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Nachrichten Kultur Eine verquere Kindheit auf dem Schulzenhof
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00:00 09.04.2016
Familienidyll auf dem Schulzenhof? Die Dichterin Eva Strittmatter (1930-2011) und Schriftsteller Erwin Strittmatter (1912-1994).

Der achtjährige Junge auf dem Foto führt ein Pony am Halfter. Er heißt wie sein Vater: Erwin Strittmatter. So ziemlich alle Kinder in der DDR hätten diesen Jungen beneidet, denn er ist dort zu Hause, wo Pedro im Stall steht: auf dem Schulzenhof. Mit dem 1959 erschienenen Kinderbuch „Pony Pedro“ lernten mehrere Generationen die rätselhafte Natur eines Tieres lieben und sich wegzuträumen aus der garstigen Moderne. Wie unglücklich der Junge auf dem Foto aber gewesen ist, erfährt die Leserschaft fast 60 Jahre später. In diesen Tagen erscheint sein Buch „Erinnerungen an Schulzenhof“.

Erwin Berner, Sohn des Schriftstellerpaares Eva und Erwin Strittmatter, hat seine „Erinnerungen an Schulzenhof“ aufgeschrieben

Der 1994 gestorbene Schriftsteller-Vater hat seine Sicht der Dinge in den postum herausgegebenen Tagebüchern festgehalten. Am Ostermontag 1958 notierte er: „Am letzten Teil des Pony-Buches korrigiert. Dazu in das Dachstübchen gezogen. Unten stört mich der Lärm der Kerlchen. Ich bin der Vater mit dem zwiegespaltenen Herzen.“

Die Erkenntnis, dass der hartherzige Egomane und Familientyrann mit dem unbedingten Ehrgeiz, ein literarisches Werk hervorzubringen, seine Mitmenschen drangsalierte, dazu fehlte dem Kriegsheimkehrer die Empathie.

Dabei galt der Schulzenhof Jahrzehnte als Eldorado des Glücks. Seit Mitte der 50er Jahre pilgerten Generationen von Journalisten auf das Vorwerk im Norden Brandenburgs und schrieben salbungsvolle Reportagen über das Landleben des gefeierten Nationalpreisträgers. Der Schulzenhof schien alles auf sich zu vereinen: DDR-Identität und Geselligkeit, Poesie und Erfolg, Weisheit und SED-Politik, Kreativität und Liebe, Kultur und Natur, Familie und eine einträgliche Ponyzucht. Zu dieser Verklärung trug auch die dreibändige Ausgabe „Briefe aus Schulzenhof“ bei, die Eva Strittmatter zwischen 1977 und 1995 herausbrachte.

Die vierfache Mutter, Lektorin ihres Mannes und Aktivistin des Schriftstellerverbandes hatte es geschafft, mit ihrer Lyrik und als Lebensratgeberin für viele Menschen ebenfalls zur Mittelpunktfigur zu werden. Dass ihre Ehe in vielen Phasen absolut unerfreulich verlief, daraus machte sie nach dem Tod ihres Mannes 1994 keinen Hehl mehr. Für eine weitere Entzauberung des Schulzenhofs sorgte 2008 die Nachricht, dass Erwin Strittmatter als privilegierter Angehöriger eines berüchtigten Regiments im Zweiten Weltkrieg grausamste Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung gutgeheißen haben musste.

Darüber hatte er nie Zeugnis abgelegt.

Jetzt meldet sich der älteste Sohn des Schriftsteller-Ehepaars zu Wort, macht die Pein öffentlich, die er bis 1971 auf dem Schulzenhof erlitten hat. Seine Erinnerungen widmet er „all denen, die auch eine leicht verquere Kindheit hatten“. Das Wörtchen „leicht“ meint er ironisch. Er spricht zugespitzt vom „System Schulzenhof“, unter dem er litt. Erwin Strittmatter jr. schreibt unter dem Namen Erwin Berner. Sein Manuskript entstand 2001, mit 47 Jahren resümierte er das Verhältnis zu seinen Eltern und Geschwistern und erzählt über seine Berliner Gegenwart. Es ist ihm wichtig, nicht selbstgerecht wie sein Vater zu erscheinen. Wenn seine Bilanz ans Eingemachte geht, wird er so konkret wie möglich. „Nein, ich will mich nicht rächen“, versichert er. „Ich will notieren, wie es war.

Wie es für mich war.“ Dass dabei Familiengeheimnisse zur Sprache kommen, werden Literaturfreunde möglicherweise als Klatsch und Tratsch abtun.

Erwin Berner: „Erinnerungen

an Schulzenhof“ Aufbau-Verlag 2016,

272 Seiten; 22,95 Euro.

Zur Person

Erwin Berner wurde 1953 als ältester Sohn des Schriftstellerpaares Eva und Erwin Strittmatter in Berlin geboren. Eigentlich heißt er Erwin Strittmatter. Er gab sich 1971 den Künstlernamen Berner. Seit dem 7. Lebensjahr wusste Erwin Berner, dass er Schauspieler werden will. 1971 brach er die Erweiterte Oberschule in Rheinsberg ab und studierte Schauspiel in Rostock.

Bühnenengagements führten Erwin Berner nach Freiberg, Weimar oder Zürich. Er spielte in etwa 50 Filmen mit (u.a. in „Adel im Untergang“ und „Sonjas Rapport“). Auch Theaterstücke und Kabarettprogramme schrieb Berner. Seine Liedtexte werden von Angelika Neutschel und Veronika Fischer gesungen.

Von Karim Saab

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