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„Die inneren Widersprüche muss die Linke lösen“

Berlin „Die inneren Widersprüche muss die Linke lösen“

Gregor Gysi kritisiert Flüchtlings-Obergrenzen und distanziert sich von Sahra Wagenknecht

Berlin. Gregor Gysi, langjähriger Spitzenmann und Kultfigur der Linken, wird kommenden Dienstag 70 Jahre alt. Im Interview äußert er sich zur Situation seiner Partei und Obergrenzen für Flüchtlinge.

Herr Gysi, überall sind linke Parteien auf dem Rückzug und rechte auf dem Vormarsch. Oskar Lafontaine wirbt deshalb für eine linke Volkspartei aus Teilen von Linken, Grünen und SPD. Gute Idee?

Gregor Gysi: Eine Bewegung um eine oder mehrere Parteien herum halte ich für eine gute Idee. Es gibt ja viele, die sich nicht in einer Partei organisieren möchten. Bei Mélenchon in Frankreich hat das gut geklappt, auch wenn ich sein Ein-Personen- Modell nicht dauerhaft für tragbar halte. Eine Partei, wie sie Lafontaine vorschwebt, sehe ich nicht. Wer soll da rein? Vernünftige Linke und Grüne, linke Sozialdemokraten – und wer bestimmt das? Das spaltet doch nur und verkleinert so die Linke.

Die Linken haben 400 000 Stimmen an die AfD verloren. Wie wollen sie die wieder zurückholen?

Wir haben auch mehr Stimmen aus anderen Parteien und bei Nichtwählern gewonnen. Ob wir die verlorenen wiedergewönnen, wenn wir uns jetzt einen Überbietungswettstreit mit der CSU bei der Obergrenze lieferten, ist mehr als zweifelhaft. Rechtsextreme setzen auf die Illusion, dass ein Kampf Armer gegen Arme erfolgreich ist. Ich weiß, es gibt Linke, die für Obergrenzen sind. Aber welche?

200000, 250000, 300000? Nach welchen Kriterien bitte? Was soll das? Lassen wir Union, FDP und andere darüber streiten. Die Aufgabe der Linken ist es, die Ursachen von Fluchtbewegungen und die ersten, auch schnell wirkenden Schritte dagegen zu benennen.

Woran denken Sie da?

Ich denke an Verbote von Waffenexporten oder einen Stopp der Billig-Schwemme europäischer Agrarprodukte, die dazu führt, dass afrikanische Produkte zu teuer sind und in Fluchtländern keine funktionierende Landwirtschaft entsteht. Die weltweite Landwirtschaft ist in der Lage, das Doppelte der jetzigen Menschheit zu ernähren. Trotzdem sterben jährlich 18 Millionen Menschen an Hunger.

Darüber müssen wir Linken reden. Damit können wir auch Menschen gewinnen.

Wie beurteilen Sie das derzeitige Erscheinungsbild der Linken?

In den Umfragen liegt die Partei ziemlich stabil bei rund 10 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es Auseinandersetzungen in der Führung – und die beschädigen ein Bild immer. Es gibt Differenzen in der Flüchtlingsfrage, in der Debatte um den Euro und die Zukunft der Europäischen Union. Sahra Wagenknecht und andere befürworten eine wie auch immer geartete Begrenzung der Flüchtlingszahl, die Abkehr vom Euro und die Rückführung von Befugnissen der EU auf den Nationalstaat. Auch wenn ich die Kritik an Euro und EU teile, wir können doch nicht einfach alles wieder auf null stellen. Eine Rückwärtsentwicklung in Europa könnte irgendwann hier wieder zu einer Visumspflicht führen. Die Jugend würde uns eine Meise zeigen. Aber die inneren Widersprüche muss die Linke lösen. Möglichst schnell.

Ziehen Partei- und Fraktionschefs eigentlich noch an einem Strang?

In der Fraktion funktioniert es, weil sich Reformer und der Wagenknecht- Flügel einigen. Es funktioniert nicht im Verhältnis zu den Parteichefs. Katja Kipping und Bernd Riexinger geben in der Debatte um Migrationspolitik, Euro oder Europa andere Antworten als Sahra Wagenknecht. Dietmar Bartsch wohl auch, er versucht jedoch den Ausgleich der Positionen. Es geht nicht um einen persönlichen Zwist zwischen zwei Frauen, es geht vor allem um widersprüchliche Positionen. Hier muss der Parteitag im Juni entscheiden. Damit jede und jeder Beteiligte weiß, wonach sie oder er sich richten soll.

Haben Sie einen Rat für künftige Parteichefs?

Wenn man sich in der ersten Reihe der Politik bewegt, nimmt man sich einfach zu wichtig. Noch einen Termin und noch einen Termin. Man vernachlässigt Freunde und Familie. Irgendwann bezahlt man dafür. Und ich habe dafür bezahlt. Mein Rat also: Passt auf, nehmt euch nicht zu wichtig!

Interview: Thoralf Cleven

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