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Die mutlosen Grammys und ihr großer Sieger

New York Die mutlosen Grammys und ihr großer Sieger

Bruno Mars dominiert - und die Politik kommt zu kurz: Die Musikbranche feiert sich bei der 60. Grammy-Verleihung vor allem selbst - und liefert eine Show, die bei Auftritten und Preisträgern viele Chancen verpasst.

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Bruno Mars könnte die ganze Welt umarmen.

Quelle: Matt Sayles/invision

New York (dpa) – Egal, ob bei den Golden Globes oder dem TV-Preis Emmys: Wer in diesen Wochen eine Preisverleihung aus Hollywood schaut, der spürt, wie eine ganze Branche mit vielen Missbrauchsvorwürfen hadert und versucht, der „#metoo“-Debatte über Gewalt und Belästigung gerecht zu werden.

Welch ein Kontrast war die Verleihung des weltweit bedeutendsten Musikpreises Grammy am Sonntag in New York: Ganze zwei Stunden dauerte es da, bis sich die versammelte Musikprominenz zum ersten deutlichen Ansprechen der Problematik durchrang. Und auch sonst diente der Abend in viel zu vielen Momenten der Selbstbeweihräucherung einer offenbar seltsam zufriedenen Branche.

Den wichtigen Akzent setzte Sängerin und Schauspielerin Janelle Monaé in der Ankündigung der vielleicht beeindruckendsten Performance des Abends. „Es passiert nicht nur in Hollywood“, sagte Monaé. „Die Zeit ist um für ungerechte Bezahlung, für Belästigung und den Missbrauch von Macht.“ Dann begann „Praying“, ein Lied, in dem Sängerin Kesha frühere Selbstmordgedanken verarbeitet und das nicht wenige für eine Abrechnung mit ihrem einstigen Produzenten Dr. Luke halten. Begleitet wurde der emotionale Auftritt von einer weiß gekleideten Frauen-Allstar-Band. 

Aber: Monaés Rede reichte nicht an die kämpferischen Worte von Oprah Winfrey bei den Golden Globes heran. Stattdessen geriet ihr Statement eine Spur zu pflichtschuldig, eher dramaturgisch von Produzentenhand gesetzt, als von weiten Teilen des Publikums ehrlich gefühlt. Und auch davor und danach gab es nur wenige Spitzen gegen den von vielen kritisierten US-Präsidenten Donald Trump oder die auch in der Musikbranche aufgetauchten Missbrauchsvorwürfe, viele eher geflüstert als kämpferisch vorgetragen. Nur wenige Künstler trugen die weißen Rosen am Revers, die vor der Show als Mahnung für die Missbrauchsdebatte angekündigt worden waren.

„Time’s Up!“, nuschelte Lady Gaga in den Übergang zwischen zwei Liedern und am Ende des Anti-Selbstmord-Songs „1-800-273-8255“ wurde schnell die Erinnerung daran untergebracht, dass auch die Leben aller Flüchtlinge geachtet gehören. Shootingstar Camila Cabello durfte zudem kurz die „Dreamer“ ansprechen, Hunderttausende Kinder illegaler Immigranten, die inzwischen junge Erwachsene sind und aktuell zum politischen Spielball in Washington werden, weil ihnen die Abschiebung droht. „Wir erinnern daran, dass dieses Land von Träumern für Träumer erschaffen wurde“, sagte sie.

Den größten Applaus gab es da noch für einen gelungenen Einspieler, in dem Prominente aus „Fire and Fury“ vortrugen, dem Enthüllungsbuch über Donald Trumps erstes Jahr im Amt. Am Ende des Filmchens las die ehemalige demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton laut die Verfehlungen ihres Widersachers vor, vom Publikum im Madison Square Garden frenetisch gefeiert. 

Doch nicht nur in der Inszenierung der Live-Show wurde Mut durch Selbstbeweihräucherung ersetzt. Auch bei der Vergabe der Preise drückten sich die Abstimmenden der „National Academy of Recording Arts and Science“ (NARAS), um deutliche Statements. Popsternchen Alessia Cara gewann als beste neue Künstlerin gegen sperrigere Kandidaten wie die R&B-Sängerin SZA und Rapper Lil Uzi Vert und der unverfängliche Bruno Mars wurde mit insgesamt sechs Auszeichnungen für seinen fröhlichen Funkpop zum großen Sieger des Jahres. 

Er durfte dabei auch die goldenen Grammophone in den drei Hauptkategorien mit nach Hause nehmen und gewann beim besten Lied (That’s What I Like“), sowie der besten Aufnahme des Jahres („24K Magic“) genauso wie beim Album des Jahres („24K Magic“). Von den zuvor hoch gehandelten und gesellschaftlich relevanten Stars wie Jaz-Z und Kendrick Lamar, der zu Beginn einen verstörend-düsteren Auftritt hinlegte, war bei diesen Auszeichnungen nichts mehr zu sehen - von weiblichen Preisträgern ganz zu schweigen. 

Unangenehm zudem, wie Mars die Selbstbeweihräucherung beim Entgegennehmen des Preises für die Aufnahme des Jahres krönte und die Produzenten aufforderte: „Spielt mein Lied nochmal, zu viele Balladen heute“. So mancher Zuschauer dürfte sich da nach dem vergangenen Jahr gesehnt haben. Damals war auch der Britin Adele das Triple gelungen, aber sie hatte die Auszeichnungen Polit-Ikone Beyoncé gewidmet - und die vielen Preise für sich selbst als ungehörig empfunden. „Beyonce ist die Künstlerin meines Lebens“, sagte sie.

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