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Kultur „Die haben dafür eine andere Fassung“
Nachrichten Kultur „Die haben dafür eine andere Fassung“
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00:00 21.04.2017

Er gilt als der bedeutendste Schriftsteller Mecklenburg-Vorpommerns – und als einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist Uwe Johnson, der 1984 vereinsamt in England gestorben war, endgültig nach Rostock zurückgekehrt: „Rostocker Ausgabe“ prangt in strahlendem Gelb auf den blauen Einbänden der insgesamt 43 Bücher der neuen Johnson-Werkausgabe, die herausgegeben von Holger Helbig und Ulrich Fries, unter Mitarbeit von Katja Leuchtenberger bis 2038 in der Hansestadt entsteht und im Suhrkamp Verlag erscheint. Zur Vorstellung des ersten Ergebnisses der neuen Ausgabe, der „Mutmassungen über Jakob“, stellte die Hansestadt am Mittwoch ihren schönsten Saal, den Barocksaal, zur Verfügung; auch sonst schmückt man sich hier gern mit dem berühmten Autor und freut sich über die wegen ihm aus Japan oder den USA anreisenden Fachleute und Literaturfreunde. Und in nächster Zeit wird wohl, dank der Beharrlichkeit des Stifters Dr. Ulrich Fries, sogar ein neues Johnson-Haus gebaut.

In Rostock hatte der in Güstrow aufgewachsene multitalentierte junge Mann 1952-54 studiert, hier war er als kritischer Geist gegen damalige staatliche Antikirchenpolitik aufgetreten, hatte deswegen an der Uni große politische Schwierigkeiten bekommen, konnte aber dann, nach Kurswechseln der DDR-Kirchenpolitik, sein Studium weiterführen – in Leipzig. In Rostock war Johnson auch zum Schriftsteller geworden: mit dem 1953 entstandenen, aber erst viel später (1985) bei Suhrkamp erschienenen Roman „Ingrid Babendererde“.

Doch nicht dieser Erstling, sondern der Roman „Mutmassungen über Jakob“, der den Debütanten Johnson 1959 über Nacht berühmt gemacht hatte, ist nun als erstes Produkt der „Rostocker Ausgabe“ fertig:

deren Band zwei. Es geht um Liebe und Spionage, eine Ost-West-Story im Kalten Krieg und einen Todesfall, der von verschiedenen Figuren, in verschiedenen menschlichen und politischen Perspektiven hinterfragt wird.

Akribisch hält sich die Neuausgabe an Johnsons spezielle Grundsätze der Rechtschreibung, mit denen er – mal begründet, mal eigensinnig – bewusst gegen Duden-Regeln verstieß. So vermeidet er den Buchstaben „ß“, schreibt also falsch bzw. Johnson-richtig „Mutmassungen“, oder er lässt bei Koppelwörtern vorn den notwendigen Bindestrich weg.

Wichtiger aber ist Johnsons Akribie in Bezug auf Fakten in seiner Fiktion. „Der hat, wenn es sein musste, die Waggonräder nachgezählt“, bemerkte die Literaturwissenschaftlerin Astrid Köhler von der Queen Mary Universität of London, die mit ihrem Kollegen Robert Gillett aus der britischen Hauptstadt nach Rostock angereist war. Beide Mitherausgeber dieses Bandes verdeutlichten mit Beispielen den Wert der Neuausgabe: Deren ausgiebige Kommentare sind nicht nur für Wissenschaftler interessant, sondern eröffnen dem Leser kompetentere und tiefere Lektürezugänge. Mit dem Zitat „die haben dafür eine andere Fassung“, gemünzt auf Sprichwortvarianten in Russland und Deutschland, demonstrierten die Herausgeber die Grundbauweise Johnson’scher Poetik: Themen und Ereignisse indirekt zu umkreisen, als „Fassungen“, Varianten, Versionen, von unterschiedlichen Figurenstandpunkten aus, mit deren äußerst präzise beobachteter Denk- und Sprechweise – in Zeiten des Kalten Krieges leistete Johnson damit eine tief in kleinste Alltäglichkeit hineinreichende Ideologiekritik (gegenüber allen Seiten).

Die „Rostocker Ausgabe“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wird mit 7,2 Millionen Euro gefördert (je zur Hälfte Bund und Land MV). Sie ist innovativ in vieler Hinsicht:

Johnson ist der erste im 20. Jahrhundert geborene Schriftsteller, dem eine solche Akademieausgabe gewidmet ist. Neuland betritt auch die ebenfalls in Rostock betreute digitale Edition dieses Projekts. Nach Vorstellungen von Johnson-Professor Helbig soll künftig nicht nur der Text der Johnson-Werke online erreichbar sein, sondern auch multimedial mit dem umfangreichen Johnson-Archiv verknüpft sein. Damit könnte Johnsons Werk eines Tages umfangreicher erschließbar sein als jedes andere bisher.

Dietrich Pätzold

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