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Die neuen Braven

Die neuen Braven

Die Texte deutscher Bands haben ihren Biss verloren / Friede, Freude, Eierkuchen statt Sex and Drugs and Rock’n’Roll

Berlin/Hamburg. Dem Revoluzzerherz bluten die Ohren: „So wie wir leben finden wir ganz okay. Unsere Träume, die tun keinem weh“, schmachtet Stefan Zauner im aktuellen Hit. Gut, der frühere Sänger der Band Münchner Freiheit stand nie für Rebellion – aber so eine Ode an eine heile Welt ohne Ecken und Kanten hätte man selbst ihm nicht zugetraut. Er ist nicht der Einzige: Die deutsche Musikwelt scheint gerade in einem klebrigen Harmoniebrei zu versinken. Friede, Freude, Eierkuchen statt Sex and Drugs and Rock’n’Roll.

Nehmen wir Pur: Knallhart wie Götterspeise ihre Gesellschaftsanalyse im Song „Achtung“: „In eine komplizierte Zeit hinein geboren geht der Durchblick allmählich verloren.“ Danke für den Hinweis. Und wie gehen wir nun um mit den wachsenden Problemen dieser Welt? Pur hat die Antwort: mit „Achtung und Respekt“ vor sich selbst und anderen. Das hilft sicher, wenn uns Großkonzerne ausplündern, Politiker veräppeln und Autokraten ihr Volk drangsalieren.

Ein wichtiges Merkmal des Rock’n’Roll war immer die Lebensfreude. Zugegeben, die artete auch mal ein wenig aus und raffte so manchen Rocker vor der Zeit dahin – musste nicht sein. Aber der erhobene Zeigefinger gehörte nie zum Repertoire der Szene. Jedenfalls nicht, bis Glasperlenspiel die Bühne betrat. Die schwäbische Band setzt voll auf Tugend für die Jugend. In ihrem Song „Geiles Leben“ zitieren sie gar das wohl spießigste Sprichwort überhaupt: „Du führst ein Leben ohne Sorgen, 24 Stunden, 7 Tage, nichts gefunden, was du heute kannst besorgen, das schiebst du ganz entspannt auf morgen!“ Man möchte fast anfügen: „Geh erst mal duschen, Du Hippie, und dann suchst Du Dir einen ordentlichen Job.“

In den 60er Jahren – der Hochzeit der Muffigkeit, die sich in der 68er-Rebellion entlud – besang Heintje unter Tränen die Liebe zu seiner „Mama“. Nun gibt es eine Neuauflage dieses Genreklassikers: Die Kölner Gruppe AnnenMayKantereit singt in „Oft gefragt“ in Richtung der Frau Mutter: „Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen. Und wir sind umgezogen, ich hab dich angelogen! Ich nehme keine Drogen. Und in der Schule war ich auch.“ Süß!

Nur nicht zu viel wagen, man könnte ja scheitern, scheint uns Philipp Dittberner in seinem Song „Wolke 4“ zuzurufen: „Lass uns die Wolke vier bitte nie mehr verlassen, weil wir auf Wolke sieben viel zu viel verpassen, Ich war da schon ein Mal, bin zu tief gefallen“. Das erinnert fatal an Nicoles Tralala-Schlager „Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund“ (1981).

In die gleiche Kerbe schlägt die Band Revolverheld: „Ich kann mir viel zu viele Fragen stellen, Doch kann ich niemals klare Lösungen sehen, Doch irgendwann wird alles das zu Ende sein, Und ich werd’

anfangen mein Leben zu feiern“, heißt es in „Ich werd’ die Welt verändern“. Anders gesagt: Wenn ich diese komplizierte Welt nicht verändern kann, dann schalte ich eben mein Hirn aus und feiere mein Leben. Prost!

Aber es gibt auch Gegenbeispiele wie den Rapper Sido und Sänger Andreas Bourani. Der Text ihres gemeinsamen Liedes „Astronaut“ ist zwar auch kein Aufruf zur Weltrevolution, trägt aber wenigstens zivilisationskritische Züge: „Fast acht Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt, von hier oben macht das alles plötzlich gar nichts mehr aus, von hier sieht man keine Grenzen und die Farbe der Haut, dieser ganze Lärm um nichts verstummt.“

Und sowieso: Wenn man ehrlich ist, waren Schubidu und Schallala auch früher prägend für die deutsche Musik, zumindest für die, die in Radio und Fernsehen lief. Man erinnere nur an das schmerzverzerrte Gesicht, als Schlager-Onkel und „Hitparade“-Moderator Dieter Thomas Heck die ersten Vertreter der Neuen Deutschen Welle ansagen musste. Und erst die Schnappatmung im Publikum, als Trio „Dadada“ aufführten – herrlich.

Abweichler vom Mainstream waren immer eher selten. Unvergessen vor allem der anarchistische Aufruf „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ von Ton Steine Scherben (1970). Anerkannter waren da schon BAP, die mit ihrer „Kristallnaach“ 1982 schmerzhaft aktuelle Bezüge zur Reichspogromnacht von 1938 herstellten. Ob dann der einst aufrührerische Marius Müller-Westernhagen 1990 mit „Freiheit“

wirklich noch mehr bewegte als Feuerzeug schwenkende Hände, ist jedoch fraglich.

Jedenfalls hatten all diese Künstler mehr mit Rock’n’Roll zu tun als viele der heutigen Generation, die Häuser eher bauen als besetzen wollen. Wie singt Stefan Zauner so schön: „Unseren Frieden haben wir uns gemacht, dass ihn uns keiner mehr nimmt über Nacht.“ Na dann: Schlaf gut, träum süß und Friede sei mit Dir!

Axel Büssem

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