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Kultur Eine Tragödie aus der DDR-Endzeit
Nachrichten Kultur Eine Tragödie aus der DDR-Endzeit
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01:22 10.11.2016

Spannende zeitgenössische Kunst aus Mecklenburg-Vorpommern – spannende Geschichten über die Künstler: Das erleben Leser der OSTSEE-ZEITUNG jedes Jahr in der OZ-Kunstbörse. 312 Kreative haben wir bisher vorgestellt, und das Kompendium der zeitgenössischen Kunstszene des Landes erweitert sich ständig.

Zu den 13 Teilnehmern des aktuellen 24. Jahrgangs 2016, deren Werke bis zur Versteigerung am 19. November in der Hochschule für Musik und Theater Rostock ausgestellt sind, gehört die auf dem Fischland aufgewachsene Keramikerin Wilfriede Maaß. Die heute 65-jährige Meisterin der feinen Fayence, in den 80er Jahren bekannt geworden als Gastgeberin für DDR-Oppositionelle in ihrer damaligen Berliner Wohnung und Werkstatt am Prenzlauer Berg, stellte für unsere Kunstauktion überraschend ein Teeservice zur Verfügung, das nicht sie selbst hergestellt hatte, sondern das mit einer besonderen Geschichte aus der Endzeit der DDR verbunden ist: mit der tragischen Geschichte der aus Rostock stammenden Keramikerin Petra Vorpahl (1961-1988).

„Für mich ist das auch eine traumatische Geschichte“, sagt Wilfriede Maaß. Denn sie hatte Petra Vorpahl am Morgen des 16. März 1988 tot in ihrer Wohnung aufgefunden. „Suizid durch Einnahme von Tabletten“, lautete die ärztliche Feststellung, wie sie bei der Stasi-Unterlagenbehörde archiviert ist.

Unerklärlich, rätselhaft und verstörend an diesem Selbstmord ist, dass er erfolgte, nachdem Petra Vorpahls Antrag auf Ausreise aus der DDR zur Eheschließung mit einem US-Amerikaner aus San Francisco genehmigt worden war. Geboren im Jahr des Mauerbaus, hatte die junge Frau aus Rostock einen sicheren Weg zur Überwindung dieser Mauer gefunden. Der ließ, anders als eine gefährliche Republikflucht, die Möglichkeiten freier Rückkehr offen. So hätten es viele damals in der jungen Szene gemacht, erinnert sich Wilfriede Maaß: Nach einer Zweckheirat mit Partner(in) aus dem „nichtsozialistischen Ausland“ übernahm man die neue Staatsbürgerschaft, mit der sich jederzeit offiziell als Besucher in die DDR zurückkehren ließ, anschließend konnte man sich dann wieder scheiden lassen.

Für Petra Vorpahl, die nach dem Abitur 1980 vier Jahre später ihren Facharbeiterabschluss als Töpferin gemacht hatte, waren bis September 1987 die Genehmigungen erteilt, wie die Akten bestätigen. Die Welt stand Petra Vorpahl offen. Doch es habe wegen ihrer Ausreisepläne Konflikte mit den Eltern gegeben, erinnert sich ihr langjähriger Freund Michael H., der heute in der Schweiz lebt und damals etwa zur selben Zeit einen ähnlichen Plan wie seine Freundin verfolgte. Auf die Frage nach Gründen für Petra Vorpahls Selbstmord sagt er, sie sei „suizidal“ gewesen. Nach dem Schock dieser Ereignisse hatte er sofort seine eigene Ausreise-Heirat abgeblasen und ein Jahr später einen anderen Weg in den Westen gefunden.

Petra sei ein ganz liebes Mädchen gewesen, beschreibt Michael H. seine damalige Freundin. Den Norden habe man ihr deutlich und auf liebenswerte Weise angehört. Für sie sei der Schritt aus einem behüteten Elternhaus in Rostock nach Berlin ein gewaltiger Sprung gewesen, in eine bis dahin kaum geahnte Freiheit. Ähnlich wie auch für ihn. Bewusstseinserweiternd sei das gewesen: „Man muss sich vorstellen, wir waren da noch ganz jung und unerfahren. Und dann taperten wir da hinein in diese Wohnung von Wilfriede Maaß, dort saßen Cäsar (der Renft- und spätere Karussell-Musiker Peter Gläser, d. Red.) und Sascha Andersen auf dem Sofa, spielten Gitarre. Das war beeindruckend für uns, diese offenen Möglichkeiten, die fast grenzenlos scheinenden Freiheiten.“

Petra Vorpahl habe gemalt, gezeichnet, gestrickt, genäht und fotografiert, berichtet Michael H. –„Sie hat ihre Kreativität auf sehr vielen Ebenen ausgedrückt. Deshalb wollte ich sie immer noch zu einem Kunststudium bewegen.“

Was bleibt von so einem jungen, mit träumerischer Kraft die Freiheit wagenden und dann viel zu früh endenden Leben? Erinnerungen: an einstige Grenzen und Sehnsüchte. Und im Falle von Petra Vorpahl bleiben auch einige Arbeiten – wie jenes Teeservice, das die OZ-Kunstbörse in diesem Jahr anbietet: eine Erinnerung besonderer Art.

Dietrich Pätzold

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