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Die lange Geschichte der Verschleierung

Lübeck Die lange Geschichte der Verschleierung

Heute streitet man sich im Westen über Burkas, Schleier und Kopftücher / Dabei gehörte die Verschleierung lange auch zur europäischen Kultur

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Verschleierte arabische Frau:„Sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen“, heißt es im Koran.

Quelle: Fotolia

Lübeck. Rostock. Im 12. Jahrhundert v. Chr. wurden im alten Assyrien die Verhältnisse klar geregelt: Verheiratete und verwitwete Frauen mussten sich verschleiern, Sklavinnen und Prostituierten war der Schleier verboten. Daraus ergab sich eine ganz einfache Einteilung der weiblichen Bevölkerung in „ehrbar“ und „nicht ehrbar“. Mehr als 3000 Jahre später wirkt in manchen Teilen der Welt diese Regelung immer noch nach.

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Heute streitet man sich im Westen über Burkas, Schleier und Kopftücher / Dabei gehörte die Verschleierung lange auch zur europäischen Kultur

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Wer sich nicht „anständig“ bedeckt, gilt als „unanständig“. Das sehen viele konservative Moslems so, ein Kopftuch ist das mindeste, was sie ihre Frauen tragen lassen. Viele männliche Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten haben noch nie die Haare einer erwachsenen Frau gesehen, die eigene Mutter vielleicht ausgenommen. Der Anblick westlich gekleideter, oder besser: nicht nach islamischen Brauch gekleideter Frauen muss für diese Männer ein Schock sein. Hier treffen uralte Tradition und westliche Liberalität aufeinander.

Was in islamischen Ländern allerdings aus den vagen Hinweisen des Propheten in Sachen Verschleierung gemacht worden ist, mutet – gelinde gesagt – mittelalterlich an. Die den ganzen Körper verhüllende Burka etwa lässt sich kaum aus dem Koran herleiten. Obwohl es auch in Europa derartige mittelalterliche Traditionen gibt. Die Habits in manchen strengen Frauenorden erinnern an eine Burka, zumindest die Haare sind immer bedeckt, vergitterte Sehschlitze gibt es allerdings in diesen Orden nicht. Die gab es jedoch am Rande Europas noch bis 1939 – außerhalb von Ordensgemeinschaften. Im südspanischen Vejer de la Frontera bei Cadiz verhüllten sich Frauen traditionell mit einem der Burka ähnlichem Gewand – eine Art Erinnerung an die Zeiten der moslemischen Herrschaft in Spanien. Der spätere faschistische Diktator Franco verbot den Brauch nach der Eroberung der Region durch seine Truppen im spanischen Bürgerkrieg.

Während die Verschleierung im Orient vorwiegend religiös konnotiert ist, hat sich die Verschleierung im Westen säkularisiert. Das Kopftuch ist ein modisches Accessoire, der Brautschleier ist kaum noch wegzudenken aus unseren Hochzeits-Gebräuchen. Das war im Mittelalter noch anders, als Frauen Hauben tragen mussten. An deren Form und Farbe konnte man erkennen, welchem Stand die Frauen angehörten und ob sie verheiratet waren oder nicht. Die Mantilla, der Spitzenschleier, den Frauen früher in katholischen Kirchen in Gegenwart des Allerheiligsten tragen mussten, war bei verheirateten Frauen schwarz, bei anderen weiß als Zeichen der Jungfräulichkeit – zumindest in manchen Gegenden Spaniens war das so. Bei einer Privataudienz beim Papst ist eine Mantilla immer noch protokollarisch vorgeschrieben.

Schleier, Verschleierung: In der westlichen Gesellschaft wurde der Schleier immer mehr zu einem Teil der Mode. Der mehr oder weniger durchsichtige Gesichtsschleier konnte und kann ausgesprochen erotisch sein. Er hat etwas Geheimnisvolles, ein Vamp mit Schleier wirkt noch ein wenig mondäner als ohne dieses Stück Gaze.

Die legendäre Kaiserin Elisabeth von Österreich trug in ihren letzten Lebensjahren in der Öffentlichkeit stets einen undurchsichtigen Schleier – niemand sollte bemerken, dass auch an ihr das Alter nicht spurlos vorbeigegangen war. Der Anarchist Luigi Lucheni erkannte sie trotzdem auf der Genfer Seepromenade und stieß ihr eine angespitzte Feile ins Herz.

Der Begriff „Schleier“ hat mittlerweile viele Bedeutungen angenommen. Leicht getrübter Wein hat einen Schleier, es gibt Schleierwolken und Goldfische, die man Schleierschwanz nennt. In der Politik ist das Verschleiern von Zusammenhängen gängiger Brauch – warum das häufig so ist, bleibt vielen Menschen schleierhaft.

Die Verschleierung muslimischer Frauen wirkt im Westen auf jeden Fall fremd und sogar bedrohlich. Hier treffen zwei Kulturen aufeinander, die sich in Sachen Selbstbestimmung der Frau wenig zu sagen haben. Was auch dazu führt, dass unverschleierte Frauen bei strenggläubigen Muslimen in den Ruf geraten können, einen leichtfertigen Lebenswandel zu betreiben. Womit wir wieder im mittelassyrischen Reich angekommen wären. Das war im Mittleren Osten eine Großmacht, die ausgesprochen aggressiv und expansiv agierte. Die Verschleierungsgebote wurden in einem immer größeren Gebiet Gesetz, deshalb ist das assyrische Rechtssystem auch ein Ursprung des Islam, der ja eine Religion ist, die sich aus mehreren alten Quellen speist – auch was die Verschleierung angeht.

Ku Klux Klan – Vermummung mit weißen Gewändern

In den USA bildete sich nach Ende des Bürgerkriegs in den unterlegenen Südstaaten Ende 1865 der rassistische Geheimbund Ku Klux Klan. Seine Gewalttaten richteten sich zunächst gegen Schwarze und deren Beschützer. Die Klan-Mitglieder hüllten sich in weiße Gewänder mit spitzen Kapuzen – diese Art der Verschleierung oder Kostümierung sollte eine Identifikation der Gewalttäter unmöglich machen. 1870 wurde der Klan als paramilitärische Organisation aufgelöst, 1915 jedoch wiedergegründet. Der Ku Klux Klan ist bis heute aktiv und gebärdet sich dabei radikal und fundamentalistisch protestantisch. Als Feinde sieht er Farbige, Juden und Katholiken.

Jürgen Feldhoff

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