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Die üblichen Verdächtigen und eine großartige Kleine

Tatort-Blitzkritik „Durchgedreht“ (Köln) Die üblichen Verdächtigen und eine großartige Kleine

Herausragend ist im neuen Fall der Kommissare Ballauf und Schenk vor allem die Kinder-Darstellerin Julie-Helena.

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Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt (l.)) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) wirken in ihrem neuen Fall auf den Zuschauer wieder liebenswürdig vertraut.

Quelle: Henning Kaiser/dpa

Köln. Das Geistlose an Fernsehkrimis und insbesondere an vielen „Tatort“-Geschichten ist doch: Da geschieht zu Beginn ein Kapitalverbrechen, gerne ein bestialischer Mord, und schon gruppiert sich um die Tat eine übersichtliche Zahl an höchst Verdächtigen, aus deren Kreis die Ermittler am Schluss den wirklichen Bösen dingfest machen. So war es jetzt wieder bei der Kölner Folge „Durchgedreht“, die erstens einen völlig unpassenden Titel trug und zweitens Täterkandidaten der üblichen Subspezies Verwandte und Bekannte vorführte: den verdrucksten Steuerfahnder-Papa, dessen Frau und Sohn Mordopfer geworden sind; seinen Bruder, der als Nebenbuhler gelten durfte; den Schwager, der große finanzielle Probleme hatte; den jämmerlichen Bauunternehmer und den anmaßenden Journalisten, die beide vom Steuerbeamten Habdank (ein Name wie von Thomas Mann ausgedacht) in die Enge getrieben worden sind.

Wie wäre es, wenn bei solch einer Konstellation einmal eine Figur um die Ecke böge, die weder die Kommissare noch das Fernsehpublikum im Blick hatten? Sagen wir: ein durchreisender, gewaltbereiter Flussschiffer vom Rhein? Nein, das darf es im deutschen Premium-Produkt „Tatort“ nicht geben, uns, den Zuschauern, wird unterstellt, dass wir am Sonntagabend nur das Vertraute ertragen. Und vertraut sind uns der leicht erregbare Kommissar und Oldtimer-Liebhaber Freddy Schenk und sein eigenbrötlerischer Kollege Max Ballauf seit 19 Jahren. Zugegeben - sie machten auch in diesem Fall eine gewinnende Figur, fast könnte man sie liebenswürdig nennen.

Das einzige Extravagante war an diesem „Tatort“-Abend die Kameraführung. Regisseurin Dagmar Seume zeigte ausgiebig Nahaufnahmen der Gesichter, auf dass man darin lese. Und was konnte man erkennen? Verschlossenheit, Verstörtheit, Ratlosigkeit bei allen Beteiligten. Aber nichts, was auf Schuld oder Unschuld hätte schließen lassen.

Und dann war da noch das Kind Anna. Die Tochter des Steuerfahnders und der Ermordeten wurde von einer gewissen Julie-Helena dargestellt, mehr war nicht zu erfahren. Nur mit Blicken und wenigen Gesten verkörperte sie das ganze Elend ihrer unseligen Opfer- und Vorstadtfamilie. Großartig die Kleine.

Michael Berger

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