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Kultur „Die längsten Theaterferien meines Lebens“
Nachrichten Kultur „Die längsten Theaterferien meines Lebens“
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00:00 05.12.2017
Der ehemalige Intendant des Rostocker Volkstheaters, Sewan Latchinian. Quelle: Foto: Steffen Rasche/dpa
Rostock

Sein Kampf gegen den Spartenabbau am Volkstheater Rostock fand bundesweite Aufmerksamkeit. 2016 wurde der in Leipzig geborene Theatermacher Sewan Latchinian (56) als Intendant entlassen, jetzt wird sein Fall vor Gericht ausgetragen. Im Interview spricht er über den Umgang mit seiner Person und die Situation in der Hansestadt.

Wer die Entwicklungen der letzten zwei Jahre am Volkstheater in Rostock verfolgt hat, wird irgendwann den Überblick verloren haben. Wie oft sind Sie dort als Intendant eigentlich entlassen worden?

Sewan Latchinian: Drei Mal. Das dürfte Guinnessbuch-Rekord sein. Tatsächlich ist die Unübersichtlichkeit der Causa ein Teil des Problems. Viele Menschen, die sehr lebhaft und solidarisch an meinem persönlichen Schicksal teilgenommen haben, sind genauso verwirrt.

Sie sind im Juni 2016 zum zweiten Mal entlassen worden, haben seitdem das Theater nicht mehr betreten. Wie ist denn der aktuelle Stand für Sie persönlich?

Ich habe dagegen geklagt und im Dezember 2016 am Rostocker Landgericht erst einmal Recht bekommen. Es wurde festgestellt, dass mein Arbeitsvertrag weiter wirksam ist, ich wurde aber nicht wieder berufen von der Hansestadt. Insofern war das nur ein halber Sieg. Gegen das Urteil hat wiederum die Volkstheater Rostock GmbH Berufung eingelegt. Vom zuständigen Oberlandesgericht kamen aber vor kurzem Signale, dass diese keine Aussicht auf Erfolg hat.

Und die dritte Entlassung?

In der für mich sehr unglücklichen Gesamtsituation habe ich mich in der Talkshow eines Berliner TV-Senders kritisch über meine Lage geäußert, was die Hansestadt zum Anlass genommen hat, mich noch ein drittes Mal zu entlassen. Offensichtlich prophylaktisch, weil man ja schon den Prozess um die zweite Entlassung verloren hatte.

Was hatten Sie da gesagt?

Ich habe die Frage zu beantworten versucht, warum in Rostock trotz großer Potenziale immer von Krisen die Rede ist, warum hier in den letzten Jahrzehnten so viele Intendanten verschlissen wurden, und da habe ich die Kurve genommen, dass ich viele politische Entscheidungen nicht nachvollziehen könne und für kleinlich und schädlich für die Stadt und das Volkstheater halten würde.

Konkreter will ich hier wegen des schwebenden Verfahrens nicht werden. Wer will, kann das googeln.

Sie waren zwischenzeitlich für eine 150000 Euro hohe Abfindung bereit zu gehen, als Anfang 2016 bekannt wurde, dass man das Schauspiel am Volkstheater abwickeln wollte.

Ja, das war quasi eine Art Fußtritt einem Schauspiel-Mann gegenüber, in der zweiten von fünf Spielzeiten seiner Amtszeit eine solche Entscheidung zu fällen. Da hatte ich dann angeboten, dass wir gütlich auseinandergehen, wenn die andere Seite das nun mal nicht anders will. Ich brauche nicht 300000 Euro, es reicht mir die Hälfte. Aber nachdem mehrere Versuche, sich gütlich zu einigen, gescheitert sind, geht es mir nun um die volle Summe meiner mir entgangenen Gage bis 2019.

Bemerkenswert ist, dass jetzt ausgerechnet jene, die in dem ganzen Fall zu allererst von Geld und Einsparungen sprechen, ausgerechnet Ihnen vorwerfen, es gehe Ihnen nur ums Geld.

Ja, das ist ein starkes Stück. Umso mehr als dass die Hansestadt Rostock 2018 als eine der wenigen Kommunen in Deutschland voraussichtlich schuldenfrei sein wird. Vom Armenhaus Mecklenburg-Vorpommern oder dem finanziell gebeutelten Rostock kann in keiner Weise die Rede sein – das war es aber permanent, seit meinem ersten Arbeitstag.

Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, dass man versuchen würde, Sie zur Rückkehr zu überreden: Wie würden Sie reagieren?

Ich wäre überredbar, das wäre mir wichtiger als eine Abfindung. Ich würde ein drittes Mal zurückkehren und riskieren, noch ein viertes Mal entlassen zu werden. Andererseits würden es mir bestimmte Teile der Rostocker Bürgerschaft, der Oberbürgermeister und die Personen im Aufsichtsrat, die mich verleumdet und zu Unrecht entlassen haben, natürlich auch schwer machen, mit einer freundlichen Naivität an die Sache ranzugehen.

