, sagt, dass diese Ausstellung mit mehr als 90 Arbeiten aus der Zeit von 1914 bis 1930 zum Ende des Böhmermann-Prozesses punktgenau komme. „Auch Georg Grosz hatte ja genau wie Jan Böhmermann zu Lebzeiten gewisse Prozesse durchzustehen.“ Es geht also um Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst – damals wie heute.

Und es geht, wie das titelgebende Bild „Der große Zeitvertreib“ vom Clown, der mit Freizeitaktivitäten jongliert, um eine in sich zerrissene Gesellschaft. Auf der einen Seite die Goldenen Zwanziger mit Unterhaltung, Varieté, Kabarett und einer Berliner Gesellschaft, die sich im Bewusstsein sonnt, Schmelztiegel Europas und der Künste zu sein. Andererseits politische Unruhen, die Grosz als Kommunist selbst befeuert habe – Straßenkämpfe, Versehrte und Invaliden des Ersten Weltkriegs, Prostituierte, Bettler, Gangster, Schachernde, Großindustrielle, Bonzen – all das, dieses Sammelsurium einer Berliner Gesellschaft, auf deren Schwelle Hitlers Fratze und die Vorboten des zweiten Massenschlachtens im 20. Jahrhunderts stehen, hat Grosz festgehalten.

Und so weit ist es vom aktuellen Europa gar nicht entfernt, schaut man auf die Bilder. Man fragt sich nur, wo sind die Typen wie Grosz, Kurt Tucholsky, Elias Canetti, Karl Kraus, Wieland Herzfelde, John Heartfield, mit denen Grosz im Berliner Malik Verlag politisch aktiv wirkte, heute. Viel mehr als Böhmermann fällt da kaum auf, zumal der Kunstbetrieb der Gegenwart mit sich selbst beschäftigt ist.

Die Ausstellung geht auf den gleichnamigen Gedichtband von Peter Pons – Pseudonym für Gerhard Otto – zurück. Die Datierung der Bilder von 1914 bis 1930 zeigt unterschiedliche Phasen des Schaffens von Grosz, so Müller. Da finde sich zugleich eine Leichtigkeit, aber auch eine Schwere und Bösartigkeit. Die Schau besteht aus zwei Leihgaben und war 2014 im Düsseldorfer Kunstpalast zu sehen. 65 Arbeiten stammen aus dem Museum Kunstpalast und 30 Bilder von einem privaten Düsseldorfer Sammler. Das Barlachhaus zeigt frühe Flaneursskizzen, Trinkergeschichten, Caféhausatmosphäre, Straßenszenerien mit den Wimmelbildern aus der Ecce-Homo-Mappe von Grosz.

Karsten Müller empfindet die Konstellation Grosz-Barlach „hochspannend, weil beide in derselben Zeit gearbeitet und ähnliche Gegenwartsbezüge haben, obwohl man das bei der urbanen Coolness von Grosz nicht erwartet hätte. Aber wenn man sich die Bettlerfiguren von Barlach ansieht, erfährt man dieselbe Realität. Barlach dockt immer wieder bei Grosz an“.

Michael Meyer

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