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Dieter Kosslick: „MeToo wird die Berlinale prägen“

dpa-Gespräch Dieter Kosslick: „MeToo wird die Berlinale prägen“

Der rote Teppich liegt schon bereit. Am 15. Februar starten in Berlin die 68. Internationalen Filmfestspiele. Es gibt wieder großes Kino, vor allem aber auch viel Nachdenklichkeit.

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Festivaldirektor Dieter Kosslick 2016 in Berlin.

Quelle: Jens Kalaene

Berlin. Keine zwei Wochen mehr bis zur Berlinale, dem weltweit größten Publikumsfestival für den Film. Berlinale-Chef Dieter Kosslick (69) verrät im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur Highlights des Programms. Und sagt, was er in der #MeToo-Debatte erwartet.

Frage: Gibt es beim Wettbewerb sowas wie einen roten Faden, etwas, das den Filmemachern gemeinsam am Herzen liegt?

Antwort: Schön wär's! Wir hatten das früher oft, aber die Welt ist offensichtlich so komplex geworden, dass man das nur noch mit der Brechstange versuchen könnte. Es gibt aber natürlich ein paar Schwerpunkte, die sich durchs Programm ziehen. Flüchtlingsgeschichten gibt es nach wie vor. Aber jetzt geht es nicht mehr nur um die Flucht. Man erfährt auch, was danach passiert und warum es diese Flüchtlingsströme überhaupt gibt. Dann haben wir einige Filme, die sich unter dem Titel „Künstlerporträt“ zusammenfassen lassen. Und mehrere, in denen es um Mut und Zivilcourage geht - wie in der wahren Geschichte „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume, die in der Reihe Berlinale Special läuft.

Frage: Wie sieht es mit dem deutschen Film im Bärenrennen aus?

Antwort: Wir haben vier deutsche Filme im Wettbewerb - und das ist wirklich ein starkes Stück. Von Christian Petzold, der schon oft bei uns war, kommt mit „Transit“ einer der wichtigsten Geflüchtetenfilme - nach dem autobiografischen Roman von Anna Seghers. Berührend ist auch das Drama „3 Tage in Quiberon“ von Regisseurin Emily Atef, die das Schicksal von Romy Schneider nachzeichnet. Philip Gröning erzählt mit der Zwillingsgeschichte „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ ein ziemlich heftiges Beziehungsdrama. Und Thomas Stubers „In den Gängen“ liefert das eindringliche Porträt einer sympathischen, aber verlorenen Gesellschaft nach dem Fall der Mauer.

Frage: Das klingt wieder nach einem ziemlich politischen Festival...

Antwort: Das stimmt. Wenn man auf diese Welt schaut, kann man gar nicht unpolitisch sein. Und das geht natürlich auch den Filmemachern so. Aber das heißt nicht, dass es nichts zu lachen gibt, ganz im Gegenteil. Es geht gleich los mit Wes Andersons Animationsfilm „Isle of Dogs“, der zur Eröffnung läuft und auch im Bärenrennen ist - ein Anderson-Film, wie ihn die Leute lieben. Und wir haben politisch korrektes Entertainment mit dem feministischen Western „Damsel“, den die Brüder Zellner vorstellen. Und damit ist zugleich verraten: Auch Hollywoodstar Robert Pattinson kommt wieder nach Berlin!

Frage: Haben Sie spannende deutsche Schauspieler entdeckt?

Antwort: Es gibt eine großartige Sandra Hüller und eine ebenso großartige Marie Bäumer und viele andere. Besondere Aufmerksamkeit wird der erst 32-jährige Franz Rogowski bekommen. Der ist gleich dreimal auf der Berlinale vertreten: als Hauptdarsteller in Stubers „In den Gängen“, als Georg in Petzolds „Transit“ und als europäischer Shootingstar. Das ist schon eine ungewöhnliche Präsenz.

Frage: Welche Rolle wird die #MeToo-Debatte spielen?

Antwort: Diese Diskussion wird das Festival sicher sehr prägen, und wir wollen sie auch von uns aus vertiefen. Wir machen mehrere Veranstaltungen zum Thema Diversity, also Vielfältigkeit. Es geht ja nicht nur um sexuelle Belästigung, es geht um Diskriminierung insgesamt, und damit wollen wir uns offensiv auseinandersetzen. Auch die Aktivitäten von Pro Quote Film und der internationalen Organisation für Frauen in Film und Fernsehen begrüßen wir. Außerdem unterstützt die Berlinale die Initiative „Speak Out“ von Daniela Elstner, der Leiterin einer französischen World-Sales-Firma, die eine Website und Hotline gegen sexuelle Belästigung im Filmgeschäft startet. Das Thema wird sich durch die ganze Berlinale ziehen.

Frage: Werden Sie eine weiße Rose tragen wie in Hollywood?

Antwort: Ich glaube, symbolische Dinge sind gut, aber wir wollen es mal mit der inhaltlichen Diskussion probieren. Das Thema ist so kompliziert und vielschichtig, dass man es wirklich differenziert angehen muss.

Frage: Um die Zukunft der Berlinale und Ihre Nachfolge hat es eine heftige Diskussion gegeben. Mit welchem Gefühl gehen Sie in das Festival?

Antwort: Es gibt ja den Spruch „Schmerz lass nach“ und so ist es. Die Debatte war im vergangenen Jahr zum Teil sehr verletzend, aber letztendlich wissen wir, um was es eigentlich gehen soll: um Transparenz bei meiner Nachfolge. Und da kann ich nur sagen: Ich bin überzeugt, dass es eine gute Lösung gibt, und ich freue mich darauf, 2019 mit der künftigen Leitung Hand in Hand auf dem roten Teppich zu stehen. Dann wird die Zukunft der Berlinale genauso wunderbar, wie sie in meiner Vergangenheit war.

Frage: Die Verantwortung an der Spitze soll geteilt werden?

Antwort: Das ist seit vielen Jahren mein Vorschlag, und jetzt muss man sehen, was daraus wird. Bis zum Sommer wird es Klarheit über die künftige Struktur und die künftige Besetzung geben. Ich habe bereits gesagt, dass ich weder für das Amt des kaufmännischen Direktors noch erst recht als künstlerischer Leiter zur Verfügung stehe.

Frage: Und wenn es als drittes Amt einen Präsidenten gäbe?

Antwort: Mein Vertrag läuft am 31. Mai 2019 aus. Man sollte erstmal eine Sache beenden.

ZUR PERSON: Dieter Kosslick (69), geboren im baden-württembergischen Pforzheim, leitet die Internationalen Filmfestspiele Berlin seit 2001. Zuvor hatte sich der Kommunikationswissenschaftler als Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen einen Namen gemacht. Sein Vertrag bei der Berlinale läuft im Mai 2019 aus.

dpa

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