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Ein musealer „Waldgang“ - Schau zu Ernst Jünger

Wilflingen Ein musealer „Waldgang“ - Schau zu Ernst Jünger

Ernst Jünger liebte die Natur, die Käfer, die Abgeschiedenheit - fast ein halbes Jahrhundert lebte er im oberschwäbischen Dorf Wilflingen. Sein Wohnhaus ist für Besucher offen - nun ergänzt um eine neue kleine, feine Ausstellung.

Wilflingen. Der Stahlhelm fehlt, sonst ist alles da: Bücher, Reisesouvenirs, Käferskizzen. Natürlich hat auch der Helm seinen Platz in der neuen Ausstellung über das Leben des Schriftstellers Ernst Jünger, der Platz ist markiert mit einem Schild.

Doch derzeit ist er an ein Erstes-Weltkrieg-Museum in Frankreich ausgeliehen. „Der Helm kommt zurück“, sagt Kurator Thomas Schmidt bei der Vorstellung der Schau in Wilflingen in Baden-Württemberg. Wann, ist unklar, das Ausstellungsobjekt ist begehrt: In den vergangenen Jahren wechselte er von Museum zu Museum, erst nach Stuttgart, dann Berlin und Péronne in Frankreich.

Auch ohne das wohl bekannteste Exponat aus dem Leben des ebenso umstrittenen wie gefeierten deutschen Autors gelingt den Kuratoren Thomas Schmidt und Jens Kloster vom Deutschen Literaturarchiv Marbach eine überaus gelungene Einführung in die Vita Jüngers. In dezenter Bildsprache und mit knappen Texten reißen sie die 102 Lebensjahre des konservativen Intellektuellen knapp an und setzen darauf, dass der Besucher neugierig wird nach der Sichtung von Fotos, Videos oder Briefen.

Im ersten Stock, separat zur Ausstellung, sind noch die Original-Wohnräume von Jünger zu sehen - dort herrscht eine opulente Fülle an Büchern, Muschelbergen und ausgestopften Tieren.

Die Kuratoren teilen Jüngers Leben in acht Themen ein, etwa „Soldat und Krieger“. Dort wird alsbald besagter Helm stehen, der 1917 von einer gegnerischen Kugel zerfetzt und Jünger wohl das Leben gerettet hat - ein Symbol für die Brutalität des Krieges.

Wer aber vermeintlich militaristischen Pomp in dieser „Krieger-Ecke“ erwartet, etwa Weltkriegsorden, der sieht sich getäuscht. Stattdessen ist dort eine riesige Muschel zu sehen. Der Zusammenhang? Noch während des Zweiten Weltkriegs schrieb der Soldat Jünger die Abhandlung „Der Friede“ über eine ideale Staatsform ohne Krieg. Dieser Staat sollte wie eine Muschel sein, nach außen hin mit klaren Formen, nach innen hin jedoch wie ein weicher Kulturraum. So spannen die Ausstellungsmacher den Bogen zwischen den einzelnen Lebensphasen und brechen mit dieser Vielstimmigkeit des Werks Vorurteile über den Krieger Jünger.

Auch auf den passionierten Reisenden wird eingegangen, der bis ins hohe Alter um die Welt reiste und dabei Käfer sammelte - im Laufe seines Lebens soll er rund 30 000 Insekten gefangen und aufbewahrt haben. Oder auf den Schreibwütigen, der sich in Briefkorrespondenzen austobte. Oder auf die Gäste, die ihm ihre Aufwartung machten, darunter die Staatschefs Helmut Kohl und François Mitterrand und der argentinische Intellektuelle Jorge Luis Borges.

Aus Sicht des Heidelberger Germanisten Helmuth Kiesel ist Jünger einer der großen deutschen Literaten des 20. Jahrhunderts. Schriften wie „In Stahlgewittern“ (1920) oder „Feuer und Blut“ (1922) seien zwar kriegsverherrlichend gewesen; zugleich hätten sie aber das Grauen des Kriegs mit einer unvergleichlichen Wahrnehmungsschärfe dargestellt. „Mit ihnen und mit späteren Schriften wurde Jünger zu einem bedeutenden Reflektor der technisch aufgerüsteten und hochgradig destruktionsbereiten Moderne“, sagt Kiesel.

Die Neugestaltung des Jünger-Hauses begrüßte der Heidelberger Professor. Es zeige „auf eindrucksvolle, sehr intime und berührende Weise ein außerordentlich bewegtes Stück deutscher Geschichte und deutscher Geistigkeit, und zwar im europäischen Kontext“.

Zum Besuchermagneten wird das Jünger-Haus trotz der neuen Schau wohl nicht werden. Bisher waren es nur 1000 Besucher pro Jahr. Es wäre schön, wenn es mehr würden, sagt Kurator Schmidt. Aber letztlich sei das nicht so wichtig: „Besucherzahlen sind für uns kein Fetisch.“

Das passt zu dem Einzelgänger Jünger, der abseits des großen Literaturbetriebs stand und dessen Werke eher in einer Nische waren, ohne große kommerzielle Erfolge. Wer als literaturinteressierter Besucher dann doch den für die Ausstellung namensgebenden „Waldgang“ in das abgelegene oberschwäbische Dorf Wilflingen antritt, dürfte das nicht bereuen.

dpa

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