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11:39 14.04.2018
Tini Thomsen ist am Baritonsaxofon eine der gefeiertsten Instrumentalistinnen der deutschen Jazzszene – und investiert ebenso viel Energie in ihre Liveauftritte wie in Arrangements. Quelle: Jens van der Velde
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Hannover

Auf der Bühne lässt Tini Thomsen keinen Zweifel aufkommen: Sie ist die Chefin und der Star der Band Max Sax. Und das nicht nur, weil sie das größte Instrument im Quintett spielt, das Baritonsaxofon. Die Frau im schwarzen Overall ist sofort im Angriffsmodus, nachdem sie den Auftakt eingezählt hat. Die tiefen Töne knallen, als gebe es im Souterrain kleine Explosionen, fast gleichzeitig jubiliert das voluminöse Blasinstrument im Diskant, und ein geschmeidiger Drive befiehlt den Leuten im Parkett, die Schuhsohlen synchron zu heben.

Die grazile Tini Thomsen, die eigentlich Katharina mit Vornamen heißt und 1981 in Hamburg in einer musikalischen Familie zur Welt kam, investiert viel Energie in ihre Auftritte, aber auch in ihre Kompositionen und Arrangements. Sie ist heute eine der populärsten deutschen Instrumentalistinnen in dem großen Musikteich, in dem sich seit ein paar Jahrzehnten Jazz, Rock und Pop vermengen. Attribute wie kraftstrotzend, geschmeidig, intensiv begleiten ihren Weg in die Clubs und zu Festivals in ganz Europa.

Bei Max Sax muss sie neben druckvoll aufspielenden Mitmusikern bestehen: dem mit hartem Rock und auch sinfonischen Projekten vertrauten Gitarristen Tom Trapp, dem niederländischen Bassisten Mark Haanstra, der am Konservatorium in Groningen lehrt, dem aus Surinam stammenden, präzise vorwärtsdringenden Drummer Satindra Kalpoe, vor allem aber neben dem zweiten Saxofonisten der Band, Nigel Hitchcock.

Von der Schulband zum Bundesjazzorchester

Über das Renommee des britischen Virtuosen lässt sich sagen, dass ihn Pop-Größen wie Tom Jones, Mark Knopfler oder Robbie Williams in ihre Gruppen geholt haben – zur Veredelung des jeweiligen Sounds. “Ihn kann man mitten in der Nacht wecken, und er spielt ,Cherokee‘ in der Version von Charlie Parker in allen Tonarten“, schwärmt Tini Thomsen von dem Mann am Altsaxofon.

Das mit dem nachts Wecken, das könnte sie versuchen. Denn Hitchcock und Thomsen sind seit zwei Jahren verheiratet. Musste es gleich die Ehe sein, reichte nicht die musikalische Partnerschaft? Tini Thomsen lacht: “Ich habe ihn nur geheiratet, weil Hitchcock so ein supercooler Name ist.“ Denn den hat sie angenommen, allerdings ohne davon Gebrauch zu machen.

Wie viele Jazz- und Popmusiker ihrer Generation hat Thomsen ihre Kunst nicht im Bierdunst von Clubs gelernt, sondern an Akademien. Erst an der Musikhochschule Hamburg, dann in Amsterdam. Den Weg dorthin ebnete ihr erst die Schulband, dann das Bundesjazzorchester, das Deutschlands damals wichtigster Big-Band-Leiter, Peter Herbolzheimer, zwischen 1988 und 2006 zu einer Kaderschmiede für den Jazznachwuchs machte. “Den musikalischen Wert jener Zeit kann ich erst heute richtig einschätzen – damals hatte ich noch keine Ahnung, in welchen Honigtopf ich gefallen war“, räumt Tini Thomsen ein.