Wovon leben Sie im Moment?

Die vergangenen eineinhalb Jahre waren eine schwere Zeit. Ich habe keinen Cent vom Volkstheater bekommen.

Auch nicht, nachdem das Landgericht die Kündigung für unwirksam erklärt hat?

Auch seitdem nicht. Und wenn man Familie hat (Sewan Latchinian hat drei Kinder – Anm. d. Red.) und sich mit 56 Jahren einen gewissen Status erarbeitet hat, dann ist das schon eine soziale Exekution. Da wird billigend in Kauf genommen, dass ein Mensch daran auch kaputtgehen kann. Wenn ich nicht einen familiären Rückhalt und auch ein paar Rücklagen hätte, dann wäre es manchmal sehr knapp geworden.

Was macht das mit Ihnen?

Es ist schwer zu beantworten, wie so etwas messbar ist: gesundheitliche Beeinträchtigungen, die Rufschädigung? Und es geht ja keineswegs nur um mich, sondern darum, dass in Rostock ungefähr 15 wunderbare Künstler – Schauspieler, Ausstatter, Chorleiter und Dramaturgen – in der Folge meiner Entlassung ebenfalls ihre Arbeitsplätze verloren haben.

Drohen weitere Entlassungen?

Allerdings. 2015 drohte die Abschaffung der Tanz- und Opernsparte, 2016 die der Schauspielsparte und des Tanztheaters. Immerhin gibt es noch alle vier Sparten, aber so still wie es um das Theater geworden ist, so still wird hinter den Kulissen ein Abbau betrieben, wie er so mit mir nicht möglich gewesen wäre. Die kommende Spielzeit wird für die Tanzsparte die letzte sein. An dieser Beschlusslage hält mein Nachfolger fest. Bei den Schauspielern gibt es nur noch eine Handvoll feste und ein riesiges Heer an Gästen. Wir waren mal ein Ensemble von fast 20 Schauspielern. Das Orchester wird bald nur noch ein Rumpforchester sein. Und der Neubau, den ich 2018 eröffnen sollte, wie mir der Oberbürgermeister versprochen hatte, steht in den Sternen. Und der ist dringend nötig.

Konnten Sie die Zeit auch irgendwie produktiv nutzen?

Es sind die längsten Theaterferien meines Lebens. Ich hatte mehr Zeit für die Familie, und ich konnte meine schriftstellerischen Anfänge aus der Wendezeit wieder aufnehmen. Ich wollte schon lange einen Roman schreiben. Seit einem Jahr arbeite ich daran. Vielleicht bin ich im Frühjahr damit fertig. Das Schreiben tut mir sehr gut.

Worum geht es in dem Buch?

Ich bleibe meinem Lebensthema treu: dem Kampf zwischen Kultur und Barbarei. Den thematisiere ich in diesem Roman, der über ein ganzes Jahrhundert geht. Es geht unter anderem um den Völkermord an den Armeniern und die deutsche Mitschuld daran. Und natürlich ist dieser Kulturkampf, der ja in Mecklenburg-Vorpommern und Rostock geradezu exemplarisch ist für ganz Deutschland, auch ein Thema.

Diese Erfahrungen spielen auch eine Rolle, allerdings ohne kleinlich und allzu persönlich damit umzugehen.

Einer der Vorwürfe lautet, dass es unter Ihnen zuletzt einen drastischen Besuchereinbruch gegeben habe. War das so?

Es wäre kein Wunder, wenn sich diese Rahmenbedingungen mit einem Intendanten, der immer wieder mal entlassen wird, der völlig sinnlos unter Dauerbeschuss genommen wird, auch bei den Zuschauerzahlen ausgewirkt hätten. Ich habe eine andere Wahrnehmung und weiß, dass man mit Zahlen eine ganze Menge machen kann. Natürlich sind durch die Entlassungen auch immer wieder Inszenierungen ausgefallen. Auch der Vorwurf nicht rechtzeitiger Spielzeitplanungen ist vor dem Hintergrund, dass ich monatelang nicht zur Arbeit gehen durfte, absurd. Da wurden Ursache und Wirkung verwechselt.

Wenn Sie diese Erlebnisse mit einem dramatischen Genre in Verbindung bringen müssten, welches würden Sie wählen?

Tragikomödie.

Interview: Jürgen Kleindienst

Sewan Latchinian

Der gebürtige Leipziger (*1961) studierte an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ Schauspiel. Erstes Engagement 1985 in Schwerin, 1986 dort Debüt als

Dramatiker („Grabbes Grab“). Während seines Engagements am Deutschen Theater Berlin (1988-1997) erste Regie-Arbeiten. Nach sechs Jahren Oberspielleiter in Neuss folgten zehn Jahre als Intendant am Theater Senftenberg, das „Theater heute“ 2005 zum Theater des Jahres kürte. 2014 kam Latchinian als Intendant ans Volkstheater Rostock, wurde hier bis 2016 insgesamt dreimal gekündigt.

OZ

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