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„Eine Chance für einen Neuanfang“

„Eine Chance für einen Neuanfang“

Der Leipziger Geiger Stefan Arzberger über seine Zeit in den USA, seine Rückkehr und den Umgang mit der bizarren Nacht in New York.

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Der deutsche Violinist Stefan Arzberger muss sich keinem Prozess in den USA stellen.

Quelle: Andrew Gombert/dpa

Leipzig/New York Sein Albtraum ist zu Ende: Der wegen mutmaßlichen Mordversuchs in den USA festgehaltene Leipziger Geiger Stefan Arzberger darf die USA verlassen. Die Staatsanwaltschaft in New York hatte bei einer Anhörung voriger Woche entschieden, den 43-jährigen Musiker nicht wegen Mordversuchs anzuklagen. Arzberger war während einer Tournee mit dem Leipziger Streichquartett im März 2015 in New York festgenommen worden. Ihm wurde vorgeworfen, eine US-Bürgerin in einem Hotelzimmer fast zu Tode gewürgt zu haben. Arzberger hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

Zehntausende Euro für Arzberger gesammelt

Arzbergers Unterstützer in Deutschland zeigten sich glücklich. „Wir sind erleichtert, dass er jetzt in sein normales Leben zurückkehren kann“, sagte Rainer Ohler, Sprecher der Initiative „Support for Stefan Arzberger“ in München. Der Unterstützerkreis hatte sich nach Arzbergers Festnahme in den USA gebildet und mehrere Zehntausend Euro Spenden gesammelt.

Laut seinem Anwalt wurde er von einer Unbekannten unter Drogen gesetzt und ausgeraubt. Im Interview spricht er über seine Zeit in den USA, die Unterstützung aus Deutschland und seine Rückkehr.

Wie fühlen Sie sich im Moment?

Stefan Arzberger: Ich bin endlich wieder ein freier Mann, das fühlt sich ziemlich gut an.

Was haben Sie in diesen 15 Monaten gemacht?

Arzberger: Durchhalten, überleben, versuchen ruhig zu bleiben. Stabil zu bleiben, was nicht einfach ist. Die Geigerei aufrechtzuerhalten, was auch nicht einfach ist, wenn man nicht arbeiten darf. Versuchen, das Beste draus zu machen, auch gesundheitlich stabil zu bleiben.

Gab es Tiefpunkte, Krisen?

Arzberger: Ja. Man weiß zwar, dass es kommen wird, aber es erwischt einen dann doch immer auf dem falschen Fuß.

Sie waren gegen eine Kaution von 100000 Euro auf freiem Fuß. Bekommen Sie die eigentlich wieder?

Arzberger: Ja, die wird zurückgezahlt. Noch mal, ich bin ein freier Mann. Die Hauptvorwürfe wie versuchter Mord sind nicht mehr existent. Ich bin kein Gewalttäter, auch kein Star-Geiger. Ich bin ein ganz normaler Geiger, der von Vorwürfen freigesprochen ist.

Jetzt können Sie also auch finanziell wieder aufatmen?

Arzberger: Man muss klar sagen: Von Staatsseite steht mir keine Unterstützung zu, habe ich nichts bekommen. Ich werde erst im September oder Oktober frühestmöglich wieder arbeiten können. Wo, das weiß ich noch nicht. Ich freue mich, wenn mir jemand ein Angebot macht. Ich weiß im Moment gar nicht, wann ich wieder Geld verdienen kann.

Wie groß war die Angst, dass Sie als sehr alter Mann aus dem Gefängnis freigekommen wären?

Arzberger: Die Gefahr bestand. Ich weiß inzwischen, wie die Dinge hier sind, wie das System funktioniert. Aber Angst ist kein guter Ratgeber.

Wie haben Sie die Solidarität empfunden, die Ihnen aus Deutschland entgegengekommen ist?

Arzberger: Das ist eine ganz unglaubliche Geschichte. Ich bin immer noch ganz verdutzt, von welchen Seiten da Hilfe kam. Das freut einen wahnsinnig. Es belastet aber auch, weil ich jemand bin, der ganz schwer Hilfe annehmen kann. Aber ich bin wahnsinnig glücklich über den Zuspruch aus Leipzig. Ich hoffe, ich kann das irgendwann auf eine andere Art zurückgeben.

Wie haben Sie die zum Teil sehr sensationsgierigen Berichte über Sie wahrgenommen? Werden Sie da zum Teil juristisch vorgehen?

Arzberger: Es gab ja eine interessante Wendung: Am Anfang stand klar die Sensation im Vordergrund. Die Kollegen von der Boulevardpresse haben interessante und lustige Wortkreationen benutzt.

Dagegen gehen wir vor. Klar, es ist ein Geschäft, und bis zu einem gewissen Grad habe ich Verständnis dafür. Es hat sich aber gewandelt, später wurde genauer hingeschaut, differenzierter berichtet.

Wie sehr vermissen Sie Leipzig?

Arzberger: Das kann ich noch nicht sagen. Wenn man so lange hier ist, dann irgendwann zurückgeht, weiß man nicht, wie sich das anfühlen wird. Ich bin komplett entwurzelt, habe keinen Job mehr dort.

Was werden Sie in den nächsten Tagen machen?

Arzberger: Ich treffe die Kollegen von ARD, ZDF und andere. Ich habe hier viele Freunde gefunden, die ich noch treffen werde.

Was hat die Zeit im unfreiwilligen Exil mit Ihnen gemacht?

Arzberger: Ich glaube, ich werde mich in meinem Leben nicht mehr – in Anführungszeichen – einsperren lassen, in jeglichen Konstrukten. Hier nichts tun zu dürfen, das hat mir sehr zugesetzt.

Auf der anderen Seite ist es auch eine große Chance für einen Neuanfang. Es wird eine spannende Reise.

Sie kommen Ende Juli nach Deutschland, was müssen Sie noch erledigen?

Arzberger: Ich war ja nicht nur einer Sache angeklagt. Da ist mein Immigrationsstatus zu regeln. Ich habe mein Visum über 14 Monate überzogen, mein Reisepass ist eingezogen. Das muss noch geklärt werden. Wenn ich einmal ausreise, kann ich für zehn Jahre nicht mehr in die USA einreisen. Das hätte auch beruflich für mich Konsequenzen.

Noch eine Frage zu dieser bizarren Nacht: Wie gehen Sie damit um, dass da etwas passiert ist, an das Sie sich nicht erinnern können?

Arzberger: Ich hatte mir psychologische Hilfe gesucht. Diese Frage taucht immer wieder auf: Was ist eigentlich passiert? Ob man das je wieder zurückholen kann, ist fraglich. Aber ich bemühe mich, Licht ins Dunkel zu bringen. Das werde ich genauer angehen in Deutschland, in meiner Muttersprache. Mein Englisch ist ganz gut, aber dafür reicht es dann doch nicht.

Können Sie sich vorstellen, wieder mit dem Leipziger Streichquartett zu arbeiten?

Arzberger: Bis gestern konnte ich überhaupt nichts planen. Ab heute kann ich mich wieder mit solchen Fragen beschäftigen. Ich denke, ich muss mich erst mal wieder eingliedern in das Leben in Deutschland. Ich habe großen Respekt davor zurückzukommen. Das wird der nächste schwere Part.

Interview von Jürgen Kleindienst

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