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Ein Bild, das historisches Unrecht heilt

Kiel Ein Bild, das historisches Unrecht heilt

Kieler Kunsthalle gibt Raubkunst des Zweiten Weltkriegs zurück an Russland

Kiel. Und es ist, bestätigt durch ausführliche Recherche, ein Fall von Beutekunst. Gar nicht schlicht verlief am Dienstagabend die feierlich inszenierte Rückgabe der Kunsthalle zu Kiel an den Staatlichen Literatur- und Architekturhistorischen Museumspark Taganrog. Eine „besondere Veranstaltung“, sagte Uni-Präsident Lutz Kipp als Hausherr. Ein „bewegender Augenblick“ und „kulturpolitisch bedeutsamer Akt“, formulierte Kulturministerin Karin Prien (CDU). Und „ein wichtiger Moment in der Geschichte der Kunsthalle“, befand Direktorin Anette Hüsch. Die aus Tschechows Geburtsstadt an der Mündung des Don über rund 2500 Kilometer angereiste Delegation aus Russland war nicht weniger feierlich, vor allem dankbar gestimmt. Nach umfassender Detektivarbeit des Kieler Provenienzforschers Kai Hohenfeld ist die Sache in diesem Fall so klar wie leider nur selten: Als im August 1943 die deutsche Wehrmacht angesichts der nahenden Roten Armee ihren Rückzug aus Taganrog vorbereitete, griff der von der NS-Propagandaabteilung eingesetzte Sonderführer Lebert erneut zu. Ein letztes Mal wurden Gemälde von deutschen Soldaten an einen unbekannten Ort geschafft. Insgesamt verlor das Haus im Zweiten Weltkrieg mehr als 4500 Exponate, ein schmerzhaftes Drittel seines Bestandes. Erst im August 1959 tauchte der „Waldweiher“ wieder auf – da erwarb es der Schweinfurter Industrielle und Sammler Georg Schäfer von der Münchner Galerie Hagmann & Gräf. 1986 wiederum fädelte Schäfers Berater Jens Christian Jensen den Ankauf dieses und weiterer zwölf Gemälde russischer und polnischer Künstler des 19. Jahrhunderts durch die Kulturstiftung des Landes ein – für die Kunsthalle zu Kiel, deren Direktor er seit 1971 war. Über die Herkunft machte man sich damals wenig Gedanken. Spätestens seit dem Fall Cornelius Gurlitt ist das grundlegend anders, was nach Gründung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste 2015 auch den Start des Provenienz-Projektes an der Kunsthalle zu Kiel zur Folge hatte. Kunsthistoriker Kai Hohenfeld nahm sich seitdem rund 100 Verdachtsfälle vor und wurde, auch im Austausch mit dem Deutsch-Russischen Museumsdialog und dem südrussischen Museumspark, im Fall des „Waldweihers“ bestätigt. Über die Konsequenzen gab es für Museumsdirektorin Anette Hüsch keine Zweifel: Kriegsbedingt verlagertes Kulturgut muss nach Völkerrecht wie auch dem Deutsch-Russischen Kulturabkommen von 1992 an den rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden. Auch wenn der Verlust des naturalistisch gemalten, mit 90 mal 135 Zentimeter Größe nicht eben kleinen Werkes wehtut, „fühlt sich das richtig an“, bekräftigte die Museumschefin. „Vielleicht schmerzt es ein wenig“, sagte die Ministerin für Ausbildung im Regierungsbezirk Rostov, Larisa Balina, beim Übergabeakt in der Kunsthalle, „aber Sie tun es mit offenem Herzen, aufrichtig“ – und lud ein nach Taganrog. Da gibt es eben nicht nur den großen Museumspark, sondern auch Studenten, Wasser und Regatten: „Sie werden sich wie zu Hause fühlen.“ Künstler und Jurist Vasilij Dmitrievic Polenov wurde 1844 in St. Petersburg geboren und starb 1927 mit 83 Jahren auf Gut Borok im heutigen Polenowo. Er absolvierte eine Ausbildung an der Petersburger Kunstakademie und studierte Jura. Als Maler widmete er sich vor allem Landschaften, aber auch historischen Themen, biblischen Darstellungen sowie der Porträtmalerei. Als Lehrer an der Moskauer Kunstschule beeinflusste er die jüngere Malergeneration.

Konrad Bockemühl

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