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Kultur Diese blöde Lustigkeit der Tölpel
Nachrichten Kultur Diese blöde Lustigkeit der Tölpel
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00:00 17.10.2017
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Rostock

Kartenspiel, kleinkariertes Rivalen-Gezänk und heimliche Träume vom ganz anderen Leben: So hat Regisseurin Johanna Schall am Wochenende die Kleinbürger aus Eugène Labiches Schwank „Das Sparschwein“ auf die große Bühne des Volkstheaters Rostock gebracht. Weniger als präzise Sozialstudie, eher als schrille Karikatur mit oft artistischem Körpereinsatz und einer zornigen Lust am bissigen Überzeichnen. Das macht teilweise Spaß, ist aber allzu klar und eindeutig, um zweieinhalb Stunden die Spannung zu halten, zumal die Atemlosigkeit der aus ihrer Behäbigkeit aufgebrochenen und nun durch Paris getriebenen Provinzler mit Gesangseinlagen unterbrochen und abgebremst wird.

Die Kartenspielrunde des Anfangs bietet noch in der Karikatur dieser in fast familiärer Enge verbundenen Spießer interessante Beobachtungen: Wie sie da selbstherrlich erwartungsvoll mit den Fingern auf dem Tisch herumtrommeln, versteckt hinter riesengroßen Spielkarten, oder wie sie ihre Gesten und Kommentare zum banalen Treiben ebenso übergroß wie die Karten machen, als ginge es um Leben und Tod. Von Verdiensten ums Vaterland ist da die Rede, oder um die Gemeinde, später gar von Fahnenflucht. Patriotismus der dümmsten Sorte spreizt sich da auf, Dauerstreitfrage ist natürlich, welcher dieser pokernden Provinzhonoratioren der Wichtigste sei. Und wenn sie dann ihr Sparschwein mit den Spielerlösen schlachten, wird das Ganze zur kleinformatigen Provinzposse auf kommunale Spielarten von Demokratie und Haushaltsdebatten.

Der folgende längere Teil ist, wenngleich teils hübsch anzusehen, weniger spannend: Fünf Provinz-Tölpel reisen nach Paris, um ihr Geld zu verjubeln, und werden dort völlig ausgenommen – von Leuten, die cleverer sind als sie selbst, aber vor allem dreister im selben Geist der Vorteilsname agieren, also eigentlich von ihresgleichen geschröpft. Die Polizei steckt mit den Tätern unter einer Decke;

die Geschröpften sind entrüstet über die ihnen angetane Ungerechtigkeit, dann wütend, am Ende vollkommen verzweifelt.

Einmal, kurz bevor sich die Reisegruppe in ihre (allzu teure) Gourmet-Fressorgie stürzt, lässt Johanna Schall die Handlung anhalten und eine Dauer-Gruppen-Lachszene zelebrieren: Variationen über die blöde Lustigkeit selbstgefälliger Tölpel. Ein Moment, in dem die Inszenierung sich – wie beim demonstrativen Kniefall des Ensembles vorm Publikum im Schlussapplaus – am deutlichsten einer Erwartung von simplen Schenkelklopf-Späßen widersetzt.

Die Kulissen hatte der am 3. Oktober verstorbene Ausstatter Horst Vogelgesang als farbige und anspielungsreiche Bilder für den Niedergang der Kleinbürger gestaltet. Friderikke-Maria Hörbe haucht ihrer Leonida reizvolle komödiantische Energie ein; Bernd Färber bereitet, nachdem er anfangs einen in sich verkrümmten Finanzbeamten gegeben hat, als Kriminalkommissar mit beharrlicher Amtsschläfrigkeit Extravergnügen. Und Sophia Platz feierte als aufgeweckte Göre Blanche – und unter anderem mit dem Song „Je t‘aime moi non plus“ – ihren erfolgreichen Einstieg im Rostocker Schauspiel.

Termine: 19./22./28. Oktober, Volkstheater Rostock, Patriot. Weg 33.

Dietrich Pätzold

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