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10:44 27.02.2018
Lübeck

Bisher hat Katja Benrath noch keine Oscar-Verleihung wirklich miterlebt. Wenn in Los Angeles die Umschläge geöffnet wurden und auf der Bühne einige ihr Glück nicht fassen konnten, war sie vor dem Fernseher meist eingeschlafen. In diesem Jahr aber könnte es klappen, zum ersten Mal.

Die deutsche Regisseurin Katja Benrath – hier in der Hamburg Media School. Jetzt könnte die in Lübeck aufgewachsene Filmemacherin den Oscar holen. Quelle: Foto: Christophe Gateau/dpa

In diesem Jahr zählt sie selbst zu den Kandidaten. Katja Benrath, 38 Jahre alt, aus Lübeck. „Watu Wote/All of Us“ heißt der Film, mit dem sie in der Kategorie „Live Action Kurzfilm“ nominiert wurde. Es ist ihre Abschlussarbeit an der Hamburg Media School, und es ist ein Erfolg sondergleichen.

Etwa 60 Preise haben sie und ihr Team mittlerweile dafür bekommen, von New York bis Tel Aviv, von Tansania und Durban bis zu den Nordischen Filmtagen in Lübeck. Am wichtigsten seien ihr die aus Afrika, aber auch die Nachwuchs-Auszeichnungen aus Deutschland und der Student Academy Award, der Studentenoscar. Im Oktober hat sie ihn in Los Angeles erhalten, in Gold. Jetzt fährt sie wieder hin.

„Watu Wote“ ist Suaheli und bedeutet: alle Menschen. Der Film erzählt eine wahre Begebenheit aus dem Grenzgebiet von Kenia und Somalia und aus dem Grenzgebiet von Leben und Tod. Es ist eine Geschichte über Mut und Solidarität. Darüber, wie Menschen über sich hinauswachsen können. Menschen, die man nicht kennt und die nur zufällig im Bus neben einem sitzen.

Katja Benrath hatte von ihr auf der Internetseite der BBC gelesen, als sie 2015 mit ihrem Team auf der Suche war nach einem Stoff für ihre Masterarbeit. Sie hat recherchiert, war monatelang vor Ort, hat gedreht, und seither ist vieles anders geworden in ihrem Leben.

Von ihrer Oscar-Nominierung hat sie in Kenia erfahren. Mitte letzter Woche ging es nach Los Angeles, wo am Sonntag die Oscars verliehen werden. Dabei ist sie gerade erst in Los Angeles gewesen, im Beverly Hilton Hotel, zusammen mit 175 anderen zum traditionellen „Lunch der Nominierten“.

Es gab Seebarsch mit Spargel, edle Desserts und Champagner, und als sich die Gelegenheit bot, hat sie mit Christopher Nolan gesprochen und mit Meryl Streep. Mit Meryl Streep, die sie wegen ihrer Authentizität und Echtheit schätzt und verehrt und seither noch ein wenig mehr. Wie das gerade alles für sie ist? „Surreal“, sagt sie. „Das ist das Wort, das mich im Moment am meisten begleitet. Es ist sehr speziell, in einem Raum zu sein mit all diesen Menschen, die einen zum Teil inspiriert haben, die eigene Filmkarriere voranzutreiben oder Geschichten zu erzählen. Es ist surreal, nach wie vor. Und ich bin gespannt, ob es noch surrealer wird.“ Katja Benrath stammt aus dem Odenwald, ist in Stockstadt bei Aschaffenburg aufgewachsen, aber schon früh mit ihrer Mutter nach Lübeck gezogen., wo sie zuerst das Abitur, später eine Schneiderlehre machte.

Sie nähte in Wuppertal für die Tänzerin Pina Bausch, studierte in Wien am Konservatorium Schauspiel und Gesang und schließlich Regie in Hamburg an der Media School. Jetzt sitzt sie am Sonntag im Dolby Theatre in Los Angeles, und wenn jemand sagen würde: „And the Oscar goes to . . . ,Watu Wote'“, würde einen das auch nicht mehr wundern.

