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Ein Rebell und „Zerrissener“ auf der Suche nach sich selbst

Stralsund Ein Rebell und „Zerrissener“ auf der Suche nach sich selbst

Der etwas andere „Tannhäuser“ feiert am Theater Vorpommern in Stralsund Premiere

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Der Tenor Michael Baba singt den „Tannhäuser“ am Theater Vorpommern, hier in einer Szene mit Tänzerinnen und Tänzern des Balletts Vorpommern, bei der Opern-Premiere in Stralsund. FOTO: VINCENT LEIFER

Stralsund. . Erst ein sehr für sich einnehmender „Lohengrin“, nun der vorgestern in Stralsund ebenso heftig gefeierte „Tannhäuser“: Nachweis einer Leistungsfähigkeit, die dem Theater Vorpommern wohl nur in institutioneller Eigenständigkeit erhalten bliebe. Operndirektor Horst Kupich hat das Werk in Wagners Dresdner Fassung als Parabel für einen Antihelden inszeniert, der lebens- und neugiergetrieben, aber wenig zielorientiert auf ergebnisoffener Pilgerfahrt zu sich selbst ist.

Tannhäuser ist aktiv, dynamisch und steht unter Spannung. Er fürchtet, eine ihm wesensfremde Wartburg-Gesellschaft provozierend, keine Tabubrüche und ist als sinnlich genussfähiger Rebell auch „zerrissener“ Egoist mit stattlicher Opferreihe (Venus, Elisabeth, Wolfram). Als „Leistungserotiker“, wie der Opernhistoriker Ulrich Schreiber ihn mal nannte, geht er dennoch nicht durch, auch nicht als von der heiligen Jungfrau Maria Erlöster; beide Optionen – Grundkonflikt der Oper – reichen ihm nicht. Sein Leben erscheint als Abfolge brisanter Stationen, doppelbödig als tagebuchartig aufgeschriebene Innenschau und real durchlebt; am Schluss nimmt Tannhäuser seine Schreibmaschine, wirft das Manuskript in die Menge – und geht: unheroisch, unerlöst, weiter suchend.

Diesem Konzept entspricht ein symbolträchtiger, gelegentlich schwer oder erst spät deutbarer Handlungsverlauf: der schreibende Tannhäuser, eine bühnenbreite Türwand als Zugangsmöglichkeit zur zweiten Erlebnisebene, ein gebrechlicher Hirte in mahnender Alter-Ego-Funktion, karikierende Sichten Tannhäusers auf die singenden Ritter, ein „Volksfest Sängerkrieg“, der unerwartete Tod Elisabeths durch Wolfram und anderes mehr.

Auf großräumig schmuckloser, von riesiger Venusmuschel dominierter Bühne (Christoper Melching) entfaltet sich das auch im Kostüm nicht weniger charakterisierte Geschehen aber mit großer innerer Spannung und fesselnder Stringenz. Komplexhaft konzentriert, gelingen Szenenfolgen von starker Gefühlshaftigkeit und großer Ausdrucksintensität. Ein stimmlich durchweg wagnerfähiges Ensemble garantiert in Volumen, Timbre, Charakter und Nuancierungsvermögen beeindruckenden „Wagnergesang“: Neben einem sich leidenschaftlich verausgabenden Michael Baba (Tannhäuser) und Kristi Anna Isenes von stimmlich schönstem Edelmetall bestimmter Elisabeth sind dies Anne-Theresa Møller (Venus), Alexandru Constantinescu (Wolfram) sowie Andre Valiguras (Landgraf) und die Sänger Karo Khachatryan, Thomas Rettensteiner, Johannes Richter und Maciej Kozlowski (a. G.).

Wahrhaft grandios: die Chöre des Schlosstheaters Stettin (Malgorzata Bornowska) und des Theaters Vorpommern (Julia Domaševa). Ballettdirektor Ralf Dörnen sorgte für das Ballett im 1. Akt, Generalmusikdirektor Golo Berg mit dem Philharmonischen Orchester Vorpommern für eine so bewegte wie bewegende Aufführung: bestechend in der Präzision, kontrastgeschärft, voller Tempo, Spannung und glühender Klangkraft.

„Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf der Wartburg“

Die romantische Oper in drei Akten schrieb Richard Wagner in rund drei Jahren. Die dreistündige Oper wurde am 19. Oktober 1845 am Königlichen Hoftheater Dresden uraufgeführt. Sie basiert auf der Volksballade des Tannhäuser und ist auf der thüringischen Wartburg im 13. Jahrhundert angesiedelt. Wagner stellt seinen Helden Tannhäuser vor ein unlösbares Problem und thematisiert hier sein Altersthema, die heilige Liebe als irdische Erlösung.

Aufführungen: 10. und 30. Dezember sowie 21. Januar 2017 um 18 Uhr Großes Haus Stralsund; Premiere im Großen Haus Greifswald am 27. Januar 2017 um 18 Uhr.

Tickets: Erhältlich in Ihrem OZ-Service-Center, unter shop.ostsee-zeitung.de oder unter

☎ 0381/38303017

Ekkehard Ochs

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