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„Ein Ort, wo die Rakete steigen kann“

Rostock „Ein Ort, wo die Rakete steigen kann“

Musiktheaterchef Albert Lang inszeniert in Rostock das Schauspiel „Spur der Steine“

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Albert Lang (49), Musiktheaterdirektor des Rostocker Volkstheaters

Quelle: Dietmar Lilienthal

Rostock. Klingt ziemlich erstaunlich: Das Volkstheater arbeitet mit „Spur der Steine“ einen staubig scheinenden Stoff vom sozialistischen Aufbau für den Saisonstart seines Schauspiels auf. Nur selten trifft man noch Leute, die diesen Roman von Erik Neutsch (1931-2013), der dafür 1964 seinen ersten DDR-Nationalpreis erhielt, wirklich gelesen haben. Bekannter ist die Verfilmung, die Heiner Müller als „flache, unterhaltsame Geschichte“ bezeichnete, um daraus sein hartes Theaterstück „Der Bau“ zu machen; und noch bekannter der Umstand, dass zu den Qualitätsausweisen des Films dessen Verbot durch die DDR-Führung nach drei Kino-Tagen 1966 gehört.

Prof. Albert Lang

1967 geboren , studierte Medizin und danach in München Theater- und Opernregie bei August Everding. Seit 1998 Arbeiten am Bayerischen Staatsschauspiel, Schauspielhaus Hamburg, Burgtheater Wien, Semperoper Dresden, Biennale Salzburg, Schauspiel Düsseldorf. 2008 Gründung des Kunstkollektivs Parallelaktion. Professor für Dramaturgie und Szenischer Raum am Masterstudiengang Bühnenbild/Szenischer Raum der TU Berlin, Forschungsschwerpunkt Künstlerische Forschung.

Aber derart Komplexes ist vielleicht gerade richtig für Albert Lang (49), der am Sonntag in Rostock eine eigene Theaterfassung (mit Ilsedore Reinsberg) auf die Bühne bringt. Es ist sogar noch komplexer: Lang, der neue Musiktheaterdirektor des Volkstheaters mit Zwei-Jahresvertrag (Operndirektor wollte er nicht heißen), erarbeitet erstmal ein Schauspiel – das wiederum mit Musik (Kompositionen des Rostocker Gitarristen Christian Kuzio). Und der Musiktheaterchef tut dies mit jenem Schauspielensemble, das nach dem letzten städtischen „Konzept“ fürs Rostocker Theater, dem Opernhaus-„Hybridmodell“ vom Jahresbeginn, künftig nur noch als Rudiment vorhanden wäre.

„Momente, in denen alles in Frage steht, sind auch Momente, die sehr wertvoll werden können“, behauptet Lang – eine Zuspitzung des Grundsatzes von der Krise als Chance. Sowas habe er oft geschrieben, fügt der Professor für Dramaturgie und szenischen Raum an der TU Berlin hinzu, und nun lasse er sich praktisch darauf ein. Wieder mal. „Wenn ein ,normales’ Theater angeboten hätte, dort eine Inszenierung zu machen, hätte ich abgelehnt.“ Aber die aktuelle Rostocker Theatersituation sei etwas anderes. „Es geht ja auch darum, für die Menschen hier diesen Ort zu erhalten, und das geht nur, wenn es eine Begründung für diesen Ort gibt, eine Begründung von innen her.“ Man müsse sich wieder der ureigenen Aufgabe des Theaters widmen, über Gesellschaft zu reflektieren – und nicht das Theater selbst zum Gegenstand einer Reflexion in eigener Sache machen.

„Spur der Steine“ kann da ein Beispiel sein: Jüngere Menschen treffen sich, haben das gleiche Buch gelesen und erzählen die historischen Geschichten aus ihrer/unserer Gegenwart heraus. Da werde nicht „eine Wahrheit“ verkündet, sondern unterschiedliche Haltungen treten im Diskurs gegeneinander an. Eine „soziologisch-künstlerische Untersuchung“ sei es, sagt Lang, aber nicht Theorie. Denn die Positionen werden zu Statements, und die dann auch zu Gesängen.

Als Musiktheaterdirektor tritt Lang ein schwieriges Erbe an. Was nach der Oper „Zar und Zimmermann“ (Premiere 14. Januar) kommt, darüber wisse er noch gar nichts. Er habe zahlreiche Aufgaben und Verpflichtungen geerbt, darunter die Arbeit mit vielen Gästen. „Das kostet viel Geld.“ Lang hofft, im Frühjahr für eine Planungszeit von zweieinhalb Jahren ein Ensemble und Positionen zu haben und einen entsprechenden Opernspielplan bekanntgeben zu können. Dabei werde die Werfthalle 207 für den Sommer 2017 wieder eine Rolle spielen.

Dass Lang für spartenübergreifendes Arbeiten steht, zeigt sein Einstand. Aber ein „Auflösungsdirektor“ sei er nicht. Er kenne sich mit Interdisziplinarität und mit Hybridmodellen gut aus, sagt Lang, der genau dazu forscht, und er meint Offenheit, gegenseitige Befruchtung, Kreativität. „Aber das heißt nicht, dass man das Hybride politisch organisieren sollte.“ Vielmehr müsse man einen freien Platz schaffen, wo die Rakete überhaupt starten kann. „Also so ein ,Hybridmodell’ interessiert mich gar nicht, aber die Zusammenarbeit interessiert mich sehr.“

„Spur der Steine“: Premiere Sonntag, 19.30 Uhr, Volkstheater Rostock.

Dietrich Pätzold

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