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Eine Scheibe mit Geschichte

Berlin Eine Scheibe mit Geschichte

Mit einer Neuaufnahme des Erfolgsalbums „Aufruhr in den Augen“ ist Pankow auf Tour

Berlin. „Unser Gitarrist Jürgen Ehle hatte die Idee, dass wir dieses Album noch einmal neu aufnehmen“, sagt Pankow-Sänger André Herzberg. „Aufruhr in den Augen reloaded“

heißt die Doppel-CD von Pankow, die jetzt erscheint, so ist auch die dazugehörige Tour betitelt. „Die Idee war, dass bei den neuen Arrangements auch die Texte stärker zur Geltung kommen“, erklärt André Herzberg. Also nahm die Band die elf Original-Songs in akustischen Versionen neu auf, „man sagt heute ja auch unplugged dazu“, ergänzt der Sänger.

André Herzberg ist immer noch stolz auf die 1988 erschienene LP. „Als wir die Platte damals gemacht haben, waren wir in Höchstform“, blickt er heute zurück. Dabei hatte die 1981 gegründete Gruppe gerade einige Umbesetzungen hinter sich: Bassist Jäcki Reznicek war zu Silly abgewandert, Schlagzeuger Frank Hille in den Westen ausgereist, mit dem Rockhaus-Bassisten Ingo Griese und Drummer Stefan Dohanetz bekam die Band frisches Blut. „Das war wirklich sehr belebend für uns, nun blieb die Arbeit nicht mehr nur an Jürgen Ehle und mir hängen“, sagt André Herzberg. Mit Keyboarder Rainer Kirchmann war das Quintett vollständig. „Wir haben uns damals auf einen Bauernhof zurückgezogen und Songs geschrieben“, erinnert sich Herzberg, „dort fanden wir die richtige Ruhe.“

Auch bei der Produktion zog die Band alle Register, nahm sich mit den Fun Horns eine Bläsergruppe dazu und engagierte als Backgroundsängerinnen Ines Paulke, Katrin Lindner und Anke Schenker. Die Slide-Gitarre im Titelsong spielte Engerling-Gitarrist Heiner Witte. Gitarrist Jürgen Ehle erweiterte sein Spektrum mit Mandoline, Mandola und Mundharmonika. Ein neuer Pankow-Sound war geboren. „So wollten wir immer klingen!“, sagt Herzberg heute.

Wichtiger waren aber die Texte. Pankows „Aufruhr in den Augen“ beschrieb zusammen mit der City-LP „Casablanca“ (1987) und der Silly-LP „Februar“ (1989) die Stimmung und auch die Agonie in den letzten Jahren der DDR. Größeren Gegenwind gab’s im Aufnahmeprozess der LP bei der staatlichen Plattenfirma Amiga glücklicherweise nicht. „Man mochte dort nur das Wort Aufruhr nicht“, erinnert sich André

Herzberg, „das sollten wir durch etwas anderes ersetzen, durch einen englischen Begriff vielleicht.“ Doch die Band setzte sich durch und es blieb dabei.

Bis heute steht der Pankow-Song „Langeweile“ für die Beschreibung des Stillstands am Ende der DDR. „Aber eigentlich ist uns das nach der Wende erst so richtig bewusst geworden“, meint André Herzberg.

In „Einsam“ verarbeitete er seine bedrückenden Erfahrungen bei der NVA, der Titel „Der Ausreißer“ thematisiert Konflikte in der Familie und „Ich bin ich“ beschreibt die Abnabelung von den Eltern.

Besonders intensiv wirkt noch heute der Titel „Ich bin bei dir“, André Herzberg hatte ihn damals an jene gerichtet, die die DDR verlassen wollten. „Meine Botschaft war: Bleibt hier und verändert dieses Land!“, sagt Herzberg. „Heute mag das merkwürdig klingen, aber so war die Situation eben damals. Viele Freunde von mir hatten bereits die DDR verlassen.“ Dieses Lied war auch als Aufmunterung gedacht, öfter die Meinung zu sagen. „Viele haben damals geschwiegen oder nur zu Hause Kritik geübt, bei mir ist das anders, ich habe mein Herz immer auf der Zunge getragen.“

Nach der Wende kam eine schwierige Zeit für Pankow. „Mal gab es die Band mit mir, mal ohne mich“, blickt Herzberg zurück. Es blieb kompliziert, doch die Pankow-Geschichte ging trotzdem weiter – zuletzt erschien 2011 die CD „Neuer Tag in Pankow“. Heute ist die Gruppe eher ein loses Projekt. „Wir sehen uns länger nicht, wir verlieren uns aber auch nicht aus den Augen“, beschreibt Herzberg das Verhältnis der Musiker. Derzeit bildet André Herzberg mit Gitarrist Jürgen Ehle und Schlagzeuger Stefan Dohanetz den Kern der Gruppe, in der aktuellen Tourbesetzung ist übrigens Engerling-Pianist Wolfram „Bodi“ Bodag dabei, das Team vervollständigt André Drechsler, der Bass und Gitarre spielt. Man kennt sich lange, „da muss man sich nicht viel erklären“, sagt der Pankow-Sänger über das blinde Verstehen innerhalb der Gruppe. Ähnliches gilt für das Publikum, das im Osten heimisch ist. Die aktuelle Pankow-Tour ist nur in den neuen Bundesländern gebucht – die Band spielt das Programm der neuen CD auch live.

Auf Tour: Pankow mit „Aufruhr in den Augen reloaded“ am 19. Januar um 20 Uhr in der Konzertkirche Neubrandenburg sowie am 20. Januar um 20 Uhr im Mau-Club Rostock

Thorsten Czarkowski

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