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Kultur Eine Liebesgeschichte aus Mittelerde
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00:00 14.06.2017

Für Tolkienfans war der 10. Juni ein magischer Tag: 44 Jahre nach dem Tod des Herrn aller Ringe erschien als eigenständige Ausgabe die Sage „Beren und Lúthien“. Sie handelt von dem geächteten Sterblichen Beren, dem gelingt, was all den Kriegern vor ihm misslungen ist: Er dringt in die Burg des Feindes ein und raubt ein Silmarill-Juwel aus der Eisenkrone. Damit gewinnt er die Hand von Lúthien, einer Elbin von königlicher Abstammung, die ihm beim Diebeszug geholfen hatte.

Info: J. R. R. Tolkien: „Beren und Lúthien“, Klett-Cotta; 304 Seiten, 22 Euro

Tolkien nannte die Lovestory in einem Brief 1951 die „wichtigste Geschichte aus dem Silmarillion“, einer Sammlung unvollendeter Geschichten des Fantasy-Autors. Im Vorwort des Bandes erklärt Tolkiens Sohn Christopher, wie er aus dem Wust aus bruchstückhaften Erzählungen, die er im Nachlass fand, diese Geschichte herausgefiltert hat. Er klingt wie ein Historiker, der eine vergangene Zeit rekonstruiert. So hat auch Tolkien sein Reich Mittelerde wie eine eigene Welt zusammengebaut: samt Geschichtsschreibung, verschiedenen Kulturen und Sprachen.

Die Liebesgeschichte ist zentral für den Kosmos von Mittelerde: Denn die Verbindung zwischen einem Sterblichen und einer Unsterblichen, wie sie Beren und Lúthien quasi als Vorreiter einer neuen multikulturellen Paarungsweise in Mittelerde leben, ist in den Verfilmungen vom „Herr der Ringe“ und dem „Hobbit“ zu einem wichtigen Motiv geworden. Eingefleischte Anhänger mögen sich über schmachtende Blicke zwischen Zwerg und Elbin im „Hobbit“ geärgert haben, die im Original nicht vorkommen, das zarte Sehnen zwischen Aragorn und Arwen, das quasi aus den Apokryphen von Tolkiens Fantasy-Epos entlehnt wurde, ließ niemanden kalt.

Das Paar lebte im dritten Zeitalter von Mittelerde, 6500 Jahre nach Beren und Lúthien, die im ersten Zeitalter den Grundstein für eine spezienübergreifende Romanze legten. Und doch billigt Arwens Vater Elrond die Verbindung nicht, obwohl er selbst ein Nachfahre von Lúthien ist, wie er Frodo und den Gefährten im „Herr der Ringe“ beim großen Rat in Bruchtal enthüllt.

1961 schreibt Tolkien in einem Brief über seinen „Versuch, eigene Sagen zu schreiben, die zu meinen Privatsprachen passen sollten“. Nicht die Geschichten, sondern ihre Mundarten stehen bei dem britischen Sprachwissenschaftler im Vordergrund. Die Idee zu Beren und Lúthien sei ihm während eines Krankheitsurlaubs vom Heeresdienst 1917 gekommen. Inspiriert wurde er von „einem Wäldchen mit dichtem Unterholz von Schierling bei Roos in Holderness, wo ich eine Zeit lang in der Humber-Garnison lag“. In der Geschichte wird mit folgenden Worten jener magische Ort beschrieben, an dem Beren seine Lúthien, die er wegen ihres Gesangs Tinúviel (Nachtigall) nannte, zum ersten Mal sah: „Der Platz nun, den sie am meisten liebte, war ein schattiger Fleck, wo Ulmen und auch Buchen wuchsen, doch sie waren nicht sehr hoch, und auch einige weißblühende Kastanien standen dort, der Grund jedoch war feucht, und unter den Bäumen wucherte üppig und dicht ein Nest von Schierling. Dort tanzte Tinúviel, bis spät der Abend schwand und viele weiße Nachtfalter sie umflatterten.“ Die Schlüsselszene geht auf eine autobiografische Begebenheit zurück: Während eines Spaziergangs in einem Wald in East Yorkshire hat Tolkiens Frau Edith auf einer mit weißen Blumen gesäumten Lichtung getanzt wie eine Elbin.

Die Sprache ist im Duktus alter Sagen gehalten. Der Band wechselt zwischen wissenschaftlich anmutender Geschichtenrekonstruktion und märchenhafter Erzählung: eine Mischung, die so typisch für J. R.

R. Tolkien ist. Das Liebespaar gehört zu Tolkiens beliebtesten Figuren, im Netz gibt es zahlreiche Fan-Zeichnungen. Und für den Autor hatte es große Bedeutung: Auf dem Grabstein, den er und seine Frau Edith in Oxford teilen, sind die Namen eingraviert, verbunden über die Sterblichkeit hinaus.

Tolkiens unvollendete Schriften

Das Silmarillion ist eine Sammlung unvollendeter Texte J. R. R. Tolkiens, die auf seinen Wunsch postum von seinem Sohn Christopher in überarbeiteter und vervollständigter Form veröffentlicht wurde. Sie enthält Erzählungen über die Entstehung der Tolkien’schen Welt, aber auch märchenähnliche Liebes- und Heldengeschichten und bildet die Vorgeschichte zu den großen Romanen „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“.

Nina May

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