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Ein Leben im Zeichen des Widerstands

Paris Ein Leben im Zeichen des Widerstands

„Empört Euch!“ — Mit 92 Jahren noch eine Losung wie diese zu kreieren, die zur stehenden Wendung wird, gelingt nicht jedem. Der Résistance-Kämpfer und KZ-Überlebende Stéphane Hessel hat noch im hohen Alter die Massen bewegt, in der Nacht zu gestern ist er im Alter von 95 Jahren gestorben.

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Jedes Individuum ist als Einzelner verantwortlich, die schlimmste Haltung ist Gleichgültigkeit.“Stéphane Hessel

Quelle: Berthold Stadler

Paris. Sein 2010 veröffentlichter Essay „Indignez Vous!“ (Empört euch) avancierte zur Bibel der Occupy-Bewegung. Auf nur 32 Seiten prangert der deutsch-französische Autor in der Tradition eines Émile Zola den Werteverfall in einer von der Macht des Geldes dominierten Gesellschaft an.

„Ich revoltiere, also bin ich“, lautet ein Bonmot von Albert Camus. Es könnte auch als Motto über Stéphane Hessels Leben stehen. Der 1917 in Berlin geborene Sohn des Schriftstellers Franz Hessel und der Journalistin Helen Grund zog mit sieben Jahren mit seiner Familie nach Paris. Als Student schloss er sich 1937 in London dem Widerstandskomitee von General Charles de Gaulle an. Er geriet in deutsche Gefangenschaft und überlebte das Konzentrationslager Buchenwald nur, weil er die Identität eines sterbenden Mitgefangenen annahm. 1945 gelang ihm die Flucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Hessel als Diplomat seinen Widerstand gegen Menschenrechtsverletzungen fort. Er war Mitautor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und machte sich als Befürworter der Entkolonialisierung einen Namen. Hessel war Uno-Botschafter in Genf und Mitarbeiter im Pariser Außenministerium.

Erst mit 80 Jahren trat Hessel als Autor in Erscheinung und begann, an seinem Vermächtnis zu arbeiten. 1997 erschien seine Autobiografie „Tanz mit dem Jahrhundert“, auf „Empört Euch“ folgte 2011 der Essay „Engagiert Euch!“ — auf Empörung sollte Handeln folgen.

Hessel verkörpert den Typus des politisch-engagierten Intellektuellen. Fotos zeigen ihn in seiner Pariser Wohnung, stets mit Anzug, Krawatte und distinguierter Haltung. Der Blick ist wach, intelligent und uneitel. Schon als Kind stand er unter dem Einfluss der Pariser Künstlerszene: Walter Benjamin war ein Freund seines Vaters, in dessen Wohnung auch Pablo Picasso und Max Ernst ein- und ausgingen.

In seinem Essay „Empört Euch!“ wendet sich Hessel an die kommenden Generationen: „Das Grundmotiv des Widerstandes war die Empörung. Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegung und der kämpfenden Kräfte des freien Frankreichs, appellieren an die junge Generation, das Erbe des Widerstandes und die Ideale neu aufleben zu lassen. Wir sagen ihnen: ‚nehmt es auf Euch, empört Euch!‘ Anlässe gebe es genug, von Altersarmut, dem Umgang mit illegalen Zuwanderern über die Ignoranz gegenüber der Klimaentwicklung bis hin zur Situation der Palästinenser in Gaza, diesem „Gefängnis mit offenem Himmel“.

Hessels Entschuldigung terroristischer Gewalt brachte ihm jedoch scharfe Kritik ein. Eine Interviewaussage, in der er die israelische Gazapolitik für schlimmer als die deutsche Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg erklärte, relativierte er später. Hessel war sich bewusst, dass er mit „Empört Euch“ auch sein Testament verfasste. Die ersten Sätze lauten: „Es ist wohl der letzte Abschnitt. Das Ende ist nicht mehr fern.“ Der Essay endet mit einer Widmung an „alle Menschen, die das 21. Jahrhundert gestalten werden“. Ihnen sagt Hessel mit seiner „ganzen Zuneigung“: „Schöpfung ist Widerstand.

Widerstand ist Schöpfung“.

Erfülltes Leben mit der Kraft der Poesie
Zwei Jahre nach „Empört euch!“ legte Hessel seine Vermächtnisschrift „Empörung — meine Bilanz“ (Pattloch) vor. Dort beantwortet er die Frage, was seinen Durchhaltewillen in der Gestapohaft und den Konzentrationslagern Buchenwald und Dora gestärkt habe: „Durchgehalten habe ich in erster Linie dank dem, was meine Eltern mir als wichtig, nützlich und notwendig mit auf den Lebensweg gaben. Ihr Vermächtnis an mich waren zum einen die griechischen Götter und zum anderen die Poesie. Beide Eltern lebten, aktiv und passiv, in der Welt der Gedichte. Schon in sehr jungen Jahren hatten sie mich angehalten, Gedichte auswendig zu lernen.“

Nina May

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