Tini Thomsen Quelle: Label

Eine spezielle Initiationsgeschichte hat sie mit 13 Jahren zum Saxofon gebracht: Schuld war der Film “Manche mögen’s heiß“ von Billy Wilder, in dem sich Tony Curtis, verkleidet als Frau, an die Sängerin Sugar heranmacht, dargestellt von Marilyn Monroe. Sein Eisbrecher: das Saxofon. Tini Thomsen war von beiden fasziniert: vom Schauspieler und vom Instrument. Wenn man ihr jetzt damit kommt, dass Curtis alles Mögliche konnte, aber nicht Saxofon spielen, sagt sie in gespielter Entrüstung: “Das kann nicht sein! Sag so etwas nie wieder. Meine Karriere soll nicht auf einer Lüge aufbauen.“

Sie erfindet die Musik, die sie mit Max Sax zelebriert, nicht wirklich neu. Sie bedient sich geschmackssicher bei den Großen aus Jazz und Rock: bei Zappa, Adderley, Doldinger, Soft Machine, Hattler ... Und doch hat sie Ungehörtes im Programm, abseits des Jazzrock-Mainstreams. Für das Festival Jazz Baltica an Schleswig-Holsteins Ostseeküste hat sie Sergej Prokofjews Kinderklassiker “Peter und der Wolf“ neu arrangiert, für die Jazz Baltica All Star Band, deren Leitung sie im vergangenen Jahr übernommen hat.

Tini Thomsen übernahm die Rolle des Wolfes selbst – mit der Bassklarinette. Deshalb muss Isegrim auch einen kleinen Wandel seines Wesens erdulden: Wegen einer Fleischallergie wird er zum Vegetarier. Und auch die Jäger, die dem Wolf an den Pelz wollen, werden befriedet: Sie hängen die Gewehre an den Nagel und gründen einen Chor. Thomsens Version des musikalischen Märchens mit der Komödiantin Hella von Sinnen als Erzählerin wurde auch außerhalb der Jazzgemeinde zum Hit und als Album zum Verkaufserfolg.

“Man muss auf mehreren Hochzeiten tanzen“

Die Jazz Baltica All Star Band ist ein reines Frauenorchester, Musikerinnen aus Deutschland und Skandinavien bilden seit ein paar Jahren diesen exquisiten Klangkörper. Ist die Band ein Emanzipationsvehikel? “Wenn da nur Männer auf der Bühne stünden, würde kein Mensch das Geschlecht der Musiker thematisieren“, ist Tini Thomsen überzeugt. Könnte es nicht sein, dass ein Teil ihres eigenen Erfolgs daraus resultiert, dass sehr wenige Frauen Baritonsaxofon spielen? Darüber will sie sich nicht auslassen. “Ich hoffe, dass der Erfolg vor allem von der Qualität der Musik, die ich mache, kommt. Wenn es dann einen kleinen Bonus aufgrund des Alleinstellungsmerkmals gibt, dann nehme ich den gerne mit.“

Jazz lebt von der Erneuerung, deshalb arbeitet Tini Thomsen zurzeit an einem neuen Projekt, bei dem sie wieder die einzige Frau ist: Mit einem Saxofonquartett wollen sie und ihr Mann Nigel Hitchcock ausschließlich eigene Kompositionen aufführen. Vorbild ist das hochgelobte Ensemble Itchy Fingers, an dem Hitchcock beteiligt war, bei einem kurzen Revival auch Thomsen.

Q4 soll das Quartett heißen, bei dem auch ihr ehemaliger Hochschullehrer Fiete Felsch mitwirkt. Ein Sponsor hat die Mittel für ein Album bereitgestellt. “Man muss eben auf mehreren Hochzeiten tanzen, um von der Musik auch gut leben zu können“, sagt sie. Und wie wird Q4 klingen? “Progressiv Funk, starke Melodien, verpackt in anspruchsvollen Arrangements.“ Bei den letzten Begriffen betont sie wie in der Werbung für ein Waschmittel. Selbstironie kann diese ernsthafte Musikerin auch.

Von Michael Berger

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