Woher kommt der Erfolg ihres Films? Es hat wohl vor allem damit zu tun, dass es eine wahre Geschichte ist, sagt sie. Und die Menschen wollten unbedingt davon erzählen. Vor allem die Somalier. Sie wollten zeigen, dass nicht automatisch ein Terrorist ist, wer aus dieser Gegend der Welt kommt. Dass es einen anderen Islam gibt als den aus den Gewehrläufen. Diese 23 Minuten jedenfalls haben das Leben Katja Benraths gründlich auf den Kopf gestellt. Sie reist mit ihrem Film durch die Welt, von Katar bis Marburg, von San Sebastian bis Atlanta, hat Termine und Empfänge. Die Presseanfragen stapeln sich, der Druck wächst, auch die Sorge, falsch verstanden zu werden. Und sie steckt mittendrin in diesem sehr nervösen Hollywood- Trubel und versucht, die Übersicht nicht zu verlieren.

Selbstzweifel? Oh ja, die gehören zu ihren ständigen Begleitern, sagt sie. Aber sie versuche, daraus eine Stärke zu machen. Das sei vielleicht eine gute Methode, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie werde oft gefragt, wie man es schaffe, nicht abzuheben. Und sie antworte dann: „Ich wüsste nicht, wie man es schaffen kann.“ Es ist nicht so, dass sie sich jetzt vor Angeboten nicht retten könnte. Aber es tun sich Türen auf, von denen sie es nicht vermutet hätte. Vor allem hat sie inzwischen das Gefühl, in der Filmwelt bleiben zu können. Das war jahrelang nur möglich, weil sie alle möglichen Jobs gemacht hat. Jetzt aber hat eine Perspektive Konturen gewonnen und die Zuversicht, zu tun, was ihr am Herzen liegt. Das, sagt sie, sei eigentlich die größte Veränderung.

Neben dem Wirbel um „Watu Wote“ arbeitet sie gerade an einem neuen Projekt. Es ist ihr erster Langfilm fürs Kino, mehr mag sie darüber nicht sagen. Weiter in der Planung ist „Pferd, Pferd, Tiger, Tiger“, die Verfilmung eines dänischen Jugendbuchs. Dafür gab es auch schon 30000 Euro von der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein, momentan arbeitet die Autorin an der Adaption.

Benrath wohnt in Hamburg, hat aber noch eine enge Bindung zu Lübeck. Ihre Mutter lebt dort. Sie wird nicht mit nach Los Angeles zu den Oscars fliegen, sagt sie. Es ist sehr schwer, an Karten zu kommen. Aber ihr Team wird sie begleiten, also Tobias Rosen (Creative Producer), Julia Drache (Autorin und Editorin) und Felix Striegel (Kamera), mit denen sie an der Media School den Film gemacht hat.

Sie wird in Hollywood gegen vier andere Filme antreten, unter anderem gegen „My Nephew Emmett“ von Kevin Wilson. Sie hat ihn im Oktober bei den Studentenoscars kennengelernt, wo er auch zu den Preisträgern zählte. Er ist ein sehr guter Freund geworden, sagt sie. Auch mit den anderen drei Regisseuren ist sie inzwischen bekannt, „eine sehr nette Truppe“.

Ihre Erwartungen? „Ich habe überhaupt keine Erwartungen", sagt sie. „Es ist so viel los, dass ich mir einfach nur wünsche, dass ich es genießen kann. Es wäre eine Lüge zu sagen: Ich will das Ding nicht mit nach Hause nehmen. Aber gleichzeitig kenne ich die anderen Filme und die Filmemacher und mag die alle sehr. Es ist tatsächlich beides gleichzeitig."

Deutsche Nominierte

Ebenfalls nominiert sind die deutschen Regisseure Jakob Schuh und Jan Lachauer mit ihrem Zeichentrickfilm „Revolting Rhymes“ in der Sparte „Animierter Kurzfilm“.

Auch Komponist Hans Zimmer könnte eine Oscar-Trophäe gewinnen. Der gebürtige Frankfurter holte mit der Filmmusik für Christopher Nolans Kriegsdrama „Dunkirk“ seine elfte Nominierung.

In der Kategorie „Visuelle Effekte“kann ein weiterer Deutscher auf eine Trophäe hoffen: Gerd Nefzer ist zusammen mit seinen Kollegen John Nelson, Paul Lambert und Richard R.

Hoover für seine Arbeit in „Blade Runner 2049“ nominiert.

Einen Auslands-Oscar hatte zuletzt Florian Henckel von Donnersmarck 2007 für das DDR-Drama „Das Leben der Anderen“ bekommen.

Peter Intelmann

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